Eduardo* lädt gerade eine Kiste mit Recycling-Material ab. Der kräftige junge Mann mit Kurzhaarschnitt hat eine Haftstrafe von sechs Monaten erhalten, weil er als Helfershelfer in einen Drogendeal verwickelt war. Sechs Monate entsprechen 720 Stunden – das Höchststrafmass, das man im Arbeitsbetrieb der Zürcher Stiftung für Gefangenen- und Entlassenenfürsorge (ZSGE) mit gemeinnütziger Arbeit abarbeiten kann. Auch Bussen bis zu 400 Franken können in dem Betrieb auf dem Zürcher Kasernenareal in gemeinnützige Arbeit umgewandelt werden. 100 Franken Busse entsprechen vier Stunden Arbeit.

Von seinen 720 Stunden hat Eduardo nun 100 abgearbeitet. Lastwagen entladen, Kaffee kochen oder auch mal das WC im Betrieb reinigen – das sind seine Aufgaben. «Ich habe einen Fehler gemacht», sagt Eduardo rückblickend über seine Verwicklung ins Drogengeschäft. Er zeigt sich motiviert, seine Strafe abzuarbeiten: «Das ist eine gute Chance für mich. So muss ich nicht ins Gefängnis, sondern kann etwas Produktives leisten und bin besser beschäftigt», sagt er.

Ursprünglich stammt Eduardo aus Lateinamerika. Er lebt seit 2006 in der Schweiz, arbeitete in einem Pflegezentrum der Stadt Zürich, bekam dort ein gutes Zeugnis. Auch deshalb kann er seine Haftstrafe nun in gemeinnützige Arbeit umwandeln.

Täglich wechselnde Belegschaft

Rund 45 000 solcher gemeinnütziger Arbeitsstunden werden im ZSGE-Arbeitsbetrieb jährlich geleistet. Die Klientel kommt in Zusammenarbeit mit den Justizbehörden des Kantons, den Sozialdiensten der Stadt Zürich sowie zahlreicher anderer Zürcher Gemeinden hierher. Es ist der grösste derartige Betrieb im Kanton Zürich.

Gemeinnützige Arbeit ist günstiger als Gefängnis. Und sie bringt einen Mehrwert. Michel von Albert. Betriebsleider des ZSGE Arbeitsbetriebs

Gemeinnützige Arbeit ist günstiger als Gefängnis. Und sie bringt einen Mehrwert. Michel von Albert. Betriebsleider des ZSGE Arbeitsbetriebs

Durchschnittlich sind laut Betriebsleiter Michel von Albert pro Halbtag 50 Personen hier im Einsatz. Neben verurteilten Straftätern zählen auch Sozialhilfeempfänger zur Klientel. Die Belegschaft wechselt ständig. Manche sind nur für vier Stunden hier, andere mehrere Monate.

Die Arbeiten, die sie verrichten, sind einfach. «Unsere Klienten müssen keine Vorkenntnisse mitbringen», sagt von Albert. Einige von ihnen hätten Suchtprobleme oder psychische Probleme, etliche seien schon lange erwerbsunfähig, aber viele seien auch gesund und abgesehen von ihrer Delinquenz ganz normal. Infrage kommen aufgrund dieser Zusammensetzung nur Arbeiten, die sich in möglichst viele einfache Arbeitsschritte auf möglichst viele Personen verteilen lassen.

Recycling-Firmen liefern ganze Lastwagenladungen mit Material, das andere nicht mehr brauchen können: zum Beispiel Computer, Fernseher, Staubsauger, Kühlschränke. Auch Privatpersonen können ihren Schrott hier abgeben. Menschen wie Eduardo zerlegen ihn dann in seine Einzelteile. Oder Menschen wie Anton*, bald 60, schütterer Bart, tiefe Falten im hageren Gesicht, aus dem muntere Augen blitzen. «Ich war lange arbeitslos», sagt er. Nun lebe er schon lange von der Sozialhilfe. «Ich kanns nicht ändern», sagt er in bedauerndem Tonfall. Seit drei Jahren ist er im ZSGE-Arbeitsbetrieb tätig. «Ich bin für Kabel und so zuständig, nehme kleinere Sachen auseinander.»

Eine sinnvolle Arbeit? «Wenn du siehst, was die Leute alles wegwerfen, musst du dir an den Kopf langen: Völlig neue Kabel, Fernseher, Ventilatoren, die noch funktionieren, werden hier zerlegt», sagt er. Es sind Dinge darunter, die die Menschen, die sie in ihre Einzelteile zerlegen, zum Teil noch gut brauchen könnten, aber dennoch auseinandernehmen müssen. Geld für Neuanschaffungen haben sie kaum.

Ausser einem Mittagessen, falls sie ganztägig arbeiten, bekommen die Klienten im ZSGE-Arbeitsbetrieb für ihre Arbeit keine materielle Entschädigung. Die meisten von ihnen haben delinquiert. Sie arbeiten hier etwa Strafen für chronisches Schwarzfahren oder für Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz ab. Auch Alkohol am Steuer oder kleinere Betrügereien sind häufige Delikte, derentwegen ein Grossteil der ZSGE-Klientel verurteilt wurde.

Uhren aus Vinylschallplatten

«Gemeinnützige Arbeit ist günstiger als Gefängnis. Und sie bringt einen Mehrwert», sagt Betriebsleiter von Albert. Zum einen gebe sie der Klientel eine Tagesstruktur und helfe beim Wiedereinstieg in ein geordnetes Leben, in die Arbeitswelt, in die Gesellschaft. Michel von Albert, der seit über 25 Jahren im Sozialbereich arbeitet, ist sich allerdings bewusst, dass dies längst nicht immer gelingt: «Wenn man nur schon mit einem Bein aus dem Mainstream herausgetreten ist, wird es immer schwieriger.»

Zum anderen sei der Mehrwert der gemeinnützigen Arbeit auch materieller Art: Hochwertige Rohstoffe wie Kupfer und andere Metalle werden hier zur Wiederverwertung aufbereitet und andernorts für neue Produkte verwendet. Im Atelier, das sich im Obergeschoss des ZSGE-Arbeitsbetriebs befindet, werden aus Recycling-Materialien zudem Produkte für den hauseigenen Shop und den Online-Shop (www.recyclingart.ch) gemacht: Uhren, deren Zifferblätter Vinylschallplatten sind, beispielsweise. Oder Agenda-Büchlein, deren Deckel aus Leiterplatten von Elektrogeräten bestehen.

Justiz- und Sozialämter zahlen

Der Verkauf trägt aber nur einen Bruchteil zum Budget des ZSGE-Arbeitsbetriebs bei. Der Grossteil des Budgets beruht auf Geldern, die der Betrieb für die Beschäftigung seiner Klientel von den Justiz- und Sozialämtern bekommt. Im letzten Jahr bezahlten die Ämter dafür 1,2 Millionen Franken. Rund zwei Prozent des ZSGE-Gesamtbudgets von 3,5 Millionen Franken, mit dem nebst den Arbeitseinsätzen auch Wohnprojekte der Stiftung finanziert werden, basieren auf Spenden.

Während der Kaffeepause komme ich ins Gespräch mit einem weiteren ZSGE-Klienten. Nennen wir ihn Guido*. Auch er redet nur unter dem Vorbehalt der Anonymität mit dem Journalisten. Dabei spielt die Deliktvergangenheit mit, zum Teil auch die Furcht, dass kritische Äusserungen Nachteile zur Folge haben könnten.

Guido arbeitet eine Busse fürs Schwarzfahren ab. Er habe aus beruflichen Gründen oft Tram fahren müssen, sich die Billette jedoch nicht leisten können. In seinen Worten schwingt Unmut mit. Es geht ums Geld. Er ärgert sich etwa darüber, dass die Stadt Zürich eingesammelte herrenlose Velos versteigert, statt sie günstig an Bedürftige abzugeben. Auch, dass er im ZSGE-Arbeitsbetrieb hochwertige Metalle aus Schrott herauslöse, dürfte seiner Ansicht nach besser honoriert werden. Dennoch betont Guido: «Die Arbeit hier hat vielen geholfen, ihr Leben wieder besser in den Griff zu bekommen.»

*Namen geändert.