Es war einige Jahre bevor das Wort «Hamam» erstmals die Neugier der Zürcherinnen und Zürcher weckte. Irgendwo im Labyrinth der Medina von Marrakesch lag der Schreibende in der Unterhose auf dem feuchtheissen Steinboden. Von der hohen Decke tropfte Kondenswasser, ein drahtiger Greis prügelte auf den eingeseiften Rücken ein, derweil verfolgte eine Vertretung der Quartierjugend interessiert die Szene. Im Nachhinein offenbarte sich der Sinn und Zweck des Rituals, zu dem der Guide die beiden Touristen geführt hatte. Sie sollten weichgeklopft werden für den anschliessenden Teppichkauf.

«Türkische Bäder» werden Hamams genannt. Ein paar der prächtigsten Exemplare davon stehen wohl tatsächlich in der Türkei, doch verbreitet sind die Bäder im gesamten Orient. Dasselbe gilt mittlerweile für die Stadt Zürich: Am kommenden Dienstag geht bereits die dritte derartige Einrichtung in Zürich auf, das römisch-irische Schwitzbad im Hürlimann-Thermalbad nicht mitgezählt: «Hammam Basar» heisst der neue – über die Frage, ob man das Wort mit einem oder mit zwei M schreibt, lässt sich streiten.

Den Anfang machte vor über zehn Jahren der Migros Fitnesspark Münstergasse. Vor einer Weile gesellte sich die umgebaute Sauna im Volkshaus dazu – das ehemalige Stadtbad, wo die Arbeiterschaft des Langstrassenquartiers einst der ausserhäuslichen Körperpflege nachging.

Dass nun in der Überbauung am Rande des Patumbah-Parks ein neuer Hamam seine Tore öffnet, hat eine besondere Geschichte: Vor rund 20 Jahren fand Lis Mijnssen, eine der Erbinnen des Zentralschweizer Landis&Gyr-Konzerns, Zürich brauche einen Hamam. In der Folge suchte sie nach einem geeigneten Ort dafür: «Ich habe das ganze Seefeld abgeklappert», sagte Mijnssen anlässlich einer Besichtigung.

Ihr war klar, dass sie ihren Wunsch nicht in einem bestehenden Gebäude realisieren konnte. Die Kurzfassung der darauf folgenden Geschichte: Mijnssen kaufte die Nordhälfte des Parks der Villa Patumbah, die seit 1929 vom Rest des Grundstücks abgetrennt war. Dieses Grundstück war Wohnzone und hätte ganz überbaut werden können. Sogar das Zürcher Stimmvolk musste noch über die Frage befinden, ob hier gebaut werden dürfe. Es war das wohl erste und einzige Mal, dass das Wort «Hamam» in städtischen Abstimmungsunterlagen auftauchte.

Die Wiedervereinigung der beiden Parkhälften ist zu einem grossen Teil Mijnssens Hartnäckigkeit zu verdanken. Die Mitte ist frei geblieben, an den Rändern stehen Wohnhäuser. Die mehrgeschossigen Eigentumswohnungen entlang der Basarmeile haben es Mijnssen überhaupt ermöglicht, ihren Hamam zu bauen. In einer Wohnzone ist maximal 10 Prozent Gewerbe erlaubt. Die Wohnungen waren also Mittel zum Zweck, um den Hamam bauen zu dürfen, ein Nebenprodukt, sozusagen.

Ein Teil des einst verwilderten Parks lebt geschliffen und geölt im neuen Hamam weiter. Die Garderobenschränke und Möbel sind aus Thujaholz gefertigt, das für den Bau geschlagen werden musste. Von aussen wie von innen präsentiert sich das Gebäude mit verspielten Formen und hochwertigen Details, andererseits sehr schlicht. Wer sich unbedingt wie eine Prinzessin aus 1001 Nacht fühlen will, wird andernorts besser bedient. Auf die solcherorts übliche Imitation orientalischer Opulenz (man ist gar geneigt von «Kitsch» zu sprechen) verzichtete die Bauherrin bewusst.

Zwar soll er auch eine Oase der Entspannung sein, doch Mijnssen betont, was ihr Hamam im Grunde ist: ein Bad. In seiner Heimat dient der Hamam nicht in erster Linie gestressten Gutverdienern, die ihre Seele baumeln lassen wollen. Vielmehr ist er schlichtweg ein öffentliches Badezimmer, wo die Leute ihren Körper waschen. Arabern, Berbern und Türken geht es also weniger darum, mit dem Rubbelhandschuh für eine besonders zarte Haut zu sorgen. Vielmehr besucht man in islamischen Ländern am Donnerstag den Hamam, um am Freitag sauber geputzt in die Moschee zu gehen. Hier tut man es fürs Wohlbefinden, dort für Allah.

Mijnssens Hamam ist zwar für hiesige Verhältnisse konzipiert, doch er kommt dem Original erstaunlich nahe. Während die anderen Zürcher Bäder mit wellnessdurstigen Pärchen überquellen, herrscht im Basar strikte Geschlechtertrennung. Samstag und Montag sind Männertage, an allen anderen ist das Bad Frauen vorbehalten.

Punkten kann der Neue auch mit Tageslicht. Denn Wellnessangebote werden aus praktischen Gründen hierzulande gerne in Untergeschosse abgeschoben – zu Unrecht, wie der Hammam Basar beweist: Die Sonnenstrahlen, die durch die Oberlichter fallen, wirken hier dramatisch und beruhigend zugleich.

«Ein Hamam ist etwas Verschwenderisches», sagt Mijnssen, und meint damit wohl nicht nur die Baukosten. Anstelle von kleinen Schalen stehen hier grosse Plastikkübel. Sie laden dazu ein, Wasser in rauen Mengen über sich zu giessen. Dafür wurde auf einen Pool verzichtet: «Stehendes Wasser gilt im Islam als unrein», erklärt die weit gereiste Besitzerin.

Im Gegensatz zu anderen derartigen Einrichtungen sind im Hammam Basar «Savon Noir», eine marokkanische Seife sowie «Rhassoul», ein mineralhaltiger Lehm, inbegriffen. Letzteren schmiert man nach der Reinigung auf den Körper und lässt ihn eine Weile drauf, während man in der feuchten Hitze verbleibt. Angeblich sollen damit giftige Stoffe aus der Haut weichen. Diese beiden anderswo optionalen Zusätze rechtfertigen denn auch den etwas höheren Eintrittspreis von 48 Franken.

Neben dem Hamam selber verkauft der Basar hochwertige Waren aus dem Orient. Auch hier: kein bunter Kitsch, sondern Handgemachtes aus gekämmter Baumwolle oder geschmackvolle Lampen. Zwischen Hamam und Basar liegt ein «Salon», wie Mijnssen das öffentliche Lokal nennt. Dort wird leichte Biokost serviert, sowohl für Hamambesucher als auch für externe Gäste.

www.hammambasar.ch