Ernst Sieber, im dunklen Wollmantel und mit schütterem weissen Haar, umarmt Monika Stocker herzlich. Die frühere Zürcher Sozialvorsteherin ist eine von vielen, die dem Obdachlosen-Pfarrer gestern im Zürcher Stadthaus zusammen mit dem Gesamtstadtrat ihre Aufwartung machten. Anlass war die Verleihung des Staatssiegels von Zürich an den 86-Jährigen als Auszeichnung für sein Lebenswerk.

Ausschnitt aus der Rede von Pfarrer Ernst Sieber im Stadthaus in Zürich

Ausschnitt aus der Rede von Pfarrer Ernst Sieber im Stadthaus in Zürich

«Sie verstehen es wie wenige andere, den Menschen Wärme, Anteilnahme und Mitgefühl zu geben», sagt Stadtpräsidentin Corine Mauch in ihrer Laudatio. Und: «Wo andere wegschauen, da will er hinschauen.»

Mauch erinnert an die Seegfrörni von 1963, als Sieber in jenem eiskalten Winter mit dem Obdachlosenbunker beim Helvetiaplatz den Grundstein für das legte, was 25 Jahre später in die Sozialwerke Pfarrer Sieber mündete: Ein Hilfswerk, das heute 170 Mitarbeitende zählt und Institutionen wie den Brot-Egge, die Wohngemeinschaft Brothuuse, den Pfuusbus, das Sunedörfli und das Ur-Dörfli umfasst, um nur einige zu nennen.

Es sind allesamt Einrichtungen, die praktische (Über-)Lebenshilfe für Randständige bieten - für Obdachlose, Alkoholiker, Drogenabhängige und Jugendliche, die nicht mehr weiter wissen.

Pfarrer Sieber für Lebenswerk geehrt

Pfarrer Ernst Sieber über seine Pläne

Die Stadtpräsidentin würdigt Siebers Rolle in der Drogenpolitik während seiner Zeit als EVP-Nationalrat (1995 bis 1999). Der Pfarrer und Politiker war auch damals ein Mann der Tat: Zur Zeit der offenen Drogenszene versorgte er auf dem Platzspitz und am Letten Süchtige mit Suppe und Brot und gab ihnen Obdach. «Sie haben in dieser Zeit die Diskussionen um eine neue - und heute wissen wir es -, um eine bessere und menschlichere Drogenpolitik entscheidend vorangetrieben», sagt Mauch. «Ihr Verständnis für die Menschen ohne Obdach, für Drogen- oder Alkoholabhängige war und ist wegweisend.»

Dann erhält Sieber das Wort, der gelernte Bauernknecht, der später Theologie studierte und zunächst Pfarrer in Uitikon wurde, wo er heute noch wohnt, ehe er bis zu seiner Pensionierung als Pfarrer in Zürich Altstetten wirkte. Sieber kratzt sich am Hinterkopf und setzt an zu seiner Dankesrede der besonderen Art: frei assoziierend, ohne erkennbare Struktur und doch bewegender und unterhaltsamer als die meisten durchkomponierten Politikerreden.

Er dankt seiner Frau Sonja, seinen acht Kindern, verpasst dem früheren SVP-Nationalratspräsidenten, der jeweils seine Redezeit beschränken wollte, einen verbalen Seitenhieb, erzählt von einer Uitiker Bauersfrau, die sich durch sein Predigtwort von den feurigen Kohlen an das zu Hause noch eingeschaltete Bügeleisen erinnern liess und schnurstracks die Kirche verliess. «Darum geht es doch: Mehr Praxologie, weniger Orthodoxie», sagt Sieber.

Zwei Gedankensprünge weiter ist er bei Jesus, den Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula, die auf dem ihm eben verliehenen Staatssiegel in Silber abgebildet sind, und bei Zwingli. «Das ist die Basis. Der habe ich mich verpflichtet. Und zwar bis zu meinem letzten Atemzug.» Schliesslich verkündet er das Credo seines sozialen Engagements: «Es geht um Menschen. Wir müssen endlich aufhören mit dieser Defizitperspektive. Wir bleiben dran.»

Hört man Sieber reden, kann man sich vorstellen, wie er vor seiner Staffelei steht, hier einen Farbtupfer setzt, dann dort, Querverbindungen herstellt - und dann wieder ganz andere Farbschichten aufträgt. «Ich male wie ein Irrer», sagt er später, nach seinem Alltag gefragt.

Und auf die Frage nach neuen Projekten kommt er auf seinen alten Traum zu sprechen, den er 1995 im Nationalrat einreichte: «Bevor ich abreise, will ich noch ein Bundesdorf realisiert haben, das ein Modell des Zusammenlebens von Reich und Arm darstellt. Wir müssen eine Gesellschaftsordnung anstreben, die keinen Teil ausschliesst.» Die unzähligen Begegnungen mit Randständigen hätten ihn eines gelehrt: «Wir sind alle ebenso randständig.»