Das Zitat wird Sepp Herberger zugeschrieben, der die deutsche Nationalmannschaft als Trainer an der Fussball-WM 1954 in der Schweiz zum Sieg führte: «Das Runde muss ins Eckige.» Ob Herberger sich der Vieldeutigkeit seines Spruchs vollumfänglich bewusst war, ist nicht überliefert. Der runde Fussball musste jedenfalls nicht nur ins eckige Tor, sondern gelangte auch in eckige Fernseher, die damals in Kneipen als neue Attraktion lockten. Es war die Geburtsstunde dessen, was heute Public Viewing genannt wird.64 Jahre später ist das Public-Viewing-Angebot in Zürich gefühlt grösser denn je. Und die Anbieter überbieten sich mit Attraktionen, um gegenüber der Konkurrenz aufzufallen:

  • Das Fifa-Museum (Seestrasse 27) verspricht während der WM allen freien Eintritt, wenn sie in einem FussballNationaltrikot kommen. «Sowohl aktuelle Trikots als auch ehemalige und nostalgische Trikots können getragen werden», heisst es auf der Museums-Website. In der Event-Halle des Fifa-Museums werden alle Spiele gezeigt. Dazu gibt es am WM-Eröffnungstag ein Fussballquiz und an den folgenden Spieltagen prominente Gäste. So sind Talks mit ehemaligen Nationalspielern im Angebot, bei den Gruppenspielen der Schweizer Nati etwa mit Hakan Yakin, Thomas Bickel und Ciriaco Sforza. Selbstverständlich gibts auch eine Bar.
  • Im Kulturhaus Kosmos (Lagerstrasse 104) gibt es auf der Forumstreppe ebenfalls ein Public Viewing mit allen Spielen der Schweiz sowie allen Spielen ab dem Achtelfinale. Zudem findet am 17. Juni unter dem Titel «Kosmopolitics» eine Podiumsdiskussion statt, um die WM in Putins Russland kritisch zu hinterfragen.
  • Der Bogen F (Viaduktstrasse 97) bietet drinnen eine Grossleinwand und draussen vier Grossbildschirme – Public Viewing für jede Wetterlage also, mit kühlen Getränken und Grill-Delikatessen. Wer will, kann auf der nahen Josefwiese gleich selber seine Ballkünste ausprobieren, falls sie nicht überfüllt ist.
  • Der Idaplatz zählt zu den Klassikern unter Zürichs Public-Viewing-Destinationen. Der lauschige Platz in Zürich-Wiedikon ist umgeben von fussball-affinen Bars und wird während der WM zum Open-Air-Public-Viewing.
  • Ein weiterer Zürcher Public-Viewing-Klassiker ist Frau Gerolds Garten (Geroldstrasse 23). Das Mekka der Urban-Beergardening-Fans wartet mit 14 grossen Bildschirmen auf und zeigt jedes Spiel bei jedem Wetter.
  • Apropos Open-Air: Auch das Bauschänzli (Stadthausquai 2), bekannt für seine Oktoberfest-Nachahmung, verwandelt sich während der WM vom 14. Juni bis 15. Juli zum Public Viewing – aber nur, sofern es das Wetter zulässt. Mit zwei grossen Screens für bis zu 800 Personen.
  • Drinnen und draussen lässt sich beim Einkaufszentrum Sihlcity (Büttenweg 16) die Dreifaltigkeit von Bier, Grilliertem und Fussballspielen geniessen. Oder, falls die Spiele zu langweilig sind: die spezielle Architektur von Theo Hotz rund um den Kalanderplatz, die alte Fabrikelemente mit neuen Betonbauten verbindet. Sitzplätze für grössere Gruppen können reserviert werden.
  • Den Charme einer alten Fabrikhalle spielt auch die Halle 622 (Therese-Giehse-Strasse 10) nahe beim Bahnhof Oerlikon aus. Sie wurde unlängst zur Veranstaltungshalle umfunktioniert und feiert nun ihre Premiere als Public Viewing-Standort. Genau genommen ist es nicht die Halle, sondern ihr grosszügig überdachter Eingangsbereich. Dort sind auf einer 25 Quadratmeter grossen Leinwand alle Spiele zu sehen.
  • Public Viewing im grossen Stil gibts zudem im Escher-Wyss-Club (Hardstrasse 305): 1500 Personen sollen hier drinnen und draussen Platz finden, ferner ein grüner Rasen, Lounges, Grossleinwand, Bildschirme und der obligate Open-Air-Grill. Danach heizt ein DJ zur After-Game-Party ein.
  • Und noch ein Tipp aus dem wilden Westen der Stadt: Zum Glatten Köbi (Geroldstrasse 17). Vor und nach den Spielen sorgen Bands und DJs für Unterhaltung abseits der Bildschirme. Auch Pingpong-Turniere, historische Fussball-Projektionen an der Wand sowie Stadt-Troubadour Binggeli stehen auf dem Programm. Und die Bar verspricht Biersorten aus fast allen Ländern, die an der WM teilnehmen.
  • Wer den Weg des Runden ins Eckige nahe beim Hauptbahnhof Zürich verfolgen will, ist im Stall 6 (Gessnerallee 8) an der richtigen Adresse. Auch hier finden drinnen wie draussen Übertragungen statt, dazu Unplugged-Konzerte, die «Spiel um ein Bier»-WM-Torwand, eine Fussballbildli-Ausstellung sowie eine Panini-Bilder-Tauschbörse. Schliesslich wusste schon Sepp Herberger: «Das Spiel dauert 90 Minuten.» Danach geht das Leben weiter.