Arbeitsmarkt
So will Walker Späh den drohenden Arbeitskräftemangel lindern

Laut einer Studie fehlen im Kanton Zürich bis zu 210'000 Arbeitskräfte für ein gleichbleibendes Wirtschaftswachstum bis 2050. FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh setzt auf Digitalisierung, mehr Frauen und über 60-Jährige in der Arbeitswelt – und auf eine stabile Zuwanderung.

Matthias Scharrer
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Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh: «Als Wirtschaftsstandort müssen wir offen sein. Wir brauchen die besten Leute aus der ganzen Welt.»

Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh: «Als Wirtschaftsstandort müssen wir offen sein. Wir brauchen die besten Leute aus der ganzen Welt.»

Keystone

Die Zahlen, die Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) am Donnerstag vor den Medien präsentierte, wirken beunruhigend. Soll das Wachstum der Wirtschaft so weitergehen wie in den letzten 20 Jahren, zeichnet sich ein massiver Mangel an Arbeitskräften ab. Der Grund: Die sogenannten Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er-Jahren, kommen ins Rentenalter. Je nach Berechnungsart fehlen bis im Jahr 2050 kantonsweit zwischen 55'000 und 210'000 Arbeitskräfte, um das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der letzten zwei Jahrzehnte beibehalten zu können – bei aktuell knapp einer Million Erwerbstätigen im Kanton Zürich.

Schweizweit droht ein noch grösserer Arbeitskräftemangel. Dies besagt eine soeben veröffentlichte Studie aus der von Walker Späh geführten kantonalen Volkswirtschaftsdirektion. Vom Wachstumseinbruch wegen der Coronakrise hat sich die Zürcher Wirtschaft nach jetzigem Stand übrigens relativ gut erholt, wie der gleichen Publikation zu entnehmen ist. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 2,3 Prozent, das sind 0,2 Prozentpunkte über Vorkrisenniveau. Wie also will Walker Späh den befürchteten Arbeitskräftemangel beheben, der sich derzeit vor allem in Gesundheits- und technischen Berufen abzeichnet?

«Das erste Thema ist eine Steigerung der Produktivität dank Digitalisierung»,

so die FDP-Regierungsrätin. Corona habe dazu ungewollt bereits beigetragen: «Wir alle haben in der Pandemie einen Digitalisierungsschub erlebt.» Mit Hilfe der Schulen, aber auch der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren solle dieser Trend in Zukunft noch verstärkt werden.

Sodann müsse sich der Kanton Zürich als attraktiver Standort für technologischen Fortschritt positionieren. Als Beispiel nannte sie den Bio-Technopark in Schlieren, auf dem sich in den letzten Jahren zahlreiche Firmen aus dem Life-Science-Bereich angesiedelt haben. Weiter könne der geplante Innovationspark auf dem Flugplatz Dübendorf Schub geben.

Zuwanderung dürfe nicht sinken

Zudem sei das Verhältnis zur Europäischen Union (EU) zu klären. «Wir brauchen stabile Beziehungen zu unseren Nachbarn», sagte die Volkswirtschaftsdirektorin. Und fügte an: «Die Personenfreizügigkeit hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass die Zahl der Erwerbstätigen nicht gesunken ist.» Es gehe aber auch darum, dass die Kontingente für die Zuwanderung aus Drittstaaten nicht gesenkt würden.

Die in der Studie berechneten Szenarien gehen von einer schweizweiten Zuwanderung von jährlich 40'000 bis 50'000 Personen aus dem Ausland aus. «Als Wirtschaftsstandort müssen wir offen sein. Wir brauchen die besten Leute aus der ganzen Welt», so Walker Späh.

Auf die Frage, ob es mehr Zuwanderung brauche, um den drohenden Arbeitskräftemangel zu verhindern, reagierte sie ausweichend. Sicher sei: Der Fachkräftemangel werde sich verschärfen, wenn es keine stabile Beziehung zur EU gebe. Insbesondere der Einbezug der Hochschulen ins EU-Innovationsförderprogramm Horizon sei von grosser Bedeutung.

Mehr Frauen und über 60-Jährige an die Arbeit

Ein grosses Arbeitskräfte-Potenzial ortet die Volkswirtschaftsdirektorin vor allem bei Frauen, die derzeit nicht oder Teilzeit berufstätig sein. Insgesamt gebe es ein «schlummerndes Potenzial» von kantonsweit 140'000 Personen, die mehr arbeiten könnten und teils auch wollten. Anreize wie die Individualbesteuerung von Eheleuten könnten dazu beitragen, dieses Potenzial besser zu nutzen. Und: Der Kanton dürfe nicht locker lassen im Bemühen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf attraktiv zu machen.

Ein weiteres noch zu wenig genutztes Potenzial seien ältere Leute, die noch arbeiten könnten und wollten. Dieses Arbeitskräftepotenzial umfasse kantonsweit rund 100'000 Personen. «Ein flexibleres Rentenalter wäre nicht nur zur Sicherung der Altersvorsorge, sondern auch zur Linderung des Arbeitskräftemangels wichtig», so Walker Späh.

Die 63-jährige FDP-Politikerin will übrigens bei den Regierungsratswahlen 2023 nochmals antreten, wie sie unlängst bekanntgab. Das heute geltende Rentenalter hätte sie dann bereits erreicht.

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