Sulzer
Wird in Winterthur bald ein 20000-Mitarbeiter-Konzern geleitet – oder gar keiner?

«Es könnte schnell gehen»: ZKB-Analyst Armin Rechberger würde eine Fusion von Sulzer mit US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand begrüssen.

Michael Graf
Drucken
Teilen
Im Sulzer-Hauptquartier werden laut der «Handelszeitung» Pläne für einen Zusammenschluss mit dem US-Konzern Dresser-Rand geschmiedet. Die Verhandlungen seien weit vorangeschritten.

Im Sulzer-Hauptquartier werden laut der «Handelszeitung» Pläne für einen Zusammenschluss mit dem US-Konzern Dresser-Rand geschmiedet. Die Verhandlungen seien weit vorangeschritten.

Marc Dahinden

Herr Rechberger, sind die Fusionsgerüchte um Sulzer und Dresser-Rand nur Spekulation, oder könnte etwas dran sein?

Armin Rechberger: Ich denke, das hat Hand und Fuss. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat Peter Löscher, der Verwaltungsratspräsident von Sulzer, in seiner Zeit bei Siemens offenbar schon einmal eine Übernahme von Dresser-Rand geprüft. Und zweitens würde eine Fusion auch von der Ausrichtung her total Sinn machen.

Warum das?

Die Produktpalette ergänzt sich. Sulzer stellt keine Kompressoren oder Gasturbinen her, möchte aber seit längerem ihr Servicegeschäft in diese Bereiche ausdehnen. Im Energiebereich hätten die Firmen viele Synergien, gemeinsam könnten sie ihre Produkte besser vermarkten. Auch geografisch ergänzt man sich gut: Dresser-Rand ist in Amerika stark, Sulzer in Europa, und beide verfügen über ein weltweites Vertriebsnetz.

Sulzer bestätigte gestern nur, dass man mit Dresser-Rand Gespräche führe.

Das würden sie kaum tun, wenn nicht schon vieles auf dem Weg wäre. Auf blosse Spekulationen reagieren grosse Firmen in der Regel nicht. Die Sulzer-Aktie wurde gestern sogar kurzzeitig vom Handel suspendiert, was selten passiert. Wenn die Details stimmen, welche die «Handelszeitung» publiziert hat, sind die Gespräche weit vorangeschritten. Es könnte schnell gehen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Fusion?

Ich schätze die Chancen auf 60 bis 70 Prozent, dass bei Dresser-Rand eine Transaktion ansteht. Das schliesst aber auch die Möglichkeit ein, dass eine andere Firma Sulzer noch zuvorkommt. Siemens soll an einer Übernahme interessiert sein, und durch die jüngsten Schlagzeilen wird die Firma auch auf dem Radar anderer Interessenten erscheinen, zum Beispiel Hitachi.

Was spricht für Sulzer?

Für Dresser-Rand könnte es attraktiver sein, sich mit einer ähnlich grossen Firma zusammenzuschliessen, als eine Sparte in einem Grosskonzern zu werden.

Wer hätte nach einer solchen Elefantenhochzeit das Sagen?

Am wahrscheinlichsten wäre ein Zusammenschluss unter Gleichen. Dresser-Rand ist an der Börse leicht mehr wert und ist auch profitabler. Übernehmen könnten sie Sulzer aber schlecht, dazu sind sie zu verschuldet. Sulzer dagegen hat nach dem Metco-Verkauf rund eine Milliarde Cash in der Kasse. Dass Sulzer eine Übernahme wagt, ist aber ebenso unwahrscheinlich. Allein weil die amerikanischen Besitzer es nicht goutieren würden, dass mit Herrn Vekselberg ein russischer Investor ihr Traditionsunternehmen übernähme.

War Ihnen Dresser-Rand bisher schon ein Begriff?

Ja, als Konkurrent von Burckhardt Compression. Ein renommiertes
Unternehmen mit einer Firmen-
geschichte, die bis 1880 zurückreicht.

Dresser-Rand hat seinen Sitz in Houston, dem Zentrum der amerikanischen Öl- und Gasindustrie. Das wäre dann bei weitem der grösste Geschäftsteil des neuen Unternehmens. Hat Winterthur da schlechte Karten im Poker ums Hauptquartier?

Wo im Falle einer Fusion der Hauptsitz wäre, ist schwierig abzuschätzen. Da gibt es eine Reihe von Faktoren, die relevant sind. Die Nähe zum Ölmarkt würde für Amerika sprechen. Die Steuern dagegen für die Schweiz. Es ist ganz generell nicht so, dass die Schweiz als Hauptquartier für Ausrüstungsfirmen im Energiebereich a priori schlechte Karten hätte. Das wird deutlich, wenn Sie sich das Tableau der Schweizer Börse anschauen.

Die Aktionäre begrüssen die Fusionsgerüchte. Die Sulzer-Aktie legte am Donnerstag rund acht Prozent zu. Warum?

Die «Handelszeitung» schätzt die möglichen Synergien auf 150 Millionen Franken. Jährlich wiederkehrend ist das ein Milliarden-Wert, um den die neue Firma profitabler würde.

Synergien, das heisst ein Stellenabbau?

Nicht unbedingt. Es gibt wenige Überlappungen in den Geschäftsfeldern. Diese Überlegung stand sicher nicht im Zentrum. Wichtiger ist, dass man auf Mehrverkäufe hofft, da man eine breitere Produktpalette anbieten kann. Sulzer wäre für Dresser-Rand in Europa ein Türöffner, Dresser-Rand für Sulzer in Amerika.