Herr Bachmann, die reformierte Landeskirche will bis 2023 die Zahl der Kirchgemeinden massiv reduzieren, von 170 Gemeinden auf 40, so lautete bis vor kurzem der Zielwert. Vielerorts ist eine Fusion aber gar nicht erwünscht.

Matthias Bachmann: Das ist richtig. Wir stecken mitten in Lernprozessen, wie das bei Umstrukturierungen dieser Dimension üblich und erwartungsgemäss ist. Wir wollen alle mitnehmen, vor Ort die jeweils besten Lösungen suchen. Wir haben die Zielgrösse revidiert. Lieber wollen wir möglichst gute, statt möglichst vieler Zusammenschlüsse.

Die Mehrheit der Kirchgemeinden im Kanton Zürich zieht einen Zusammenarbeitsvertrag gemäss Vernehmlassungsbericht des Kirchenrats der eigentlichen Fusion vor.

Wenn eine Fusion nicht erwünscht ist, ist sie im Augenblick keine Option. Jede Zusammenarbeit und jeder Zusammenschluss soll in den betreffenden Regionen von innen getragen, nicht von aussen erzwungen werden.

Die Zusammenarbeitsverträge, die der Kirchenrat vorschlägt, können bis Ende August nun nicht bearbeitet werden. Das Moratorium, der vom Rat verordnete Aufschub, hat die Bemühungen in vielen Gemeinden vorerst blockiert. Steckt der Wurm drin im Projekt?

Das Moratorium verzögert die Weiterarbeit nur um drei Monate. Es soll keinen Zeitverlust verursachen. Es geht im Gegenteil darum, Zeit zu gewinnen. Wenn wir im September zweckmässige Musterverträge vorlegen, dann ist allen geholfen. Detaillierte Sonderlösungen und komplexe Vertragsgebilde sind nämlich nicht sinnvoll, sie erschweren die weitere Entwicklung der Zusammenarbeit.

60 Prozent der Gemeinden, die einen solchen Vertrag wollen, sehen ihn aber nicht als Zwischenschritt zur Fusion, was meinen Sie demnach mit «Weiterarbeit»?

Auch für Gemeinden, die ihre Zusammenarbeit vertraglich regeln, ist es besser, flexibel zu bleiben und sich nicht mit einem starren Regelwerk Veränderungen zu verbauen.

Wurden Sie denn überrascht von den vielen Verträgen, die zur Bearbeitung hereinkamen?

Nein. Es war zu erwarten, dass man vor den Behördenwahlen im nächsten Frühjahr das Erreichte vertraglich festschreiben will. Erfahrungsgemäss wechselt bei Behördenwahlen rund ein Drittel der Behördenmitglieder.

Dann hätte das Moratorium verhindert werden können? Die Behörden geraten in Zeitnot, weil es Ende August knapp wird, die Verträge noch abzuschliessen vor den Neuwahlen.

Wir werden möglichst einfach adaptierbare Vorlagen machen, die gute Regelungen noch vor dem Behördenwechsel im kommenden Jahr erlauben.

Im Fall Pfungen-Dättlikon etwa wurde der Vorwurf laut, dass es der Landeskirche an einer brauchbaren Strategie fehle.

Das ist ein Spezialfall.

Eine Fusion wurde im Januar verunmöglicht, weil die Synode die Entschuldung Dättlikons nicht übernahm. Danach haben sich Dättlikon und Pfungen für einen Vertrag entschieden, der nun am Moratorium scheitert. Nun scheint es zeitlich zu knapp, um Jahre an Arbeit und guten Willens vor den Wahlen in trockene Tücher zu bringen. Verstehen Sie den Frust?

Pfungen und Dättlikon hatten doppeltes Pech. Dass die Synode ihre Zustimmung geben muss, ist urschweizerisch und im Sinne der Demokratie. Mit Steuereinnahmen wird haushälterisch umgegangen. Das Moratorium wird rechtzeitig aufgehoben, Pfungen und Dättlikon werden nicht umsonst gearbeitet haben.

Was sagen Sie zum Vorwurf, es fehle an einem klaren Konzept?

Der Kirchenrat hat stets gesagt, dass Kirchgemeinde Plus ein Prozess ist, kein Projekt. Ein solcher Prozess braucht Führung, und zugleich benötigt er Offenheit. Unsere Verantwortung liegt darin, die Kirchgemeinden in langfristig gute Lösungen zu begleiten.

Wir reden hier über Strukturen. Wie sieht die Strategie inhaltlich aus?

Da gibt es ein klares Konzept. Inhaltlich wollen wir, dass sich die Kirchgemeinden nah, vielseitig und profiliert entwickeln können.

Was heisst das?

Wir sind davon überzeugt, dass grössere Kirchgemeinden einfacher neue Wege gehen können. Sie können zum Beispiel einen kirchlichen Ort aufbauen, der Familien mit Kindern ins Zentrum rückt, Patchwork-Familien inklusive. In einer grösseren Gemeinde sind solche Profilierungen besser möglich, weil sie mehrere kirchliche Orte umfasst – nicht alles muss alle ansprechen.

Wie könnte ein solches Profil sonst noch aussehen?

Die einen setzen vielleicht auf intellektuelle Gottesdienste, andere auf eher erlebnisnahe Spiritualität. Wieder andere holen besonders fromme Besucher ab. In einem grossen Einzugsgebiet ist vieles möglich.

Aber Menschen, die nicht sehr mobil sind, müssen dann aus ihrer Gemeinde hinaus, wenn sie das gesuchte Angebot nicht in der eigenen Kirche finden.

Bei Gottesdiensten gibt es Lösungen mit Fahrdiensten. Seelsorge hingegen kann weiterhin vor Ort geschehen. Es wird Zeit brauchen, aber diese Kultur wird sich entwickeln.

Für welche Kultur steht die Landeskirche?

In unserer reformierten Gemeinschaft ist Freiheit Programm. Das zeigt sich etwa daran, dass wir kein Glaubensbekenntnis kennen und unterschiedliche Antworten auf grosse Fragen zulassen.