Zürich

«Wir sind nicht mit dem Flughafen verheiratet worden»

Rita Ziegler vom Universitätsspital Zürich

Rita Ziegler vom Universitätsspital Zürich

2018 will das Universitätsspital Zürich in der geplanten Grossüberbauung «The Circle» am Flughafen Kloten einziehen. Auf 10000 Quadratmetern sollen eine rund um die Uhr geöffnete Notfallstation und weitere medizinische Leistungen angeboten werden.

Kritiker finden das Angebot überflüssig. Es konkurrenziere die bestehende und gut funktionierende Grundversorgung und verursache eine Überkapazität. Das Spital Bülach bezweifelt zudem, dass das USZ das neue Zentrum kostendeckend betreiben kann. Auch Kantonsräte haben die Expansion des USZ mit Vorstössen kritisch beurteilt und hinterfragt.

Frau Ziegler, haben Sie mit diesen Vorwürfen gerechnet?

Rita Ziegler: Wenn das USZ seine Pfade verlässt, ist das ungewöhnlich. Entsprechend mussten wir mit Reaktionen rechnen. Es ist aber auch unbestritten, dass Spitalrat und Spitaldirektion die Aufgabe zukommt, für die Zukunft des USZ vorausschauende Entscheide zu treffen.

Sieht die Zukunft denn düster aus?

Nein, aber wir müssen in den nächsten drei bis fünf Jahren eine Reduktion unserer Flächen hinnehmen, die uns empfindlich einschränkt. Wir müssen uns dem Thema «Ersatzflächen» annehmen. Zwei Drittel der Fläche am Flughafen werden allein aufgrund des absehbaren Engpasses benötigt. Den Rest werden wir für die Gesundheitsversorgung am Flughafen brauchen.

Und wie hat sich der Standort am Flughafen ergeben?

Die Gespräche entstanden nach einer Begegnung mit Flughafenverantwortlichen letzten November. Schnell wurde klar, dass die Fläche im «The Circle» die Lösung für unsere Kapazitätsprobleme sein könnte. Im März haben wir dann die Absichtserklärung unterschrieben.

Es ist ja schon länger bekannt, dass der Flughafen einen Mieter für den Gesundheitsbereich im «The Circle» sucht. Weshalb haben Sie nicht früher zugegriffen?

Wir haben uns den Standort schon vor vier, fünf Jahren angeschaut und ihn für die Behandlung von internationalen Patienten in Erwägung gezogen. Wir kamen damals aber zum Schluss, dass die vorgesehene Fläche dafür zu gross sei. Weil wir nun aber in Zürich ein Gebäude schliessen müssen und den Modulbau vorerst nicht realisieren dürfen, ist für uns das Thema «Auslagerung von Betriebsteilen» im Herbst dringlich geworden. Unter diesem Aspekt fiel die Beurteilung anders aus als vor einigen Jahren.

Hat der Kanton vermittelt?

Um das klarzustellen: Der Kanton hat überhaupt nicht mitgeholfen. Wir sind auch nicht mit dem Flughafen verheiratet worden – wir haben uns selber gefunden (lacht).

Wie hat der Regierungsrat auf die Nachricht reagiert?

Wir haben den Regierungsrat stufengerecht vor der Unterzeichnung informiert. Er war überrascht, konnte unsere Überlegungen aber nachvollziehen und war auch überzeugt, dass es ein unternehmerischer Entscheid ist, der sinnvoll ist.

Hätte der Kanton, der ja Eigentümer des USZ ist, die Spitaldirektion noch umstimmen können?

Nein. Die Kompetenz dazu liegt beim Spital, und unser Entscheid stand fest, zumal sich anderswo keine Möglichkeiten für einen Flächenersatz zeigten.

Welche Dienstleistungen wird das USZ konkret am Flughafen anbieten?

Das medizinische Leistungsangebot müssen wir erst noch konkretisieren. Sicher wird es eine rund um die Uhr geöffnete Notfallstation geben. Sicher ist aber auch, dass es weder eine Intensivstation geben und noch schwere, hochkomplexe Medizin praktiziert wird. Hingegen soll es Angebote im ambulanten und kurzstationären Bereich geben. Wir haben beispielsweise eine medizinische Poliklinik oder eine Dermatologie, die permanent überlastet sind. Einige dieser Patienten können wir künftig im «The Circle» behandeln. Das ist ja einer der Vorteile: Der Flughafen ist vom Zürcher HB so schnell zu erreichen wie das USZ.

Ist eine Zusammenarbeit mit dem Spital Bülach geplant?

An uns soll es nicht liegen. Wir haben die meisten Anbieter in der Flughafenregion am Tag vor der Bekanntgabe unserer Pläne kontaktiert und sind auch jetzt mit allen im Gespräch. Uns liegt viel daran, dass wir mit dem Spital Bülach und den umliegenden Ärzten ein gutes Einvernehmen haben und einen gemeinsamen Nutzen generieren können.

Das Spital Bülach befürchtet, dass ihm das USZ Patienten wegnehmen wird.

Wir wollen Fälle, die am Spital Bülach behandelt werden, nicht einfach zu uns schleusen. Aber natürlich ist es möglich, dass nebst Flughafenpersonal und Reisenden auch Patienten aus der Region zu uns kommen oder überwiesen werden. Das ist allerdings nicht unser Fokus. In erster Linie geht es uns wie gesagt um die Verlegung bestehender Angebote. Ich habe aber auch Verständnis für das Spital Bülach. Heute ist das im Gesundheitswesen so: Wenn sich jemand bewegt und in ein anderes Hoheitsgebiet eindringt, löst das Befremden aus.

Wieso?

Seit der neuen Spitalfinanzierung besteht ein Markt, das nationale Gesetz will das so. Demnach sollen alle Spitäler über gleich lange Spiesse verfügen. In den Köpfen der Mehrheit besteht jedoch weiterhin die Vorstellung, dass der Markt den privaten Anbietern gehört und die öffentlichen geplant werden sollen. Aber ist es denn besser, wenn Private das Angebot am Flughafen übernehmen? Abgesehen davon kann das USZ es sich nicht leisten, Marktanteile zu verlieren. Es braucht eine gewisse Grösse, um die zukünftigen Fachkräfte ausbilden zu können. Assistenzärzte sollen übrigens auch am Flughafen eingesetzt werden. Wir werden dieselbe Art der Medizin anbieten wie in Zürich – auch Forschung wird betrieben.

Wie viele Mitarbeiter werden Sie denn am Flughafen beschäftigen?

Das hängt vom künftigen Angebot ab, aber wenn man die Quadratmeter anschaut und das Leistungsangebot voll ausschöpft, werden es um die 300 Mitarbeitende sein. Es braucht ja Personal für Pflege, Labor, Radiologie und viele Hintergrunddienstleistungen, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind.

Das zusätzliche Angebot dürfte die Nachfrage erhöhen. Dadurch werden auch die Gesundheitskosten steigen.

Ob das Angebot die Nachfrage erzeugt oder umgekehrt, ist in der Fachwelt umstritten. Es ist aber sicher so, dass wir im Gesundheitswesen immer mehr können und niemand auf den Fortschritt in der Medizin verzichten will. Kommt hinzu, dass die Bevölkerung in der Region um den Flughafen stark zunimmt und die Nachfrage allein auch dadurch steigt, dass die Menschen immer älter werden. Insofern macht man es sich zu einfach, wenn man postuliert, dass die Gesundheitskosten aufgrund des neuen USZ-Standorts steigen. Und würde nicht das USZ die Leistungen erbringen, würde es ein anderer Anbieter tun.

Diejenigen, die extra nach Zürich fliegen, um sich am USZ behandeln zu lassen, könnten aber Folgekosten verursachen, welche die Allgemeinheit tragen muss.

Dass das Angebot auch von sogenannten internationalen Patienten und Patientinnen genutzt werden könnte, schliessen wir nicht aus. Ein solches existiert bereits am USZ. Wir beteiligen uns auch an der Organisation Swiss Health, die versucht, das Image des schweizerischen Gesundheitswesens im Ausland zu pflegen und dessen gute Leistungen dort bekannt zu machen. Die internationalen Patienten werden am neuen Ort aber kein strategisches Segment sein, allenfalls ein willkommener Nebeneffekt. Dass diese Selbstzahler allerdings Kosten verursachen, die die Allgemeinheit zu tragen hat, stimmt nicht.

Kann das USZ sich denn überhaupt ein Gesundheitszentrum ohne Gelder der öffentlichen Hand leisten?

Natürlich müssen wir das selber zahlen, so gibt es das Krankenversicherungsgesetz vor. Und laut unseren Kalkulationen wird das Zentrum im «The Circle» sicher nicht teurer, als wenn wir hier in Zürich einen Neubau realisieren müssten.

Man spricht von Mietkosten in Höhe von 450 Franken pro Quadratmeter – und das im Rohbau. Stimmt die Zahl?

Ja, die stimmt. Aber selbst, wenn man noch so grosszügig rechnet – und das haben wir gemacht –, kommt es uns am Flughafen nicht teurer als in Zürich. Wir profitieren am Flughafen von einer Infrastruktur, die wir nicht selber finanzieren müssen, zum Beispiel die ganze Erschliessung inklusive Parkhäuser.

Wie schätzen Sie das Risiko für den Eigentümer ein, den Kanton Zürich?

In erster Linie bergen die Planungsunsicherheiten in Zürich das Risiko, dass wir den Leistungsauftrag in Zukunft nicht mehr erfüllen können. Das geplante Gesundheitszentrum am Flughafen ist für uns ein Lichtblick. Die Situation wird stabiler und das Betriebsrisiko erheblich reduziert.

Wie sieht der Zeitplan bis zur Eröffnung im Jahr 2018 aus?

Wir werden nun die Umrisse des Leistungsangebots definieren. Das ergibt dann die Vorgabe für den Ausbau. Wir arbeiten am Vorvertrag, und im Herbst wollen wir den Vertrag unterzeichnen.

Stehen bis zur Realisierung noch Hürden im Weg?

Für uns nicht. Der Spitalrat hat grünes Licht gegeben. In diesem Sinne kann es nun vorangehen.

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