Ein weinrotes Brieffach mit der Aufschrift «Sämi Sägesser» ist das Einzige, was in Alex Stählis Büro an seinen Vorgänger erinnert. Das Fach ist leer, die Übergabe vollzogen. Stähli, ein gut gekleideter Zürcher Mittvierziger und neuer Leiter von «Tischlein deck dich», entspricht nicht dem Bild des Hilfswerksmitarbeiters. Das sei auch richtig so, sagt er. Die Organisation sehe sich nämlich weniger als Hilfswerk denn als «Initiative der Wirtschaft», die sich die Umverteilung überschüssiger Nahrungsmittel auf die Fahne geschrieben hat.

Wenn ich an Lebensmittelhilfe denke, so denke ich an Länder des Südens, an Gegenden mit Hungersnöten, aber nicht an die Schweiz. Wieso ist diese Art von Hilfe hier notwendig?

Alex Stähli: Bei uns geht es im Gegensatz zu Nahrungsmittelhilfe in Drittweltländern nicht um Überlebenshilfe, sondern um eine Entlastung des Haushaltsbudgets von armutsbetroffenen Menschen, von denen es hier – so schätzt Caritas Schweiz – gegen eine Million gibt. Das können Working Poor sein, alleinstehende Mütter oder Menschen, die aus dem Arbeitsprozess gefallen sind. Der zweite Grund für unser Engagement ist der enorme Überfluss an Nahrungsmitteln: Zwei Millionen Tonnen einwandfreier Lebensmittel werden in der Schweiz pro Jahr vernichtet. Wir sehen uns als Dienstleister, der den Brückenschlag zwischen dem Überfluss und der Not von Menschen macht.

Sie geben die Lebensmittel nicht gratis, sondern zu einem symbolischen Preis von einem Franken ab. Wieso?

Armut ist bei vielen Menschen mit grosser Scham verbunden. So wissen wir, dass nur etwa ein Drittel der Personen, die eine Bezugskarte erhalten haben, auch davon Gebrauch machen. Mit dem symbolischen Franken wird aus der Lebensmittelspende ein Kaufakt. Dies macht es für viele leichter, bei uns einzukaufen, weil sie sich in ihrer Würde nicht – oder weniger – verletzt fühlen.

Ich behaupte, Ihre Organisation hilft mit, dass Grossverteiler weiterhin überproduzieren, indem Sie ihnen die Möglichkeit geben, Waren loszuwerden, die sonst im Abfall landen würden. Eine als Spende getarnte Entsorgung.

Dieser Eindruck ist falsch. Die Margen in der Lebensmittelbranche sind derart tief, dass alles, was weggeworfen wird, ein Verlust ist und niemand ein Interesse daran haben kann, Überschüsse hinzunehmen. Sicherlich braucht es aber Anstrengungen, dass Überschüsse nicht einfach als branchenübliche Verluste hingenommen werden.

Offenbar lohnt es sich aber, tonnenweise Material wegzuwerfen. Die Lebensmittel sind zu billig.

Der Druck auf die Lebensmittelpreise ist enorm, wir sind Schnäppchenjäger, wollen alles immer billiger haben. Das ist tatsächlich ein Teil des Problems.

Als Kunden haben wir uns daran gewöhnt, dass wir jederzeit jedes Gemüse und jede Frucht und 20 Sorten Brot bis Feierabend zur Verfügung haben. Damit provozieren wir die Überschüsse mit. Was raten Sie den Konsumenten?

Auch das ist ein Teil des Problems, das riesige Angebot, an das wir uns gerne gewöhnt haben und auf das wir schwerlich werden verzichten wollen. Mir selber ist das enorme Ausmass der Verschwendung von Lebensmitteln erst durch die neue Arbeit bewusst geworden und hat mich zu einer Verhaltensänderung gebracht. Wo früher purer Hedonismus mein Einkaufsverhalten geprägt hat, so zügle ich diesen heute und esse zuerst, was im Kühlschrank steht, bevor ich etwas Neues einkaufe.

Warum wollten Sie Geschäftsführer von «Tischlein deck dich» werden?

Die Stelle vereint alle beruflichen Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe: Logistik auf der einen Seite, die sinnstiftende Arbeit in einer Non-Profit-Organisation und der Bezug zu Lebensmitteln bei meinem letzten Arbeitgeber. Hier habe ich gewissermassen «The perfect match»!

Wohin wollen Sie die Organisation führen?

Die Nachfrage nach neuen Abgabestellen ist gross. Wir erreichen im Moment wöchentlich 12'500 Menschen und verteilen im Jahr 2000 Tonnen Lebensmittel. Dem stehen bis zu einer Million Armutsbetroffene und zwei Millionen Tonnen Lebensmittel gegenüber, die pro Jahr vernichtet werden. Das Potenzial ist enorm, unser Ziel ist es, kontinuierlich neue Abgabestellen zu eröffnen, sodass wir bis 2014 hundert solche in allen Landesteilen anbieten können.

Über dieses Ziel hinaus, welches ist Ihre Vision?

Ich wünsche mir, dass ich dereinst eine grosse Abschiedsparty geben kann, bei der wir «Tischlein deck dich» auflösen, weil keine Lebensmittel mehr vernichtet werden und die soziale Schere sich geschlossen hat (lacht).

Spenden gesucht:

«Tischlein deck dich» will weiter
wachsen und sucht Nahrungsmittelspender, aber auch Geldspenden,
um das Netz von Abgabestellen
ausbauen zu können. Informationen
unter www.tischlein.ch.