Florian Schmitz gehört zu den Pionieren des neuen Wohnens: Vor einem Monat ist er in die Genossenschaft «Mehr als Wohnen» eingezogen. Die Neubausiedlung im Stadtteil Leutschenbach, deren zentraler Platz er von seinem Balkon aus überblickt, ist das Prestigeprojekt des gemeinnützigen Wohnungsbaus in Zürich schlechthin.

Die Ambitionen sind gross: Wer hier wohnt, soll die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft erreichen können. Zudem werden verschiedenste Wohnformen kombiniert, von der Familienwohnung über die 9-Zimmer-Wohngemeinschaft bis hin zur sogenannten Satellitenwohnung, in der private Einzelzimmer mit gemeinsamer Wohnküche kombiniert werden. Auch Räume für kulturelle oder soziale Gemeinschaftsprojekte der Siedlungsbewohner stehen zur Verfügung. Und: Wohnen und Arbeiten am gleichen Ort wird ermöglicht durch hinzumietbare Arbeitszimmer und Raum für Gewerbe in den Erdgeschossen der 13 Wohnblöcke.

Auto und Tiefkühltruhe werden geteilt

Entstanden ist das Projekt anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des gemeinnützigen Wohnungsbaus in Zürich im Jahr 2007. Damals gründeten 35 Baugenossenschaften die Genossenschaft «Mehr als Wohnen». Nun hat der Praxistest begonnen. Die Siedlung, die Wohnraum für 1300 Menschen bietet, ist zu mehr als der Hälfte bezogen. Mitte Mai soll der Bezug abgeschlossen sein.

Schmitz, der als freier Mitarbeiter der «Limmattaler Zeitung» arbeitet, bewohnt mit zwei anderen jungen Männern eine 4½-Zimmer-Wohnung für 2140 Franken pro Monat. Der gemeinsame Balkon verbindet sie mit den beiden benachbarten Wohnungen. Gelegenheit zur informellen Vernetzung ist also nur schon baulich gegeben. Die direkten Nachbarn sind allerdings noch nicht eingezogen.

Doch über die Online-Plattform der Genossenschaft läuft die Vernetzung bereits: Schmitz traf so auf einen anderen Genossenschafts-Bewohner, der seiner Wohngemeinschaft zum Selbstkostenpreis Internetkabel verlegte. Und beim monatlichen Quartiergruppentreff entstand eine Gruppe, die nun eine Kino-Lounge im grössten Gemeinschaftsraum der Genossenschaft plant. «Da bin ich dabei», sagt Schmitz. «Wir haben aus einem alten Kino in Baden schon mal vier alte Kinosessel ersteigert.»

Über die Online-Plattform der Genossenschaft suchen sie nun Sofas, um die Kino-Lounge zu möblieren. Eine andere Quartiergruppe plant im gleichen Raum eine Bibliothek, wieder eine andere ein Café. Das gemeinschaftliche Zusammenleben entwickelt sich also. Doch wie wirkt sich das 2000-Watt-Ziel auf die Bewohner aus? Wie alle, die nicht aus gesundheitlichen oder beruflichen Gründen zwingend aufs Auto angewiesen sind, musste Schmitz eine Autoverzichts-Erklärung unterschreiben. Im Mietpreis inbegriffen ist dafür das Mobility-Abo. Damit können die Bewohner bei Bedarf auf eines der Mobility-Autos der Genossenschaft zurückgreifen. Auch ein Velo- und E-Bike-Verleih ist geplant.

Ebenso wie aufs Auto müssen die Bewohner auf Waschmaschine, Tumbler oder Tiefkühltruhe in der eigenen Wohnung verzichten. Die Gemeinschafts-Waschküche und das kleine Tiefkühlfach im Kühlschrank müssen reichen. Dennoch sagt Schmitz: «Wir haben nicht das Gefühl, wir seien eingeschränkt.» An Strom für die vielen elektronischen Geräte seiner WG – von Computern bis zum Beamer – mangle es jedenfalls nicht. Der Strom kommt direkt von den Dächern der Genossenschaftssiedlung, die mit Solaranlagen ausgestattet sind. Geheizt wird mit Abwärme aus dem nahe gelegenen Rechenzentrum der Stadt Zürich.

Beim Heizen «entmündigt»

Was das Heizen betrifft, seien die Mieter «entmündigt», sagt Schmitz. Die Wortwahl lässt einen gewissen Unmut erahnen. Wer mehr oder weniger Wärme brauche, müsse sich an die Rezeption der Genossenschaftssiedlung wenden. Dem Vernehmen nach hätten sich viele Mieter beklagt, es sei in den Wohnungen zu kalt gewesen, als draussen Frost herrschte. Tempi passati: Das Thermometer in Schmitz’ Wohnküche zeigt nun behagliche 24,5 Grad Celsius an. Zu warm, gemessen am Öko-Anspruch: «Als der Hauswart kürzlich da war, fand er: Das geht gar nicht», sagt Schmitz. Von kleineren Baumängeln abgesehen, ist sein Fazit nach einem Monat positiv: «Insgesamt gefällts mir gut hier. Das Potenzial des gemeinschaftlichen Quartiergedankens ist da. Bin gespannt, wie es sich entwickelt.»