Universitätsspital Zürich
«Wir haben eine der tiefsten Organspenderaten Europas»

Schweizer lehnen Organspende mehrheitlich ab. Allein im Jahr 2012 sind am Universitätsspital Zürich 7 Prozent der Menschen auf der Warteliste gestorben. Das Universitätsspital konnte die Anzahl Spender aber steigern.

Elisabetta Antonelli
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Ein Arzt transportiert während einer Nierentransplantation das Organ für die Implantation in den benachbarten Operationssaal. keystone

Ein Arzt transportiert während einer Nierentransplantation das Organ für die Implantation in den benachbarten Operationssaal. keystone

Herr Weder, wie viele Menschen sterben pro Jahr am Universitätsspital Zürich wegen Organknappheit?

Walter Weder: 2012 waren es 20 Menschen, die auf der Warteliste gestorben sind. Das ist nicht wenig, es sind etwa 7 Prozent derjenigen, die auf der Liste sind. Man muss sich vorstellen: Das sind Einzelschicksale. Jemand ist auf der Warteliste und schafft es nicht. Wenn er rechtzeitig ein Organ bekommen hätte, hätte er eine grosse Chance gehabt, zu überleben.

Wie lang ist diese Warteliste?

Bei uns warten etwa 350 bis 400 Menschen auf verschiedene Organe. In den letzten Jahren konnten wir allerdings mehr Organe transplantieren.

Die Schweiz weist eine der tiefsten Organspenderaten in Europa auf. Warum ist das so?

Der Hauptgrund liegt darin, dass wir die so genannte Zustimmungslösung zur Organspende haben. In Österreich etwa gibt es die Ablehnungsregel. Dort kann man Organe per Gesetz entnehmen, ausser jemand lehnt ausdrücklich ab. Wir müssen in der Schweiz immer nachfragen. In dieser Situation sind viele Familien überfordert oder verunsichert und sagen deshalb Nein. Der Tod einer Person ist immer sehr tragisch für eine Familie. Im Zusammenhang mit einer Organspende handelt es sich immer auch um einen völlig unerwarteten Tod, etwa einen Unfall oder eine Hirnblutung. Wenn man dann nicht richtig vorbereitet ist, ist man oft überfordert. Im Zweifelsfall sagt man dann eher Nein.

Es gab ja eine grosse Werbeoffensive vom Bund und man konnte überall über die Organspende lesen. Das fruchtet offenbar nicht.

Das wirkt vielleicht nicht sofort. Die Ablehnungsrate hängt ja mit verschiedenen Faktoren zusammen. Die Bemühungen, die Organspende zu fördern, greifen nicht so schnell. Es ist auch ein sensitives Thema. In der Schweiz beruht die Organspende auf Freiwilligkeit – das ist ganz wichtig.

Die Ablehnungsrate ist laut Studie mit 52,6 Prozent sehr hoch. Sie nimmt sogar zu. Woran liegt das?

Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Die Zustimmungslösung ist sicher der wichtigste. Die anderen Faktoren sind individuell. Dazu gibt es keine Statistik. Man verlangt von den Menschen dazu keine Erklärung.

Wie werden Menschen dazu bewegt, Organe zu spenden?

Überzeugend ist sicherlich, zu zeigen, was man damit bewirken kann. Mit einer Organspende können bis zu sieben Menschenleben gerettet werden. Man macht etwas für andere, die aus einer ganz schlechten Lebensqualität herauskommen können. Dann ist es wichtig, dass Vertrauen in die Organspende da ist. Es muss klar sein: Organentnahmen werden nur durchgeführt, wenn jemand irreversibel hirntot ist. Die Kriterien sind hieb- und stichfest. Sie müssen korrekt eingehalten werden. Es braucht eine hohe Professionalisierung dieser Abläufe und eine gute Kontrolle.

Wie sieht das konkret aus?

Einfach ist es, wenn eine Person einen Spenderausweis hat oder die Angehörigen wissen, dass sie zu einer Spende bereit ist. Schwieriger ist es, wenn die Angehörigen stellvertretend entscheiden müssen. Dann kommt es drauf an, wie professionell man diese Gespräche führt. Es braucht erfahrene Personen, die mit dem notwendigen Einfühlungsvermögen und der notwendigen Überzeugung die Gespräche führen können.

Welche Massnahmen haben Sie bereits getroffen?

Das sind personelle und strukturelle Massnahmen. Für das «Spitalnetzwerk Zürich», dem 25 Spitäler der Kantone Zürich, Graubünden, Glarus, Zug, Schwyz, Thurgau und Schaffhausen angehören, haben wir eine selbstständige Organspendeorganisation geschaffen. Diese hat einen medizinischen Leiter, einen Intensivmediziner. Koordinatorinnen und Koordinatoren des Netzwerks betreuen die Spitäler oder die Intensiv- und Notfallstationen des Unispitals, indem sie informieren. Sie stehen 24 Stunden zur Verfügung, wenn etwa ein regionales Spital einen möglichen Spender hat. Sie sprechen mit den Angehörigen und organisieren alles, was mit der Spende zu tun hat. Diese Massnahmen werden weiter ausgebaut. Denn das ist der richtige Weg: In der zweiten Jahreshälfte 2012 haben wir 50 Prozent mehr Spenden verzeichnet. Die Koordinatoren werden an nationalen und internationalen Kongressen geschult. Dort werden auch ethische Fragen diskutiert.

Wird die Sterberate auf der Warteliste einmal null betragen?

Das glaube ich nicht. Denn viele Leute kommen sehr spät auf die Warteliste. Es gibt immer Phasen in denen – auch glücklicherweise – keine Organe da sind. Organe zur Verfügung zu haben, bedeutet immer einen Todesfall. Das eine ist Freude, das andere ist verbunden mit Leid. Solange man Organe von Verstorbenen entnehmen muss, wird es immer eine Warteliste geben und auch Menschen, die auf der Liste sterben. Wir sollten dennoch unsere Möglichkeiten optimal nutzen.

Organspender: Schweiz ist europäisches Schlusslicht

Die Schweiz weist eine der tiefsten Organspenderquoten in Europa auf. Jährlich sterben bis zu 100 Menschen, weil sie kein Organ erhalten. Dies zeigt eine Studie von Swisstransplant auf, die vom Bundesamt für Gesundheit in Auftrag gegeben wurde. Von September 2011 bis August 2012 wurden 4524 Todesfälle auf Schweizer Intensiv- und Notfallstationen erfasst. Bei der Erkennung von potenziellen Organspendern gebe es Mängel, teilte Swisstransplant gestern mit. Verbesserungsmöglichkeiten sieht man bei der Ausbildung des Spitalpersonals. Mit einer kompetenten Beratung der Angehörigen könne die Spenderquote erhöht werden, schreibt die Stiftung. In der Schweiz werden Organe nur entnommen, wenn jemand zu Lebzeiten zugestimmt hat oder wenn es die Angehörigen erlauben. Die sogenannte Widerspruchslösung, wonach jeder Organspender ist, der dies nicht ausdrücklich ausschliesst, lehnt Swisstransplant ab. «Ein Systemwechsel könnte die Patienten verunsichern», sagt Stiftungsratspräsidentin Trix Heberlein. Vielmehr gelte es, das Vertrauen in die Medizin zu stärken.(sda)