Im Garten an der Birnbaumstrasse in Oerlikon wachsen in Hochbeeten Zwiebeln, Salat und Auberginen. Aus Blechtonnen ragen sich langsam rot färbende Peperonis und Chillies. Daneben spriesst Pfefferminze. Besonders üppig bewachsen ist der Gartenabschnitt mit den Gurken und Zucchetti. Das Besondere an diesem Garten in der Zürcher Neudorf-Siedlung ist seine Entstehung. Er wurde nämlich nicht einfach nur von den Bewohnern des angrenzenden Hauses bepflanzt.

Er ist das Ergebnis der Diplomarbeit der Interaction-Design-Studenten Lea Planzer (28) und Sandro Poli (26). «Wir haben die Rahmenbedingungen geschaffen. Entwickelt, gebaut und bepflanzt aber haben ihn die Bewohner des Quartiers und der Halle 9», sagt Planzer. Das von der Asylorganisation Zürich (AOZ) geführte Übergangszentrum liegt an der Strasse gegenüber der Siedlung. Es ist der Wohnort von aktuell rund 160 Asylsuchenden: Geflüchtete, die mehrheitlich aus Syrien, Eritrea oder Afghanistan stammen und teils auf den Asylentscheid warten, teils bereits einen Schutzstatus mit Integrationsperspektive haben.

Angefangen hat das Projekt damit, dass sich Planzer und Poli das Quartier aus der Vogelperspektive angeschaut – und etwas bemerkt haben. «Das U-förmige Quartier wird am unteren Ende von der Halle 9 abgeschlossen», erklärt Poli. Das Quartier selber versprüht mit den Ein- und Doppelfamilienhäusern, den Vorgärten und tiefen Gartenzäunen dörflichen Charakter. Im Garten der Neudorf-Siedlung sitzend, vergisst man schnell, dass man mitten in der Stadt Zürich ist. Es ist ruhig, trotz der vorbeiführenden Thurgauerstrasse hinter dem Theater 11.

"Nachbarn werden"

In Oerlikon leben in der "Halle 9" 250 Asylsuchende. Direkt angrenzend gibt es ein kleines Quartier namens Neudorf-Siedlung. Trotz der Nähe findet zwischen dem Quartier und den Bewohnern der "Halle 9" keinen Austausch statt. Durch den Bau eines gemeinsamen Gartens ist eine neue Nachbarschaft entstanden.Diplomarbeit im Studiengang für Interactiondesign an der ZhdK von Lea Planzer und Sandro Poli.

Wie Menschen interagieren

Durch Umfragen im Quartier erfuhren die beiden Studenten der Zürcher Hochschule der Künste: «Die Bewohner haben zum Teil gar nicht realisiert, dass sie gegenüber eines Asylzentrums leben», erklärt Planzer. So kam die Idee für ihr Projekt «Becoming Neighbours» (zu Deutsch: Nachbarn werden). Wer nun denkt, dass die Idee des Gartens von Planzer und Poli stammt, irrt. Für die Entwicklung der etwa 20 Quadratmeter grossen Grünfläche haben die Studenten eine im Interaction-Design übliche Methode angewandt: «Wir gingen nach dem Human-Centered-Design vor, was die Interessen und Bedürfnisse des Menschen ins Zentrum stellt», so Planzer. «Davon ausgehend haben wir den beiden Anwohnergruppen mit einem Acht-Schritt-Programm bei der Gestaltung ihrer Nachbarschaft geholfen», so Poli. Gerade dafür stehe ihr Studiengang, erklärt er weiter. Es drehe sich alles um die Interaktion von Menschen – direkt oder mithilfe von Technologien.

Über das Internet erlangt das Projekt der beiden nun auch Aufmerksamkeit. Die Stadt Zürich hat das Projektvideo vor wenigen Tagen auf ihrer Facebook-Seite publiziert. Bereits haben es sich über 5400 Menschen angeschaut. Mehr als 32 Mal wurde es bereits weiter verbreitet. «Wir unterstützen zivilgesellschaftliches Engagement im Asyl- und Flüchtlingsbereich. Ebenso unterstützt werden das gute Zusammenleben und der interkulturelle Austausch, bei dem sich verschiedene Bevölkerungsgruppen aktiv involvieren», heisst es bei der Stadt Zürich und der AOZ auf Anfrage.

Im Video sagt der 44-jährige Yahya, der in der Halle 9 wohnt: «Ich lebe seit einem Jahr hier. Ausser Essen und Schlafen kann ich nicht viel machen.» Mit 14 weiteren Asylsuchenden und etwa gleichvielen Quartierbewohnern hat er – in von Planzer und Poli acht angeleiteten Schritten – nun den gemeinsamen Garten entwickelt.

  • Eintauchen: Planzer und Poli waren im Februar für eine Woche zu Besuch bei den Flüchtlingen in der Halle 9. Dabei haben sie Einsicht in ihre Tagesstruktur erhalten und mitbekommen was die Bewohner bewegt. Dabei wurde Planzer klar: «Essen verbindet.» Die Idee, ein gemeinsames Gartenprojekt zu entwickeln, war geboren.
  • Die beliebtesten Gemüse: Die Bewohner malen ihre liebsten Gemüse auf Papierkarten.
  • Das liebste Essen: Anschliessend haben die Asylsuchenden ihre Lieblingsrezepte aus der Heimat notiert.
  • Rundgang durchs Quartier: Planzer und Poli machen mit Flyern auf das Projekt aufmerksam. Sie klingeln an Haustüren und befragen die Bewohner, ob sie Interesse am Kontakt mit den Asylsuchenden aus der Halle 9 hätten.
  • Das erste Treffen: Im April treffen sich die Neudorf-Bewohner mit den Asylsuchenden in der Halle 9. Sie lernen sich kennen und basteln zusammen mögliche Gartenmodelle. Anschliessend werden die Ideen anhand ihrer Vor- und Nachteile bezüglich ihrer Umsetzung beurteilt.
  • Den Garten gestalten: Bereits eine Woche später wird das Gartenkonzept und sein zukünftiger Standort in der Neudorf-Siedlung festgelegt. «Ein Bewohner der Halle 9 hat darauf bestanden, dass Gurken gepflanzt werden», erinnert sich Planzer an den damaligen Workshop.
  • Die Umsetzung: Die Projektbeteiligten messen den Garten aus und erstellen eine Liste vom benötigten Material. Erde, Setzlinge, Holz, Schaufeln, Handschuhe und Giesskannen werden durch Spenden der Stadtgärtnerei Zürich, dem Recyclinghof Hagenholz und privaten Firmen möglich.
  • Die Einweihung: Mitte Mai eröffnen die Bewohner zusammen mit den Asylsuchenden ihren gemeinsamen Garten. Sie gründen eine Chat-Gruppe auf der App Whatsapp, um die weitere Bewirtschaftung des Gartens organisieren zu können. Jeden Tag giesst eine andere Person das Gemüse oder erntet, was reif ist.

Kontakt selbstständig pflegen

An diesem Punkt endet die Begleitung durch Planzer und Poli. Nicht aber ihre Arbeit. Aus dem Projekt haben sie einen sogenannten Werkzeugkoffer entwickelt. «Realitäten wie hier im Garten gibt es überall», sagt Poli. «Die Entwicklung eines solchen Projektes lässt sich auch auf Spielplätze, Sportanlagen oder ein anderes Quartier übertragen.» Ihr Ziel in der Neudorf-Siedlung sei erreicht. «Wir haben die Leute zusammengebracht. Nun sollen sie ihre Nachbarschaft selbstständig pflegen», ergänzt Planzer.

Der Blick in den Whatsapp-Chat verrät: Es funktioniert. Erst vor zwei Tagen hat ein Anwohner Gurken und Zucchetti gepflückt. Das Gemüse wurde dann am Abend den Bewohnern der Halle 9 vorbeigebracht. Zudem beschränkt sich laut Planzer ein solches Projekt nicht nur auf die Integration von Flüchtlingen: «Mit unserer Anleitung können die unterschiedlichsten Kontakte entstehen.»

Dass das Projekt einbrechen könnte, auch wenn beteiligte Bewohner der Halle 9 ihren Wohnort wechselten, davor haben weder Planzer, Poli noch die Anwohner Angst. Denn: AOZ-Mitarbeitende machen Interessierte auf das Gartenprojekt aufmerksam. «Im Übrigen kann sich die AOZ gut und gerne vorstellen, ähnliche Projekte in ähnlicher Art zu unterstützen», sagt AOZ-Sprecher Thomas Schmutz. Planzer weist darauf hin, dass Yahya, der im Video vorkommt, mittlerweile woanders lebe, aber immer noch regelmässig in den Garten komme. Zwischen Hochbeeten mit Salat, Auberginen, Gurken und Peperoni wird klar: Der Garten hat eine Tür geöffnet. In der Neudorf-Siedlung ist eine Nachbarschaft entstanden.