Ju-Air
«Wir haben der Pietät den Vorrang gegeben»: Christian Gartmann über die Wiederaufnahme des Flugbetriebs

Nach dem Absturz einer Ju-52 mit 20 Toten warfen einige der Ju-Air Pietätlosigkeit vor. Der Verein vermeldete wenige Tage nach dem Unglück, dass er am Freitag seinen Flugbetrieb nach zwei Wochen wieder aufnehmen wird. Sprecher Christian Gartmann nimmt Stellung.

Jennifer Furer
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Ju-Air-Sprecher Christian Gartmann.

Ju-Air-Sprecher Christian Gartmann.

Keystone

Herr Gartmann, am Freitag steigen zwei Ju-Air-Maschinen in die Luft – rund zwei Wochen nach dem Absturz eines Fliegers am Piz Segnas. Ist das aus Pietätsgründen gegenüber den Angehörigen nicht zu früh?

Christian Gartmann: Viele Leute sind auf uns zugekommen und sagen, dass sie es gut finden, dass wir den Flugbetrieb freiwillig unterbrochen haben. Wir hatten auch Reaktionen von Angehörigen, die wollen, dass wir weiterfliegen. Es hat aber auch Kritik gegeben. Schlussendlich gibt es wohl den richtigen Zeitpunkt nicht.

Denken Sie, es gelingt so, eine Vertrauensbasis gegenüber der Ju-Air zu schaffen?

Wir empfinden das Vertrauen gegenüber der Ju-Air als sehr hoch. Das hat sicher auch mit der Erfahrung unserer Crews zu tun. Das sind alles Profis, die auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen können. Es ist auch die spezielle Atmosphäre, die die Passagiere spüren. Die Ju-Air ist ein menschlicher und persönlicher Betrieb, der die Atmosphäre der Weltaviatik-Geschichte ausstrahlt. Die Ju-Maschinen wurden robust und auf Dauerhaftigkeit gebaut. Das ist auch einer der Gründe, warum sie heute noch sicher betrieben werden können.

Hat es diesbezüglich Einwände vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) gegeben?

Nein, auch das Bazl hat mehrfach gesagt, dass es keinen Grund gebe, dass die Ju-Air ihren Betrieb nicht wieder aufnehmen dürfe.

Geht es der Ju-Air jetzt nicht auch darum, wieder Geld zu verdienen, um den Verein wirtschaftlich zu erhalten?

Wären wir auf Gewinn aus, hätten wir den Flugbetrieb gar nicht unterbrochen. Als diskutiert wurde, wann die Ju-Air wieder fliegt, war die Kostenfrage nicht einmal ein Thema. Natürlich will die Ju-Air langfristig weiter existieren, schliesslich geht es auch um die Wahrung einer Aviatik- und Militärhistorie. Aber beim Aussetzen des Flugbetriebs stellte die finanzielle Frage keinen Faktor dar. Sonst hätte die Ju-Air nicht freiwillig ihren Flugbetrieb vorübergehend eingestellt.

Wie schwierig ist der Spagat? Einerseits trauert die Ju-Air um Freunde, andererseits muss das Unternehmen aufrechterhalten werden.

Wenn man ein Unternehmen führt, muss man manchmal schwierige Entscheidungen treffen und verschiedene Faktoren gegeneinander abwägen. Wir haben nach dem Absturz der Pietät gegenüber der Wirtschaftlichkeit den Vorrang gegeben. Den Entscheid, wann und ob der Flugbetrieb wieder aufgenommen wird, muss ein CEO treffen und auch vertreten können. Es ist uns klar, dass das nicht alle nachvollziehen. Das respektieren wir.

Mit einem der ersten Flieger nach dem Absturz wird auch ein «Blick»-Journalist mitfliegen. Inwiefern trägt das zur Verarbeitung des Unglücks bei?

Nach einem Absturz sind viele Frage offen. Deswegen unterstützen wir, dass über uns berichtet wird. Das ist auch der Grund, warum wir den Journalisten mitfliegen lassen. Er kann aufzeigen, wie ein Flug mit der Ju-Air abläuft und auch mit Passagieren sprechen, sofern diese das möchten.

Das könnte aber auch als Marketingmassnahme für die Ju-Air und als Affront gegenüber den Angehörigen gewertet werden.

Ich denke nicht, dass Berichterstattung an sich einen Affront darstellt, sonst dürften wir auch dieses Interview nicht führen. Wir machen Journalisten grundsätzlich keine Auflagen, wie sie über uns berichten. So etwas würde in der Schweiz nicht funktionieren. Man darf auch kritisch über uns berichten. Uns geht es darum, zu informieren und zu erklären. In der Verarbeitung einer Krisensituation ist das elementar. Der Mitflug eines Journalisten kann zur Beantwortung offener Fragen beitragen.

Mussten Sie im Vorfeld der Flüge die Teilnehmer mehr abholen und ihnen Fragen beantworten als sonst?

Wir haben mit allen Passagieren des ersten Flugtages telefoniert. Alle haben bestätigt, dass sie fliegen wollen. Natürlich gibt es Passagiere, die verunsichert sind. Das können wir nachvollziehen. Wir geben ihnen alle Informationen, die wir zur Verfügung haben. Und wir sind sehr flexibel und kulant, wenn jemand seinen Flug verschieben, stornieren oder in einen Gutschein umwandeln will.

In welcher Form wird die Ju-Air am Freitag der Opfer gedenken?

Wir haben das Programm noch nicht im Detail bestimmt. Aber wir werden sicher an sie denken, wenn unsere Flugzeuge wieder in die Luft gehen. Am Eingang des Airforce-Centers stehen Blumen mit einer Schlaufe und ein Kondolenzbuch, in das man schreiben kann, um der Opfer zu gedenken.

Ju-Air darf unter drei Auflagen starten

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) erlaubt der Ju-Air, den Flugbetrieb ab heute wieder aufzunehmen. Allerdings muss die Besitzerin der am 4. August abgestürzten historischen Junkers Ju-52 drei Bedingungen erfüllen:

- Die verbleibenden zwei Flugzeuge der Oldtimer-Airline müssen eine Flughöhe einhalten, die über der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestflughöhe liegt, lautet die erste vom Bazl gestern erlassene Bedingung.

- Die Flugzeuge der Ju-Air müssen zweitens ein GPS-Datenaufzeichnungsgerät an Bord haben. Das Gerät muss jeden Flug aufzeichnen und eine nachträgliche Beurteilung der Flugroute ermöglichen.

- Drittens müssen die Passagiere während des ganzen Fluges angeschnallt auf ihren Plätzen sitzen bleiben. Sie dürfen nicht mehr im Flugzeug herumgehen und auch das Cockpit während des Fluges nicht besuchen.