Eben noch galt das Augenmerk den Kindern. «Rad steht – Kind geht», lautet der Slogan, mit dem die Lenker zum Schulanfang sensibilisiert wurden. Die neuste Kampagne der Kantonspolizei Zürich soll nun die Sicherheit der Senioren verbessern. «Ältere Menschen erfahren im Vergleich mit Kindern eher weniger Verständnis und Rücksichtnahme vonseiten der anderen Verkehrsteilnehmer», sagt Reinhard Brunner, der die Präventionsabteilung der Kantonspolizei Zürich leitet und gestern in Dübendorf die neuste Kampagne vorstellte.

Die Statistik der Kantonspolizei stützt Brunners These. Zwar ist die Zahl der Unfälle mit Fussgängern in den letzten Jahren gesunken. Doch bei den Senioren – den über 65-Jährigen – stagnierte die Zahl.

Meist vorbildliches Verhalten

Unter den getöteten Fussgängern ist der Anteil der Senioren sogar gestiegen. Über die letzten zehn Jahre betrachtet waren es 56 Prozent – im  letzten Jahr gar 80 Prozent. Dies bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent. «Dabei hält sich niemand besser an die Verkehrsregeln als die Seniorinnen und Senioren», sagt Reinhard Brunner.

Weshalb diese Diskrepanz? Mit zunehmendem Alter hören und sehen Senioren schlechter. Informationen können sie weniger schnell verarbeiten und der Blick fürs Ganze geht mehr und mehr verloren. «Menschen mit Gehschwierigkeiten schauen mehr auf den Boden», sagt Verkehrsmediziner Rolf Seeger. Hinzu kommen krankheitsbedingte Faktoren. «Parkinson oder beginnende Demenz können Wahrnehmung und Kontrolle erheblich stören. Das kann heissen, dass jemand zuerst läuft und erst dann schaut – oder erst mit starker Verzögerung stehen bleibt.»  Natürlich ist bei der Statistik auch zu berücksichtigen, dass sich Senioren bei einer Kollision tendenziell viel schwerer verletzen als jüngere und fittere Fussgänger. 

Gute Planung und keine Eile

Abgesehen von den üblichen Regeln –  «Warten, Blickkontakt herstellen, laufen» – rät die Polizei den Senioren, den Fussweg gut zu planen, will heissen: Genügend Zeit einrechnen, sich einen einfachen Weg ausdenken und sich abends hell kleiden oder Lichtreflektoren tragen. Letzteres gilt vor allem für die kommenden Jahreszeiten. Ab Oktober bis März verzeichnet die Kantonspolizei jeweils ein starke Zunahme der Unfälle zur Dämmerungs- und Nachtzeit. Zum Vergleich: Im Juni 2014 ereignete sich von 81 Unfällen nur einer in der Dämmerung oder Nacht – im Dezember waren es 52 (von total 115).

Das liegt oft daran, dass Autofahrer die Fussgänger spät oder gar nicht erkennen. «Erhöhte Aufmerksamkeit bei Dunkelheit», lautet deshalb ein Appell, den die Kampagne an die Fahrzeuglenker richtet. Tipps werden über Plakate oder eine Website ( www.weniger-senioren-unfälle.ch) kommuniziert. Flugblätter werden unter anderem in Alterszentren und Arztpraxen aufgelegt.

160 000 Franken kostet die Kampagne, die noch bis 2017 laufen und weitere senoirenspezifische Themen ansprechen soll. Mögliche Bereiche seien «Nebenwirkungen von Medikamenten», «E-Bikes» oder «Senioren am Steuer», sagt Frank Schwammberger, Chef der Verkehrspolizei. «Aber das ist noch offen. Die Kampagne wollten wir jedenfalls mit den Fussgängern starten – den schwächsten Verkehrsteilnehmern.»