«Brückenbauer»
Winterthurer IS-Sympathisanten: «Bei Interventionen wird keine Rücksicht auf religiöse Rituale genommen»

Nach diversen Schlagzeilen wegen islamistischer Radikalisierung setzt die Stadt Winterthur auf Prävention und Vertrauen gegenüber der Polizei. Seit drei Monaten ist darum ein «Brückenbauer» im Einsatz: Polizist Jan Kurz, der aktiv den Kontakt zu Migranten sucht.

Monika Freund
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Nachdem sich wiederholt Jugendliche aus Winterthur dem IS anschliessen wollten, setzt die Stadt auf Prävention: Neben einer Beratungsstelle für Lehrer und Angehörige ist seit drei Monaten auch ein sogenannter «Brückenbauer» im Einsatz. Dieser Polizist sucht aktiv den Kontakt zu Migranten – in Cafés, Moscheen und Kampfsportvereinen. Sein Ziel: Vertrauen schaffen.

«Das Revier der Jihad-Verführer», «das Molenbeek der Schweiz», «Razzia in der An-Nur-Moschee»: Die Stadt Winterthur geriet im vergangenen Jahr immer wieder wegen islamistischer Radikalisierung in die Schlagzeilen.

Die Behörden reagierten und schufen neben einer Fachstelle gegen Extremismus, die bei Verdachtsfällen kontaktiert werden kann, die Stelle eines «Brückenbauers». Auch die Stadt Zürich und die Kantonspolizei Zürich riefen bereits solche Funktionen ins Leben.

In Winterthur heisst der «Brückenbauer» Jan Kurt. Der 45-jährige Stadtpolizist ist seit 100 Tagen in dieser Funktion im Dienst und hat vor allem die Aufgabe, mit Migranten ins Gespräch zu kommen und Vorbehalte gegenüber der Polizei auszuräumen.

Mit und ohne Uniform

«Menschen aus anderen Ethnien sollen wissen, dass man der Polizei in unserem Land vertrauen kann und sie nur eingreift, wenn das Gesetz verletzt wird», sagte FDP-Polizeivorsteherin Barbara Günthard-Maier gestern vor den Medien.

Dieses Vertrauen soll helfen, kriminelle Handlungen zu verhindern – oder zumindest früh genug davon zu erfahren. In seinen ersten 100 Tagen setzte sich «Brückenbauer» Kurt beispielsweise zu Asylsuchenden ins Café und redete mit ihnen über die Polizeiarbeit.

Auch zu Imamen und Gläubigen in Moscheen sucht Kurt Kontakt. Dabei muss er auch Kritik entgegennehmen, etwa weil Polizisten bei Einsätzen in der Moschee ihre Schuhe nicht ausziehen. «Ich musste erklären, dass bei Interventionseinsätzen leider keine Rücksicht auf religiöse Rituale genommen werden könne», sagte Kurt.

In die Cafés, Moscheen und Kampfsportzentren rückt der «Brückenbauer» je nach Situation mit oder ohne Uniform aus. Wichtig ist vor allem, dass die Hemmschwelle gegenüber der Polizei sinkt.

Mütter ansprechen

Wichtige Ansprechpersonen für den «Brückenbauer» seien muslimische Frauen, konkret Mütter, sagte Polizeikommandant Fritz Lehmann. Sie würden in dieser Thematik und bei solchen Projekten leider oft vergessen. «Wir müssen aber diesen Müttern klar machen, dass es ihre eigenen Söhne sind, die in den Krieg ziehen.» Die Verantwortlichen rechnen damit, dass es bis zu zwei oder drei Jahre dauern kann, bis der Winterthurer «Brückenbauer» wirklich gut vernetzt ist. Um zu prüfen, ob das Projekt auch wirklich etwas bringt, wird es wissenschaftlich begleitet, von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.(SDA)