Die heisse Meile für Standaktionen in Winterthur ist die Marktgasse von der Kasinostrasse bis zum Justitiabrunnen. Es gibt Samstage, da wird man auf diesen wenigen Metern fünf Mal in Folge angesprochen. Viele Passanten machen deshalb einen Bogen um den Gassenabschnitt.

Betroffen ist auch der Goldschmied Bosshart, der sein Geschäft gleich beim Justitiabrunnen hat. In den letzten Jahren hätten mit den Standaktionen auch die Reklamationen seiner Kunden zugenommen, sagt Bosshart. Es sei mühsam, bis zu ihm durchzukommen, kriege er zu hören. «Die Passanten machen dabei keinen Unterschied mehr zwischen politisch informativen oder aggressiv kommerziellen Standaktionen.» Alle wirkten hartnäckig auf die Kunden, die eigentlich in Ruhe flanieren und einkaufen wollten, sagt Bosshart. «Und dabei stellen sie fest, dass sich die jungen Leute dafür bezahlen lassen, Spendengelder anzuwerben, und dies nicht aus ideologischer Überzeugung tun.»

Bosshart stört es, dass die Stadt versuche, immer mehr öffentlichen Grund kommerziell zu nutzen und zu verkaufen. «Als Lädeler sind wir darauf angewiesen, dass Leute frei durch die Stadt flanieren und in die Schaufenster gucken können», sagt er. Zum Beispiel sei der Kuchenstand neben dem Möbel Pfister manchmal viermal die Woche belegt. «Dabei wird der öffentliche Durchgang dort behindert», sagt er. «Das darf so oft nicht sein.»

Die Stadt regelt zurzeit nicht, wie oft die Standplätze pro Woche vermietet werden dürfen. Eine solche Regelung wolle der Stadtrat nicht, habe ihm die zuständige Polizeivorsteherin Barbara Günthard-Maier (FDP) kürzlich geantwortet, sagt Bosshart. Für ihn ist aber klar: Die Stadt muss die Standaktionen mengenmässig einschränken und verbindliche Anstands- und Nutzungsregeln festlegen und durchsetzen.

Auf Nachfrage erklärt die Stadtpolizei, dass heute 16 Plätze für Standaktionen verfügbar sind. Seit 2014 sind zwei dazugekommen, beide auf dem Neumarkt. Die Kosten pro Stand und Tag betragen für Verkaufs- und Werbeveranstalter 51 und für «Infoveranstaltungen mit ideellem Zweck» 31 Franken. Lediglich Schreibgebühren für den administrativen Aufwand der Gewerbepolizei bezahlen Politiker, Schulen und Vereine wie die Pfadi.

Regeln nicht durchgesetzt

Heinz Schudel, Geschäftsführer der City Vereinigung Junge Altstadt, sieht einen Teil des Problems darin, dass die Gewerbepolizei zu wenig Personal habe, um die Regeln durchzusetzen. «Und von den Ladenbesitzern und Kunden traut sich einfach kaum jemand, etwas zu sagen.» Aber wenn es den Detaillisten schlecht gehe, dann gehe es auch der Stadt schlecht. «Es gehen schon so viele nach Deutschland einkaufen, da sollten wir unsere letzten Kunden nicht auch noch verscheuchen», sagt Schudel. Im Mittelpunkt der Kritik der «Lädeler» an der Marktgasse stehen kommerzielle Stände. Dazu gehören insbesondere die von Corris. Der Fundraisingdienstleister sammelt Geld im Auftrag verschiedener Nichtregierungs- organisationen wie zum Beispiel WWF oder Pro Infirmis. In der Winterthurer Altstadt ist Corris mit zwei bis drei Standaktionen pro Woche vertreten. Bisher hätten sich weder Gewerbler noch Passanten bei Corris beklagt, sagt Sprecher Bernhard Bircher-Suits. Grundsätzlich nehme man Feedbacks aber sehr ernst. «Corris hat keinerlei Interesse daran, dass sich Standaktionen in einem Gebiet häufen und sich deshalb Gewerbler und Passanten übermässig gestört fühlen», sagt er, und ergänzt: «Schlussendlich ist es die Gewerbepolizei einer Ortschaft, die entscheidet, wo wir wann zu welchem Preis werben dürfen.»