Radikalisierung
Winterthur lernt vom Zürcher Anti-Jihad-Vorzeigemodell

Bei den Themen Gewalt und Extremismus orientiert sich Winterthur stark am stadtzücher Vorbild.

Till Hirsekorn
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Das Gebäude an der Hofackerstrasse, in dem sich die Moschee vom Islamischer Verein An`Nur befindet. Der Eingang zur Moschee .

Das Gebäude an der Hofackerstrasse, in dem sich die Moschee vom Islamischer Verein An`Nur befindet. Der Eingang zur Moschee .

Heinz Diener

In zwölf Tagen beginnt am Bundesstrafgericht in Bellinzona der Prozess gegen 26-jährigen Winterthurer A., den die Bundesanwaltschaft im April 2015 am Flughafen verhaften liess. Sie wirft ihm vor, dass er sich dem Islamischen Staat IS in Syrien anschliessen wollte und grausames IS-Propagandamaterial mit Exekutionen und Verbrennungen verbreitet hat. Mit noch jüngeren Winterthurern, die entweder im Jihad umgekommen oder zurückgekehrt sind, stand A. in Kontakt. Die lokalen IS-Sympathisanten sind und waren miteinander vernetzt, soviel steht fest. Mit S., dem selbsternannten «Emir von Winterthur», sitzt inzwischen ein mutmasslich zentraler Islamisten-Kopf in U-Haft, der den Schweizer Ableger der Koran-Verteilaktion «Lies!» gegründet haben soll, wo junge Muslime wohl systematisch radikaliert worden sind.

Die Behörden sind also gefordert, auch in Winterthur. Der Stadtrat prüft inzwischen ein Verbot der Aktion «Lies!». Präventiv will der Stadtrat vor allem mit der neuen Fachstelle «Extremismus und Gewaltprävention» Radikalisierung bekämpfen. Im Oktober nimmt diese ihre Arbeit auf. Über fünfzig Personen hätten sich beworben, die Stelle wird demnächst besetzt.

Zürichs «Runder Tisch»

Winterthur orientiert sich beim Vorgehen gegen Radikalisierung stark an der Stadt Zürich. Deren «Fachstelle für Gewaltprävention» gilt schweizweit als Vorzeigemodell. Nach über zehn Jahren Erfahrung haben sich dort die Prozesse inzwischen eingespielt.

«Bewährt hat sich sicher unser Kerngruppenmodell», sagt der Zürcher Fachstellen-Leiter Daniele Lenzo. Zweimal jährlich sitzen Vertreter jedes Schulkreises, der Jugenanwaltschaft, der Kesb, der Stadtpolizei sowie weitere Akteure an einen runden Tisch und tauschen sich aus. «Bei diesem Trendscouting sehen wir, was wo läuft, wo der Schuh drückt und welche Themen aktuell sind», sagt Lenzo.

Besonders eng aufeinander abgestimmt ist die Triage zwischen Fachstelle, Offener Jugendarbeit, der Stadttpolizei und den Schulen. Die Lehrer orientieren sich dabei an einem Leitfaden, der schematisch aufzeigt, an wen sie sich bei Verdacht auf Radikalisierung eines Schülers wenden können: Erst wird die Schulleitung informiert, die daraufhin in der Regel mit einem Schulsozialarbeiter das Gespräch sucht. Erhärtet sich der Radikalisierungs-Verdacht, wird die Fachstelle kontaktiert. Diese nimmt eine detailliertere Einschätzung vor, auch mit Hilfe der Erkennungs-Software Ra-Prof (Radicalisation Profiling). Das Programm kommt als Frühwarn-System zum Einsatz. Ein Lehrer muss 42 Fragen im Multiple-Choice-Stil zu seinem Schüler beantworten, den er im Auge hat. «Konsumiert und postet er Videos mit islamistischem Inhalt?» oder «Verweigert er die Teilnahme am Sportunterricht?» Belastende Antworten muss die Lehrperson begründen. «Wir wollen nicht, dass junge Muslime zu Unrecht stigmatisiert werden. Wenn ein Jugendlicher zum Islam konvertiert und einen Bart trägt, darf er nicht bereits als potenzieller Jihad-Reisender gelten», warnt Lenzo. Die Zürcher Lehrer werden zwar für die Früherkennung von Radikalisierung sensiblilisiert. Vertieft ausgebildet würden aber lediglich die Schulsozialarbeiter.

Pofile nach Ampel-System

Zunächst bewertet das Ra-Prof die Antworten per Ampelsystem , das später per 4-Augen-Prinzip überprüft wird. Grün bedeutet Entwarnung, bei Orange wird das Profiling vertieft und bei Rot wird die Polizei informiert. Bei 28 Fragebögen war das 2016 zweimal der Fall, religös bedingt. Die Eltern der Verdächtigen bekamen daraufhin unangemeldet Besuch von der Stapo für eine Befragung.

Aktuelles Netzwerk nutzen

In Winterthur wird der neue Radikalisierungs-Experte prüfen, ob Ra-Prof auch hier zur Anwendung kommt. Entscheidend wird vor allem sein, dass bestehende Ressourcen gut genutzt werden. Mit 80 Stellenprozenten ist die neue Fachstelle fünfmal schwächer dotiert ist als die in Zürich und auf zwei Jahre befristet. «Sie wird von Anfang an auf ein gut etabliertes Netzwerk und eingespielte Abläufe zurückgreifen können», versichert Stadtpräsident Michael Künzle (CVP). Angesiedelt ist sie im Departement Soziales. Doch sämtliche Fachstellen, die vom Thema «Radikalisierung» betroffen sein können, werden eingebunden: Stadtpolizei, Schulsozialarbeit, Schulleitungen, Jugendarbeit und Integrationsförderung. Der Aufgabenbereich der neuen Fachstelle bleibt dennoch umfangreich: «Wir gehen davon aus, dass sie die Bereiche Prävention, Beratung und Intervention vollständig abdecken kann», sagt Künzle. Die Fachstelle solle zudem jedem offenstehen, der Fragen zum Thema Radikalisierung habe. Die Radikalisierungs-Tagung des Schweizerischen Städteverbands in Bern vor gut einer Woche habe ihm bestätigt: «Wir sind auf einem guten Weg. Es braucht aber auch das Engagement der Zivilbevölkerung.»

Mit den lokalen Moscheevereinen will sich die Stadt auf eine gemeinsame Position zum Thema Radikalisierung von Jugendlichen einigen und ihre Massnahmen darauf abstimmen. Wegen des Ramadan und Vorstandswahlen wurde ein Treffen nun auf nach den Sommerferien verschoben.