Nachdem 2014 zwei Winterthurer Jugendliche nach Syrien in den Dschihad gereiste waren, stand die Stadt medial am Pranger. Das radikale Umfeld der An’Nur Moschee, Hassprediger und eine Razzia sorgten schweizweit für Schlagzeilen. «Wir waren eine Art Prügelknabe», erinnert sich Stadtrat Nicolas Galladé, der das Departement Soziales leitet. Inzwischen stehe die Präventionsarbeit im Vordergrund.

Winterthur führt Fachstelle Extremismus weiter

Winterthur führt Fachstelle Extremismus weiter

Die Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention der Stadt Winterthur wird weitergeführt. Die Stelle war ursprünglich nur bis Ende 2018 befristet. Im Video ziehen Stadtrat und Fachstellenleiter Bilanz und erklären, wo sie die Grenze zu einer Gesinnungspolizei sehen.

Seit eineinhalb Jahren berät die Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention (FSEG) unter anderem Angehörige, Lehrer und Lehrmeister, die befürchten, dass sich eine Person radikalisiert. Darüber hinaus führt sie Schulungen durch, vernetzt Schlüsselpersonen und pflegt den Austausch mit anderen Fachgremien.

Modell für die übrige Schweiz

Der Betrieb der niederschwelligen Anlaufstelle, die mit einem 80-Prozent-Pensum dotiert ist, war vorerst bis Ende 2018 befristet. Nun hat der Stadtrat entschieden, sie weiterzuführen. «Dank Monitoring und Vernetzung werden problematische Entwicklungen rasch erkannt», sagt Galladé. Das Projekt habe sich bewährt, zu einer spürbaren Entspannung in der Bevölkerung geführt und schweizweit Modellcharakter erlangt.

Die Erfahrungen aus Winterthur sind in den Nationalen Aktionsplan «Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus» (NAP) eingeflossen, der Ende 2017 von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden verabschiedet worden ist. «Für uns ist dies eine Bestätigung», sagt Galladé. Dank dem Aktionsplan gebe es nun eine Informationsdrehscheibe.
«Zu Beginn war ich in diesem Thema ziemlich alleine», sagt Urs Allemann, Leiter der FSEG. In der Aufbauphase tauschte er sich in erster Linie mit der Fachstelle für Gewaltprävention (FfG) der Stadt Zürich sowie der Berner Fachstelle Radikalisierung aus. Sie fokussieren allerdings weniger stark auf den islamischen Extremismus, wie dies Winterthur bislang getan hat. Der Sozialarbeiter begrüsst die Empfehlung des NAP, weitere Anlaufstellen zu etablieren. «Dann kann ich ausserkantonale Anrufe häufiger weiterverweisen.» Ohne lokales Netzwerk sei eine Beratung nämlich schwierig.

Fünfmal Polizei einbezogen

Ziel seiner Arbeit ist es, zu verhindern, dass gefährdete Personen die rote Linie zwischen legalem und illegalem Extremismus überschreiten. Wer radikales Gedankengut pflegt, provoziert oder gegen soziale Normen verstösst, macht sich nicht strafbar. Wer Gesetze missachtet, überschreitet indessen eine rote Linie und muss der Polizei gemeldet werden. «Es ist nicht immer ganz einfach, Entscheidungen an dieser roten Linie zu treffen», sagt Fachstellenleiter Allemann. Als entsprechend hilfreich empfindet er es, heikle Fälle erst auf anonymer Basis mit Fachleuten vom Gewaltschutz der Stadtpolizei zu besprechen und dann je nachdem abgeben zu können. In den letzten eineinhalb Jahren machte er fünfmal ernsthafte Anzeichen für Gewaltbereitschaft, Selbst- oder Fremdgefährdung aus. Ein Fall hatte letztlich tatsächlich einen islamistischen Hintergrund.

Seit seinem Stellenantritt hat Allemann 76 Anfragen entgegengenommen. 52 kamen von Fachpersonen, 16 von Privatpersonen und 8 von Angehörigen. Ein Berufsschullehrer meldete sich beispielsweise wegen einer Schülerin, die sich verschleierte und konfrontativ zum Thema Religion äusserte. Sie prophezeite einer muslimischen Kollegin, sie werde in die Hölle kommen, falls sie die islamischen Gebote nicht befolge. Allemann bereitete mit dem Lehrer schliesslich ein Gespräch mit Schülerin und Eltern vor und führte mit dem Lehrerteam einen Workshop zum Umgang mit provokativen religiösen Aussagen durch.