Uster
Willkommen in der schönen, grünliberalen Welt

In keinem Zürcher Bezirk haben die Grünliberalen so viele Stimmen geholt, wie in Uster – dank wohlhabenden Zuzügern.

Benno Tuchschmid (Text) und Chris Iseli (Fotos), Uster
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Uster-Nord. Wer in die Welt der Grünliberalen will, fährt erst einmal an Autohändlern, Einkaufszentren und Wohnhäusern vorbei. Trister Mittelland-Agglo-Durchschnitt. Doch für die Grünliberale Partei (GLP) ist Uster mehr als ein gesichtsloser Unort. Uster ist die Hauptstadt ihres Vorzeigebezirks. In keinem anderen Bezirk haben die Grünliberalen in den Zürcher Wahlen von vergangenem Wochenende so viele Stimmen geholt wie in Uster: 13,1 Prozent. Mehr als in jedem Kreis der Stadt Zürich, mehr als in der Stadt Winterthur. Die GLP ist in Uster die drittstärkste Partei. Doch die Stadt hat für die Grünliberalen auch deshalb Symbolcharakter, weil ihr Erfolg hier nicht neu ist. Schon 2007 hatte die Partei bei den kantonalen Wahlen 12,1 Prozent erreicht, auch wegen Martin Bäumle, der in Dübendorf (Bezirk Uster) zu Hause ist. Die GLP ist verankert.

In Usters Zentrum hängen noch die Wahlplakate an den Strassenlaternen. Diejenigen der Grünliberalen hängen in den Seitengassen, auf den Hauptsträsschen dominieren die Plakate der SP und der FDP. Die Innenstadt Uster ist eine eigentümliche Mischung aus Bau-Verbrechen der 70er-Jahre, hübsch renovierten Häusern aus der Zeit der Industrialisierung und Vorzeigeobjekten der Generation «verdichtet bauen».

Rainer Schaffner (Name von der Redaktion geändert) steht in der Küche seiner Wohnung und hat die Kaffeekanne auf den Gasherd gestellt. Schaffner wohnt etwas abseits des Zentrums in einer alternativen Wohnsiedlung am Aabach: Alte umgebaute Arbeiterwohnheime aus der Zeit, als das Zürcher Oberland noch ein Zentrum der Spinnerei-Industrie war und der Aabach Millionenbach genannt wurde, weil er einige Industrielle sehr reich machte. Schaffner hat grünliberal gewählt. Was in erster Linie mit der Wut auf seine alte Partei zu tun hat, der SP. «Diese Partei ist nicht mehr wählbar, sie hat den Verstand verloren», sagt er und meint das neue Parteiprogramm. Schaffner wohnt seit 19 Jahren in Uster, richtig angekommen ist er nicht. «Mein Leben spielt sich in Zürich ab», sagt er. 14 Minuten hat er bis zum HB. Er wohne gern hier, habe aber wenig Berührungspunkte mit dem Dorf. Schaffner sagt: «Ich habe die Grünliberalen gewählt, weil sie rechnen können. Das können weder die Grünen noch die SP.»

Uster ist ein Vorort Zürichs geworden. Eine Pendlerstadt. Im ehemaligen Industriestandort Uster wimmelt es von Fabrikhäusern, die zu trendigen, familienfreundlichen Wohngebäuden renoviert wurden. Mit integrierter Kinderkrippe, Mobility-Parkplatz und Badesteg im Millionenbach. Dafür erhielt die Gemeinde 2011 den Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes. In Uster würde «alte Bausubstanz respektvoll in die Gegenwart integriert», schrieb die Jury. Das ist der eine Teil von Uster, der preisträchtige. Aber es ist der kleinere Teil. Der andere wählt SVP. Mit 26,7 Prozent ist sie die stärkste Partei im Ort.

«In Uster gibt es eine starke Gruppe von Alteingesessenen, Bauern und Gewerblern. Sie wählen hauptsächlich SVP oder FDP. Wir haben unsere Wähler vor allem unter den Neuzuzügern», sagt Benno Scherrer. Der Grünliberale Kantonsrat aus Uster sitzt im Foyer des Zürcher Ratshauses.

Auch Scherrer ist Zugezogener. Seit 2007 sitzt er im Zürcher Kantonsrat. Er hat erst durch die Grünliberalen in die Politik gefunden. «Ich hatte zuvor keine politische Heimat», sagt er. Er wollte in eine unideologische, frische Partei. Scherrer glaubt, dass so viele Zugezogene in Uster denken würden. «Diese Menschen arbeiten oft in der Stadt, benutzen den öV, sind gut gebildet und haben ein gutes Einkommen», sagt Scherrer. Sie hätten die gleichen Anliegen, wie die Grünliberalen. Er ist überzeugt: «Wir hätten auch ohne Fukushima gewonnen.» Nicht aber ohne Zuzüger, den jungen, wohlhabenden Einwohner dieser neuen grünliberalen Welt.