Immer mehr Dachse leben in der Stadt Zürich. Genauer genommen hat sich die Zahl der Dachse in der Schweiz in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Dieser Trend zeichnet sich auch in der Stadt Zürich ab. Zu diesem Schluss gelangt eine von der Forschungsgemeinschaft Swild im Rahmen des Projektes Stadtwildtiere durchgeführte Studie. Diese wurde auch in der Fachzeitschrift Hystrix publiziert.

Im Gegensatz zu Füchsen, die seit mehreren Jahren als wiederholte Besucher urbaner Zentren gesichtet werden, überrascht die Dachsentwicklung. «Der Dachs bevorzugt eigentlich ländliche Gegenden und Wälder als Zuhause», sagt Anouk Lisa Taucher, Projektleiterin bei Stadtwildtiere. Der Dachs sei in seiner Verbreitung durch geeignete Baustandorte limitiert. «Diese findet der Dachs aber auch im Siedlungsraum, doch dort sind sie seltener», so Taucher weiter.

Das Netzwerk sammelt Wildtierbeobachtungen aus der Bevölkerung auf der Meldeplattform www.stadtwildtiere.ch im Internet. Ziel des Projektes ist, einen Überblick über Vorkommen und Verbreitung der Wildtiere in Schweizer Städten zu erhalten. Zudem sind auch Städte wie Wien und Berlin Teil des Netzwerks.

Dass nun das scheue Raubtier, das meist in der zweiten Nachthälfte seine Streifzüge macht, sich dabei auch vermehrt in das städtische Gebiet wagt, hat laut der Wildtierbiologin mehrere Gründe. Daten aus Fotofallen in Zürich und St. Gallen, schweizweite Statistiken im Strassenverkehr verendeter Dachse wie auch Bevölkerungsbeobachtungen zeigen, dass der Dachsbestand schweizweit zunimmt.

Im Zuge der grassierenden Tollwut bei Füchsen in den 1960er- und 1970er-Jahren wurden Fuchsbauten systematisch ausgegast. Weil sich Füchse und Dachse oftmals Bauten teilen, sank in diesem Zeitraum nicht nur der Fuchsbestand auf ein Populationstief. Im Unterschied aber zum Fuchs, dessen Bestand sich seit den 1980er-Jahren wieder erholte, hat sich die Dachspopulation deutlich langsamer erholt. Bis vor zehn Jahren wurden Dachse, wenn überhaupt, in waldnahen Stadtrandgebieten gesichtet.

Weshalb das nachtaktive Raubtier nun aber in die Städte vordringt, kann nicht abschliessend beantwortet werden: «Der Siedlungsraum scheint für Dachse geeignet zu sein. Es gibt viel Nahrung in der Stadt. Das Tier ist ein Generalist und frisst, was es findet», sagt Taucher. In dieser Jahreszeit nun ernährt er sich oft von am Boden liegendem Obst wie Äpfeln oder Zwetschgen. Dachse fressen auch gerne Mais oder Regenwürmer und Engerlinge, wie Taucher sagt. Das Tier jagt aber deutlich weniger wie der Fuchs.

Die beiden Raubtiere unterscheiden sich aber noch in anderen Punkten: Während der Dachs das ganze Jahr über in unter die Erde gegrabenen Bauten schläft, tut dies der Fuchs nur im Jungtieralter und während der Jungenaufzucht. «Das macht den Fuchs flexibler in der Ansiedlung», so Taucher. Auch deshalb überrascht die Anwesenheit der Dachse in der Stadt. Taucher sagt: «Dachse bewohnen meist mehrere Bauten, was auch für eine langsamere Besiedlung spricht.» Während Füchse Einzelgänger sind, leben Dachse oft in Familien zusammen. Entsprechend würden sie auch mal im Doppelpack oder im Trio auf Streifzügen gesichtet, wie Taucher sagt.

Im Umgang mit Dachsen empfiehlt die Wildtierbiologin das gleiche wie bei allen anderen in der Stadt lebenden Wildtieren: «Nicht füttern.» Einen möglichen Konflikt sieht die Forscherin denn auch lediglich darin, dass Dachse von Zeit zu Zeit Gärten umgraben. «Dann sind sie meist auf der Suche nach Engerlingen», sagt Taucher. Viel machen könne man dagegen nicht: «Es ist schwierig, den Dachs aus dem Garten zu halten, er gräbt sich da einfach durch.» Sie appelliert denn auch an die Toleranz der Bevölkerung.

Zudem sei das Tier zwischen dem 16. Januar und dem 15. Juni vollständig geschützt. Sollte es darüber hinaus zu einer starken Belastung durch Dachse kommen, empfiehlt Taucher, mit den zuständigen Wildhütern Kontakt aufzunehmen.

Für die Wildtierforscher wird es nun interessant sein zu sehen, ob diese Entwicklung bei den Dachsen in der Stadt Zürich auch in anderen Regionen Europas stattfindet. «Es gibt Hinweise von ähnlichen Entwicklungen in Grossbritannien», sagt Taucher. Vielleicht sagt man denn auch bald nicht mehr «Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen», sondern «Wo sich Fuchs und Dachs den Wohnraum teilen».