Stellen Sie sich vor: Sie kaufen eine Katze. Kastrieren wollen Sie sie nicht, draussen herum laufen soll sie trotzdem. Nach sechs Monaten ist ihr kleines Büsi geschlechtsreif, zwei Mal pro Jahr könnte es werfen. Dann trifft die Katze auf einen Kater. Wenn Sie jetzt nicht aufpassen, könnten aus den zwei Katzen theoretisch innert zehn Jahren über 83 Millionen werden.

Katzen vermehren sich rasant. Oft geht das so schnell, dass das Eingreifen zu spät kommt und sich plötzlich über 30 Katzen auf dem Grundstück tummeln. So auch in einem Fall in Oberdürnten. Einer Frau liefen über Jahre hinweg Katzen zu. Unkastriert vermehrten sie sich ständig und die Nachbarn hatten langsam, aber sicher die Nase voll davon.

Hier kamen Esther Geisser und ihre Tierschutzorganisation Netap (kurz für Network for Animal Protection) ins Spiel. Die Esslingerin suchte das Gespräch mit der Halterin und bekam schliesslich das Einverständnis, die Katzen einzufangen, kastrieren zu lassen und zu vermitteln.

Katzenelend weit schlimmer

Geisser gründete die Organisation 2008 gemeinsam mit zwei weiteren Tierschutzaktivisten aus dem Kanton Zürich. Sie habe sich ihr Leben lang für Katzen und andere Tiere eingesetzt. «Als ich aber vor einigen Jahren anfing, mich noch vertiefter mit der Situation der Katzen in der Schweiz zu befassen, stellte ich rasch fest, dass das Katzenelend in unserem Land weit schlimmer ist als ursprünglich befürchtet», sagt Geisser.

Die Situation werde in der Schweiz gar immer schlimmer. «Besonders tragisch sind die Fälle, in denen lange nichts unternommen wird und dann die mittlerweile meist schon stark verwilderten Katzen plötzlich wegmüssen», so Geisser. Häufig werde damit gedroht, die Tiere zu töten, wenn sie sie nicht nehme. «Glücklicherweise gibt es in wenigen Fällen auch Landwirte, die uns anbieten, solche Katzen bei sich anzusiedeln, um ihnen so das Leben zu retten.

Fangen mit Futter

Ganz so drastisch geht es in Dürnten nicht zu und her. Die Frau zeigt sich kooperativ. Nichtsdestotrotz verlangt auch ein solcher Einsatz höchste Konzentration. Esther Geisser sitzt im silbernen Familienwagen und fährt nach Oberdürnten. Im Kofferraum sind Transportboxen für Katzen gestapelt. Auch Tücher und ein Käfig, der an eine überdimensionierte Mausefalle erinnert, stehen bereit. Vor Ort öffnet Geisser den Kofferraum und stellt die benötigten Utensilien auf. Ob sie die Katzen wie abgemacht nicht gefüttert habe, will Geisser von der Frau wissen. Denn der Hunger ist ihr Trumpf: In den Einfangkäfigen ist Futter ausgestreut, das die Katzen anlocken soll.

Geisser stellt drei Fallen auf. Viel Zeit vergeht nicht, bis das erste Mal das metallene Geräusch ertönt. Die Klappe ist zu. Nun kommen die Tücher zum Zug. Die werden über die Gitterstäbe geworfen. Dunkelheit beruhigt die verstörten Katzen, um sie einfacher in die Tramsportboxen manövrieren zu können. Die Fallenlösung ist eine von zwei Varianten, die Katzen zu fangen.

Bei der anderen Methode greift Geisser zu einem Fischernetz mit Stiel. Ihr Ziel sind jene Katzen, die sich in der Garage verkrochen haben. Die Türe schliesst sich hinter der studierten Rechtswissenschaftlerin. Schatten von herumspringenden Katzen tanzen über das Milchglas der Tür. Bald öffnet sie sich wieder, eine Katze ist Geisser ins Netz gegangen. Die Haut ihres rechten Unterarms ist zerkratzt. Sie wischt ihre Hände an der grauen Funktionshose ab und dreht sich zur nächsten Falle um.

Ein Name für die Individualität

Zwölf Einsätze später gelingt es Geisser und ihrem Team, auch die letzte Katze einzufangen. Sie alle wurden untersucht, behandelt, kastriert, geimpft, getestet und gechippt. «Einige waren krank und mussten erst aufgepäppelt werden», sagt Geisser. Vier der Katzen dürfen zurück nach Dürnten, für die restlichen muss ein neues Zuhause gefunden werden.

Einige der Katzen sind nun im Tierheim Strubeli in Volketswil. Dandy und Edie warten unter anderem noch auf neue Besitzer. Sie gebe allen geretteten Tieren einen Namen, sagt Geisser. Dieser soll möglichst einzigartig sein und die Individualität unterstreichen, um die Anonymität zu durchbrechen.

Einige Katzen wurden nach dem Einsatz in Dürnten in der Kleintierpraxis in Wetzikon kastriert. «Das war aber ein eher kleinerer Einsatz», sagt Tanja Borioli, Tierärztin in der Praxis. Bei einem grösseren Einsatz, bei dem 80 bis 90 Kastrationen an einem Tag durchgeführt werden, seien nebst sieben bis acht Tierärzten auch unzählige Helfer im Einsatz. Sie alle arbeiten ehrenamtlich.

«Eine Kastration dauert etwa 30 bis 45 Minuten», sagt Borioli. Die Kleintierpraxis unterstütze Esther Geisser in ihrem Vorhaben. «Kastrationen verhindern die übermässige Population der Katzen und somit auch das Leid. Wir empfehlen für sämtliche freilaufenden Katzen eine Kastration.»

100 000 Kastrationen

Kurz vor dem zehnjährigen Jubiläum im September verbuchte die Tierschutzorganisation Netap die 100 000. Kastration. Ein Meilenstein. Doch Geisser will nicht ruhen. Auch auf politischer Ebene kämpft sie für eine allgemeine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen. «Im Juni haben wir zusammen mit der Stiftung für das Tier im Recht und weiteren 150 Organisationen eine Petition mit über 115 000 Unterschriften eingereicht», so Geisser.

Sie habe mit einigen Parlamentariern sprechen können. «Jeder, der uns angehört hat, hat danach die Petition unterzeichnet.» Die Mehrheit wolle aber noch nichts vom Katzenelend hören. «Einige reagierten sogar sehr ungehalten. Eine Dame richtete uns aus, dass sie sich nicht mit etwas so Profanem wie dem Katzenleid in der Schweiz beschäftigen wolle, solange in Laos Kinder sterben würden.»

Tausende tote «Katzenkinder»

Wenn man die Würde der Tiere, wie sie sogar in der Bundesverfassung verankert sei, nicht ständig mit Füssen treten und im Gesetzesvollzug nicht permanent den Weg des geringsten Widerstandes gehen würde, wäre die Situation nicht so desolat, sagt Geisser. Obwohl sie ihre Meinung vermutlich schon Hunderte Male vertreten musste, wirkt sie noch immer so verständnislos für das menschliche Handeln, wie wenn sie es gerade zum ersten Mal wahrgenommen hätte.

Es seien vermutlich etwa 100 000 «Katzenkinder», die jedes Jahr in der Schweiz aktiv getötet würden, weil sie unerwünscht seien. «An jeder Ecke bekommt man kostenlos oder für ein Butterbrot eine Katze», so Geisser. Die Katzen würden oft unüberlegt angeschafft und würden fälschlicherweise als besonders pflegeleicht und anspruchslos gelten. «Merkt man dann, dass das Tier Zeit und Geld kostet, will man es schnell wieder loswerden.»

Die Katze habe keinen Stellenwert in der Gesellschaft und sei für viele zum Wegwerfartikel geworden. Das sei der Grund wieso die bereits bestehende Pflicht zur Populationskontrolle für Katzen deutlicher im Gesetz verankert werden müsse. Eine Kastration kostet je nach Kanton und Geschlecht des Tieres zwischen 120 und 250 Franken. Eine Korrektur des Preises würde nicht viel an der Problematik ändern, sagt Geisser. «Wer sich die Kastration seiner Katze nicht leisten kann oder will, wird sich erst recht nicht die artgerechte Haltung seines Tieres leisten können. Solche Personen sollten vielmehr auf die Tierhaltung verzichten.»