Die Fin-Tech Firma Advanon macht von sich reden. Das Start-up bezahlt seinen Mitarbeitern eine ausgedehnte Elternzeit, sowie Abos für den öffentlichen Verkehrsbetrieb, Spotify oder Netflix. Hinzu kommt das kostenlose Frühstück am Arbeitsplatz, unbegrenzte Ferientage, wovon zwei Wochen inklusive Flug und Hotel von der Firma bezahlt werden.

Wenn gewünscht, erhalten Mitarbeiter Steuerberatungen oder einen Wäscheservice. Es geht aber noch mehr. Wer fünf Jahre in der Firma ist, erhält eine Weltreise geschenkt. Google-ähnliche Zustände. Doch die Realität im Büro des eineinhalbjährigen Jungunternehmens an der Hardstrasse in Zürich sieht anders aus.

Neun Bürotische stehen in dreier Gruppen im Raum, daneben ein Kühlschrank, zwei Sofas, ein Bücherregal und eine einsame Pflanze. An der Wand hängen eine Handvoll Auszeichnungen der Firma. Einige Arbeitsplätze zeugen davon, dass da soeben noch gearbeitet wurde.

Andere dagegen sehen ungenutzt aus. Gedämpfte Stimmen hört man durch die Wand. Das Team des Fin-Tech Betriebs ist gerade noch in einer Sitzung. Schon steht einer der drei Firmengründer im Raum. Phil Lojacono sagt: «Ich brauche noch zehn Minuten, dann bin ich bereit.» Und weg ist er wieder.

Im Gespräch ist der 28-jährige Firmengründer konkret und kommt schnell auf den Punkt. Nüchtern und sachlich erklärt er das Geschäftsmodell: «Kleine und mittlere Betriebe können auf unserer Plattform ihre Lieferrechnungen vorfinanzieren lassen.» Das Angebot sei ein Marktbedürfnis, da gerade bei Lieferungen an grosse Unternehmen die Zahlung oftmals erst nach 50 bis 90 Tagen erfolgt.

Über Advanon werde die Zahlungsfrist auf wenige Stunden verkürzt. Das funktioniere mittels Investor, der sich bereit erklärt, Rechnungen in einer bestimmten Höhe zu begleichen. Im Gegenzug erhalte dieser 1,75 Prozent Zinsen, so Lojacono. Advanon selber bekommt für die Nutzung der Plattform eine Gebühr.

Eine fordernde Branche

Auf die Idee, eine solche zu lancieren, kamen die drei Firmeninhaber während einer Reise durch Irland. «Es war eine Wochenendidee», sagt Lojacono. Kennengelernt haben sie sich bei Google in Dublin. Er lächelt. Das tut er oft während des Gespräches. Beinahe so oft, wie er mit seinen Händen gestikuliert.

Damit diese Plattform aber funktioniert, braucht es im Hintergrund Informatiker und Programmierer. Mittlerweile seien sie knapp 20 Mitarbeiter, so der Jungunternehmer weiter. Und ebendiese haben im letzten Jahr nun einen Algorithmus für die Bonitätsprüfung geschrieben. Dieser Prozess konnte damit von einer fünfstündigen Prüfungsdauer auf wenige Sekunden reduziert werden.

«Das ist nun ein vollautomatischer Prozess», erklärt Lojacono. Wer hier an der Hardstrasse arbeite, habe sicherlich keinen 9-to-5 Job. Übersetzt heisst das: Für die Arbeit leben. «Wir fordern sehr viel von unseren Mitarbeitenden. Sie sind das Wichtigste, was wir haben. Aber wir sind kein Wohltätigkeitsverein», so Lojacono weiter. Es klingt nach einer auswendiggelernten Phrase aus einem Management-Lehrbuch. Lojacono unterbricht diesen Gedanken: «Wenn man viel fordert, muss man seinen Mitarbeitern langfristig etwas zurückgeben. Sonst funktioniert das Geschäft auf Dauer nicht.» Deshalb habe jeder Mitarbeiter auch Anteile an der Zürcher Fin-Tech Firma.

Amerikanische Firmen wie Netflix oder General Electric haben das unbefristete Urlaubsmodell schon länger eingeführt. Anders als in der Schweiz gibt es keine Mindestferien in den Staaten. Analysen des Projekts «Time Off» ergaben 2015, dass amerikanische Angestellte von Firmen, die unbegrenzte Ferientage gewähren, jährlich noch durchschnittlich 15 Tage Ferien machen.

Grenzen vermischen

Bei diesem Thema wird Lojacono wieder ernst: «In unseren Arbeitsverträgen sind die gesetzlichen fünf Wochen Ferien verankert. Ob jemand eine Woche mehr freie Zeit beansprucht oder auch zwei, spielt am Ende einfach keine Rolle.» Es wird deutlich: Phil Lojacono gehört zur Generation Y.

Es ist diese Generation, die mit starren, immer gleich laufenden Prozessen wenig anfangen kann. Und alles andere als kleinlich ist. Einen Tag mehr oder weniger Ferien, drei Stunden mehr oder weniger Arbeit? Egal. Solange man tun kann, wofür das Herz schlägt. Solange man frei darin ist, wie man seine Arbeit umsetzt.

Obwohl sich die Haltung zur Arbeitsleistung verändert hat, die Marktbedingungen sind die selben geblieben. So ist denn auch der Grund für gemeinsame Elternzeit und unbefristete Ferien ein nüchterner: «Der Wettbewerb um gute Arbeitskräfte ist unerbittlich. Gerade in der Technikbranche.» Im Raum Zürich sei der Mangel an IT-Fachkräften und die Anwesenheit von Google deutlich spürbar. «Wer gut ist, wird abgeworben», fasst Lojacono die Situation zusammen. Er faltet seine Hände.

Preis der Freiheit

Das Start-up versucht, sich von der hiesigen Konkurrenz abzuheben. Deshalb war für das Trio schon kurz nach der Firmengründung klar, mit welcher Unternehmenskultur sie arbeiten wollen und müssen. «Die Mitarbeitenden reagieren anders auf ein Fitness-Abo, einen Wäsche-Service oder ein bezahltes Flugticket, als auf 70 Franken mehr Lohn im Monat.» Zum Start-up Gedanken gehöre Leidenschaft, Identifikation, aber auch das gemeinsame Feierabendbier oder mal ein Wochenendtrip zusammen.

Und von den Chefs erfordere es Vertrauen. «Jeder, der bei uns arbeitet, hat einen anderen Rhythmus und eine andere Arbeitsweise.» Sich jedes Mal auf ein neues Individuum einzulassen, fordere ihn heraus, gibt Lojacono zu. Das gegenseitige Vertrauen brauche anfänglich Zeit. Dennoch ist er überzeugt: «Die Zeiterfassung ist ein Relikt vergangener Tage.» Wissensarbeit funktioniere nicht nach dem Acht-Stunden-und-21-Minuten-Prinzip.

«Kreativität und Produktivität steigen, wenn man Freiheiten schafft», sagt Lojacono. «Wenn jemand in einer Stunde eine gute Idee hat, die unsere Firma weiter bringt, warum soll ich dann die Stechuhr hervorholen?» Lojacono zuckt mit den Schultern während er das sagt. Er weiss auch, was er braucht: Mitarbeiter, die sich für ihre Tätigkeit begeistern. Es ist ein Thema, das den Jungunternehmer beschäftigt.

Er kommt ins Reden. «Mich stört der immer wieder gehörte Begriff der Personalkosten. So als wären die Mitarbeiter eine Sache. Dabei sind diese Menschen Ressourcen, die eine Firma antreiben.» Das sage er nicht nur so. Lojacono selber liebt, was er tut. So seine Worte. Die auch seine Mimik widerspiegelt. Wie sonst könnte er seit knapp zwei Jahren sechs Tage die Woche arbeiten. Trotzdem ist der 28-jährige Unternehmer kein Einzelgänger. Er treffe gerne Freunde und gehe gerne aus. Und er ist sich seiner Vorbildfunktion bewusst: «Dieses Jahr fahre ich wieder einmal in Urlaub.»