Was tut eine junge Generation von Journalisten, der seit ihren ersten Artikeln der Niedergang der Zeitungs-Verlage prophezeit wird? Ganz einfach: Sie sucht sich neue Wege, um ihr Publikum zu erreichen. Mit dem digitalen Magazin «Coup» und dem Online-Stadtmagazin «Tsri.ch» sind in Zürich in den letzten zwei Jahren gleich zwei journalistische Formate entstanden, die sich als Gegenkonzepte zu den Produkten der grossen Verlagshäuser präsentieren: Statt auf Geschwindigkeit und den serbelnden Werbemarkt setzen sie auf Recherche und die Starthilfe ihres Leserschwarms.

Gerade mal einen Tag nach Beginn des Crowdfundings hatte das Zürcher Stadtmagazin «Tsri.ch» bereits fast die Hälfte des angepeilten Betrags von 25 000 Franken zusammen. Bis gestern Abend gingen auf dem Konto der Redaktion über 10 000 Franken ein, bestehend aus Spenden und Mitgliederbeiträgen. Der allergrösste Teil des Geldes soll in Inhalte, sprich Honorare für die freien Mitarbeiter fliessen, heisst es auf der Spendenseite. Damit wolle man weiterhin «unabhängig, unerschrocken, direkt, fröhlich, kritisch und engagiert» Geschichten aus der und über die Stadt schreiben.

Weder Lohn noch Honorare

Während der letzten zwei Jahre finanzierte sich «Tsri.ch» noch ausschliesslich über Stiftungsgelder und Werbeeinnahmen. Das Geld reichte Chefredaktor Simon Jacoby und Geschäftsführer Alun Meyerhans zwar nicht, um sich oder den knapp 20 freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Honorar auszuzahlen. Dennoch erreichte die Redaktion mit ihren Geschichten im ersten Jahr bereits über 170 000 Personen. «Um das langfristige Bestehen von «Tsri.ch» sichern zu können, müssen wir von der Arbeit aber auch leben können», sagt Jacoby.

Mit Crowdfunding und einem neuen Bezahlsystem versuchen Jacoby und Meyerhans nun das, was ihnen vor zwei Jahren wohl nicht viele zugetraut hätten: «Tsri.ch» zu einem selbsttragenden Online-Medium zu machen. Die Idee: Keine Paywall – die Inhalte bleiben auch weiterhin gratis zugänglich. «Members», die mindestens 50 Franken pro Jahr einzahlen, erhalten dafür die Möglichkeit, nach dem Lesen der Artikel das Honorar der Autoren zu beeinflussen. Ein minimaler Lohn von 50 Franken pro Artikel ist ihnen aber in jedem Fall garantiert. Ein weiteres Element des Finanzierungssystems bildet das sogenannte «Channel-Sponsoring», bei dem Firmen ganze Rubriken wie «Politik», «Kultur» oder «Service» finanziell unterstützen können.

Doch: Selbst wenn die 25 000 Franken an Spenden zusammenkommen und die erhofften 500 «Members» darauf 5 Franken monatlich einzahlen – für marktübliche Honorare oder einen Monatslohn über dem Existenzminimum für den Chefredaktor wird es nicht reichen. Beruht das neue Medium also auf Selbstversklavung? Nein, sagt Jacoby. Längerfristig sei es das Ziel, mehr Mitglieder anzuwerben und so mehr Geld für Honorare und Löhne zur Verfügung zu haben. «Wir sind überzeugt, dass unsere Autoren bis dahin gerne weiter für uns schreiben, weil sie an unser Produkt glauben. Bisher arbeiteten wir ja gratis.»

«Coup» machte den Anfang

Noch vor «Tsri.ch» setzte das Online-Magazin «Coup» auf Crowdfunding als Geldquelle. Die drei Jugendfreunde und Journalisten Joel Bedetti, Andres Eberhard und Pascal Sigg sammelten über die Plattform «Wemakeit» bereits im März 50 000 Franken. Seit Juli veröffentlichen sie als Verein Magazin Coup nun monatlich eine sorgfältig recherchierte Geschichte aus der Schweiz. Diese Texte sind im Gegensatz zu den Artikeln auf «Tsri.ch» jedoch nur für Leserinnen und Leser einsehbar, die bereit sind, 50 Franken pro Jahr zu bezahlen.

Von einer solchen «Paywall» abzusehen, käme für die heute fünfköpfige Redaktion nicht infrage, wie Gründungsmitglied Eberhard sagt: «Das Ziel ist nicht die Masse. Wir suchen Leser, die nicht nur das Produkt konsumieren, sondern Teil von ‹Coup› sein wollen.» Derzeit hat der Verein 400 Mitglieder, langfristig will man die Tausendergrenze knacken. Damit kämen jährlich 50 000 Franken an Mitgliederbeiträgen zusammen, die laut Eberhard ausreichen, um Journalisten, Fotografen und Illustratoren «anständige Honorare» zu zahlen. Für rund 25 000 Zeichen gibt es bei «Coup» – je nach Aufwand – bis zu 2000 Franken. Das ist nicht viel, zumal einige Autoren dafür schon mal drei Wochen arbeiten.

Die Magazin-Macher selbst arbeiten ehrenamtlich und schreiben nebenher für andere Publikationen – Eberhard etwa in einem 60-Prozent-Pensum beim «Zürcher Oberländer». Doch wofür daneben der immense Aufwand? «Wir wollten eine Nische schaffen für Journalisten und Leser, welche die grossen Geschichten aus der Schweiz vermissen», sagt Eberhard. Und diese Plattform wolle er längerfristig aufrechterhalten, auch wenn sie sich finanziell – noch – nicht lohnt.