Wohnpolitik
Wie Zürich mehr gemeinnützige Wohnungen schaffen will

Am vergangenen Sonntag sprachen sich drei Viertel des Stimmvolks dafür aus, dass der Anteil nicht-gewinnorientierter Wohnungen bis 2050 auf einen Drittel erhöht werden soll. Gestern erklärte der Stadtrat, wie er dieses Ziel erreichen will.

Matthias Scharrer
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Limmattaler Zeitung

Beiläufig liess der Stadtrat durchblicken, dass er dabei über die heutigen Stadtgrenzen hinausdenkt: «Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten 25 Jahren auch über Eingemeindungen reden werden», sagte Finanzvorsteher Martin Vollenwyder (FDP).

Heute: 25 Prozent

Heute gibt es in Zürich 207800 Wohnungen. Davon sind 193200 Mietwohnungen. Ein Viertel davon gilt als gemeinnützig, wie Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) ausführte. Um auf 33 Prozent zu kommen, «müssen wir auf verschiedenen Schienen fahren», so Mauch weiter. Dabei verfolge der Stadtrat vier Stossrichtungen.

  • Die Stadt setzt sich für mehr nichtgewinnorientierten Wohnungsbau ein. «Wichtigster Partner sind dabei Genossenschaften und Stiftungen», erklärte Hochbaudepartements-Vorsteher André Odermatt (SP). Die Stadt wolle verstärkt Bauland und Wohnhäuser kaufen und für genossenschaftlichen und kommunalen Wohnungsbau bereitstellen. Heute besitzt die Stadt laut Vollenwyder Landreserven für 16000 zusätzliche Einwohner.

Mittels Sonderbauvorschriften und Gestaltungsplänen will sie im Dialog mit Grundeigentümern darauf hinwirken, dass weitere Flächen für gemeinnützigen Wohnungsbau zur Verfügung stehen. Als positives Beispiel nannte Odermatt das SBB-Areal an der Zollstrasse gleich neben dem Hauptbahnhof. Ein Teil davon werde künftig von einer Wohnbaugenossenschaft überbaut. Eine gesetzliche Grundlage, um Grundeigentümer dazu zu verpflichten, gebe es allerdings nicht. Eine entsprechende kantonale Volksinitiative der SP ist noch hängig.

Auch den kommunalen Wohnungsbau will die Stadt forcieren. Derzeit sind laut Odermatt rund 860 neue städtische Wohnungen geplant.

  • Die Stadt will dafür sorgen, dass vor allem diejenigen gemeinnützige Wohnungen erhalten, die sonst auf dem freien Wohnungsmarkt kaum eine Chance hätten: untere Einkommensschichten und Familien. Die Abgabe von Bauland verknüpft die Stadt daher an Belegungsbedingungen (Anzahl Zimmer–1=Mindestbelegung) und an Richtlinien bezüglich Einkommen und Vermögen von Mietern. Zudem plant sie eine mit 80 Millionen Franken ausgestattete Stiftung für kostengünstige Wohnungen. «Diese sind für Personen in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen bestimmt», sagte Finanzvorstand Vollenwyder. Voraussichtlich im Herbst 2012 werde die Bevölkerung darüber abstimmen.
  • Ab 2012 vergibt die Stadt Zürich einen Preis für nachhaltige Sanierungen. Ausgezeichnet werden damit Wohnbau-Sanierungen, die nicht nur ökologisch und ökonomisch, sondern auch sozial nachhaltig sind.
  • Eine neue Beratungsstelle soll Mietern ab 2012 helfen, Liegenschaften zu kaufen. Angesiedelt wird sie bei der Stiftung für preisgünstigen Wohn- und Gewerberaum.

Mauch betonte, dass mit dem Grundsatzartikel in der Gemeindeordnung allein noch nichts erreicht sei: «Wir werden die Unterstützung der Bevölkerung brauchen, wenn es um die konkrete Umsetzung geht. Es macht wenig Sinn, darüber zu streiten, ob bis 2050 das 33-Prozent-Ziel zu erreichen ist. Wichtiger ist, was in den nächsten vier Jahren passiert.»

Um den Bemühungen Nachdruck zu verleihen, richtet der Stadtrat eine Wohndelegation ein. Sie besteht aus Mauch, Odermatt und Vollenwyder und wird von verwaltungsinternen Fachleuten unterstützt. Zudem strebt sie laut Mauch den regelmässigen Austausch mit Vertretern der privaten und gemeinnützigen Immobilienwirtschaft an.

Mieterverband zufrieden

Beim Zürcher Mieterverband stossen die Pläne des Stadtrats auf Anklang. Besonders der Fokus auf tiefe Einkommen sei ein «wichtiges Signal», so Mieterverbands-Sprecher Walter Angst. Das Ziel von 33 Prozent gemeinnützigen Wohnungen bis 2050 hält er für erreichbar: «Man hat für 25 Prozent 100 Jahre gebraucht. Ich glaube, die ersten 25 Prozent sind schwieriger als die nächsten 8 Prozent.»