Kurz vor 12 Uhr traf auf dem Pausenplatz der Schulanlage Kornhaus in der Nähe des Limmatplatzes ein Pferdefuhrwerk ein und lieferte die «Suppe wie anno dazumal». Dazu empfingen die Hortleiterinnen die Kinder in historischen Kostümen. Die Verkleidung unterstrich die lange Tradition der Stadtzürcher Horte.

Gerold Lauber als Suppenschöpfer

In eine Helferrolle schlüpfte für einmal Stadtrat Gerold Lauber. Der Vorsteher des Schul- und Sportdepartementes liess es sich vergangene Woche nicht nehmen, sein Jackett gegen eine weisse
Schürze zu tauschen, die Suppenkelle zu ergreifen und die Teller der Kinder zu füllen.

Zuvor erinnerte der CVP-Stadtrat vor den Medien aus Anlass des internationalen Frauentages daran, dass eine der Forderungen der kommunistischen Frauen vor 80 Jahren die «regelmässige Schulspeisung» war - ein Anliegen, das in der Stadt Zürich zu jener Zeit ansatzweise bereits in die Tat umgesetzt war.

Der erste Zürcher Hort war schon am 26. Oktober 1886 im Schulhaus Fraumünster mit 21 Knaben eröffnet worden. Die Einrichtung war laut Lauber eine Begleiterscheinung der rasch fortschreitenden Industrialisierung. Weil auch die Mütter arbeiten mussten, waren Arbeiterkinder in der schulfreien Zeit sich selbst überlassen. Die ersten Horte seien vor allem «Aufbewahrungsorte für Kinder» gewesen und die Hortleiterinnen «so etwas wie ein Mutterersatz», sagte Lauber.

Verwahrlosung entgegenwirken

«Man wollte die Kinder von der Strasse holen und ihnen Anstand beibringen.» Nach dem Erfolg des ersten befürwortete die Schulbehörde weitere Horte. Sie verfolgte damit vor allem die Absicht,
der Verwahrlosung entgegenzuwirken und mehr Disziplin in der Schule zu erreichen. Fünf Jahre nach dem Hort im Fraumünster wurde 1891 der erste Mädchenhort eröffnet. Bis 1910 waren die
Kinder ausschliesslich in so genannten Abendhorten untergebracht, wurden also erst nach der Schule betreut. Das änderte sich 1911 mit dem ersten Tageshort.

Über 40 Jahre lang wurde ein grosser Teil der Kosten von Privaten getragen. Die Stadt förderte die Horte, indem sie Räumlichkeiten zur Verfügung stellte und finanzielle Beiträge leistete. 1929
übernahm dann die Stadt Zürich die familienergänzenden Einrichtungen. Heute seien die Horte Teil des «modernen Lebensraums Schule», stellte Stadtrat Lauber fest. Dank dem neuen
Volksschulgesetz habe jedes Stadtzürcher Kind Anspruch auf einen Betreuungsplatz.

Von den 26 253 Schulkindern besuchen derzeit 9839 oder rund 37 Prozent die insgesamt 350 Horte in der Stadt Zürich. Eng mit den Horten verbunden ist die Geschichte der Stadtküche. Der im vergangenen Jahr privatisierte und in Menu and More AG umbenannte Betrieb beliefert auch heute noch die Stadtzürcher Betreuungseinrichtungen.

Vor 125 Jahren habe das Essen in den Horten fast ausschliesslich aus Suppe mit Kohlgemüse, Kartoffeln oder Hülsenfrüchten und einem Stück Brot bestanden, sagte Geschäftsführer Markus Daniel. «Manchmal wurde ein Stück Rindfleisch oder ein Kuhkopf beigegeben.» Heute werde auf eine ausgewogene Ernährung geachtet, ganz im Sinne der von der Stadt erlassenen Ernährungsrichtlinien 2011.