Zürich
Wie muss man sich WGs für Betagte vorstellen? Eine Autorin steht dazu Rede und Antwort

Ins Altersheim zu ziehen, ist für viele Seniorinnen und Senioren keine schöne Vorstellung. Doch es gibt Alternativen – etwa die Alters-WG. Rebecca Niederhauser hat darüber geforscht und ein Buch geschrieben.

Heinz Zürcher
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«In den Diskussionen ums Alter geht es zu oft um Pflegeleistungen und zu wenig um den Menschen», sagt Buchautorin Rebecca Niederhauser. (Symbolbild)

«In den Diskussionen ums Alter geht es zu oft um Pflegeleistungen und zu wenig um den Menschen», sagt Buchautorin Rebecca Niederhauser. (Symbolbild)

Keystone

In Ihrem Buch beschreiben Sie eingangs eine Szene in einem Altersheim. Sie besuchen dort mit etwa 18 Ihre Grossmutter, die in einem langen Flur sitzt. Graues Linoleum, Neonlicht, es riecht nach Desinfektionsmittel und Urin. Irgendwo schreit jemand.

Rebecca Niederhauser: Dieser Besuch hat mich während meines ganzen Studiums und danach in meiner Tätigkeit an der Uni Zürich geprägt. Er hat letztlich auch zu meinem Buch geführt.

Ist es in unseren Altersheimen tatsächlich so trist?

Zwischen damals und heute liegen 20 Jahre. Es hat sich vieles verbessert. Dennoch haben noch immer viele ältere Menschen Angst, eines Tages an einem solchen Ort zu landen. Genauso gross ist aber bei vielen auch die Furcht, im grossen Eigenheim zu vereinsamen oder mit der Hausarbeit überfordert zu sein.

Was hat Sie am Wohnen im Alter interessiert?

Das Alter ist im Umbruch. Und die Frage, wie man im Alter wohnen will, ist entscheidend und stellt sich immer wieder neu. Es gibt ja nicht nur ein Alter.

Wie meinen Sie das?

Wenn mit Alt-Sein die Zeit ab 60 Jahren bis 90 oder älter gemeint ist, dann durchlebt man in diesen 30 oder mehr Jahren ja verschiedene Lebensphasen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Fit und erst 60 sehen diese anders aus, als wenn man hochbetagt ist. Entsprechend verändert sich auch die Wohnform, die man sich dann jeweils wünscht.

Das ist nicht vergleichbar mit einer Studenten-WG, in der man ja meistens auch nicht allzu lange bleibt.

(Quelle: Rebecca Niederhauser)

Ihr Buch handelt von gemeinschaftlichen Wohnformen im Alter. Funktioniert dieses Modell überhaupt? Man wird ja nicht unbedingt toleranter und lärmresistenter. Oder stimmt das gar nicht?

Es ist natürlich eine romantische Vorstellung, zu denken, dass sich in einer Alters-WG alle gut vertragen und sich gegenseitig bis ins hohe Alter pflegen. In der Anfangseuphorie mag das zutreffen. Damit diese Wohnform auf Dauer funktioniert, braucht es Regeln und Absprachen. Das ist nicht vergleichbar mit einer Studenten-WG, in der man ja meistens auch nicht allzu lange bleibt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Es braucht Verantwortlichkeiten und regelmässigen Austausch, sonst fällt die WG früher oder später auseinander. Sich regelmässig abzusprechen, ist ganz wichtig. Das habe ich aus den vielen Gesprächen mit Bewohnerinnen und Bewohnern von Alters-WGs gelernt. Das kann einmal pro Woche beim gemeinsamen Mittagessen sein, bei der monatlichen Sitzung oder innerhalb eines WG-Vorstands. Viele haben auch ein Konzept oder Leitbild verfasst. Da steht dann etwa, wie man sich das Zusammenleben vorstellt. Oder man legt sogar fest, bis wann man in der WG bleiben darf.

Ist das nötig?

Braucht jemand plötzlich intensive Pflege, kann das belastend sein für die Wohngemeinschaft. Es hilft, diesen Punkt von Anfang an zu klären – und nicht erst dann, wenn der Fall eintritt.

Wie wichtig ist es, mit wem man zusammenzieht?

Das ist zentral. Man muss sich sehr gut überlegen, mit wem man zusammenzieht. Es hilft bestimmt, wenn man sich schon kennt, bevor man gegenseitig Hilfe beansprucht.

Wer gründet eher Alters-WGs, Frauen oder Männer?

Ganz klar Frauen. Viele entscheiden sich bewusst für diese Lebensform, etwa nach der Pensionierung oder einer Trennung, und verzichten dann allenfalls auch auf eine neue Partnerschaft. Ich denke, das hat viel mit dem neuen Rollenverständnis der Frau zu tun. Männer bleiben eher in ihrer Wohnung oder ihrem Haus und suchen wieder eine Partnerin.

Gibt es viele solcher WGs?

Nein. Die meisten, die ich kenne, sind aus privaten Initiativen entstanden – nach einem längeren Prozess. Man muss früh mit der Planung beginnen, geeigneten Wohnraum erst einmal finden und diesen auch finanzieren können. Einmal pensioniert, kommt man nicht mehr so einfach zu Geld.

Was ist mit genossenschaftlichen Siedlungen?

Es gibt mittlerweile einige altersdurchmischte Siedlungen. Aber nicht alle wünschen sich im Alter noch Kinderlärm und viel Betrieb.

Die Zusammensetzung und die Grundrisse sind entscheidend für eine gut funktionierende Alters-WG. Nur an einen Lift und behindertengerechten Eingang zu denken, reicht nicht aus.

(Quelle: Rebecca Niederhauser)

Was braucht es?

Die Zusammensetzung und die Grundrisse sind entscheidend für eine gut funktionierende Alters-WG. Nur an einen Lift und behindertengerechten Eingang zu denken, reicht nicht aus. Wichtig ist auch, dass es für jeden einen privaten Rückzugsort hat, der nicht nur zehn Quadratmeter gross ist. Es braucht einen Gemeinschaftsraum, der nicht im Keller ist, sondern dort, wo alle im Laufe des Tages vorbeigehen, etwa gleich beim Gebäudeeingang. Bei der Planung müssen Begegnungsorte und -zeiten bedacht werden. Hat man eine gemeinsame Küche, muss sie entsprechend ausgestattet sein mit grossem Kühlschrank und ausreichend Küchengeräten. Wichtig ist vor allem, dass die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner frühzeitig in die Planung einbezogen werden.

Was ist zu tun, damit mehr solche WGs entstehen?

Nebst privaten Initiativen mit Vorbildcharakter braucht es auch Anstrengungen seitens der Politik. Dabei meine ich nicht nur die Förderung von Siedlungen, in denen solche Wohnformen möglich sind. Es geht grundlegend um das Verständnis, dass sich die Bedürfnisse auch im Alter immer wieder ändern und man entsprechende Angebote dafür schaffen sollte. Auch würde ich mir wünschen, dass man die Alterspflege ganzheitlicher anschaut. Aus meiner Sicht geht es in den Diskussionen zu oft um Pflegeleistungen und -tarife und zu wenig um die Menschen.

Wie wollen Sie selber einmal im Alter wohnen?

Das habe ich mir noch gar nicht überlegt. (lacht) Ich bin 38 Jahre alt und habe zwei kleine Kinder. Da stehen andere Themen im Vordergrund.

Rebecca Niederhauser Die 38-Jährige promovierte an der Uni Zürich mit dem Buch: «Gemeinsam wohnen. Kulturwissenschaftliche Blicke auf das Alter im Umbruch». Nach zehn Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft ist sie seit einem Jahr Projektleiterin Publikationen der Kantonsarchäologie Aargau. Sie lebt mit ihrer Familie in einer Genossenschaftssiedlung am Stadtrand von Zürich. Ihr Buch ist im Chronos-Verlag erschienen.

Rebecca Niederhauser Die 38-Jährige promovierte an der Uni Zürich mit dem Buch: «Gemeinsam wohnen. Kulturwissenschaftliche Blicke auf das Alter im Umbruch». Nach zehn Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft ist sie seit einem Jahr Projektleiterin Publikationen der Kantonsarchäologie Aargau. Sie lebt mit ihrer Familie in einer Genossenschaftssiedlung am Stadtrand von Zürich. Ihr Buch ist im Chronos-Verlag erschienen.

zvg