Wo sehen Sie das Verdienst von Frank Urbaniok?

Monika Egli-Alge*: Er hat den Straf- und Massnahmenvollzug im deutschsprachigen Raum revolutioniert. Er hat erkannt, dass Strafe allein nicht reicht und dass therapeutische Massnahmen extrem wichtig sind. Und vor allem hat er erkannt, dass die beiden Bereiche aufeinander abgestimmt sein müssen, damit sie wirken.

Wie war die Praxis vor Urbaniok?

Es standen psychologische Ansätze wie Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie im Vordergrund. In der Forensik sprach man kaum von Risikokonzepten, vor allem fehlte die forensische Herangehensweise. Die beiden Gebiete – Psychotherapie und Vollzug – waren getrennte Welten. Urbaniok gelang es, sie zu verbinden und eine gemeinsame Sprache für beide zu finden.

Welche Rolle spielte der Mordfall am Zollikerberg?

Er gab der Diskussion eine neue Richtung. Der Fall brachte die erwähnte mangelnde Verbindung der beiden Welten ans Licht. Man redete nicht die gleiche Sprache. Im Nachgang zum Fall Zollikerberg begann Urbaniok, Kategorien zu entwickeln, um den Deliktmechanismus und das Rückfallrisiko besser beurteilen zu können.

Er entwickelte auch das ausgeklügelte Kriteriensystem Fotres, das auf scharfe Kritik gestossen ist. Teilen Sie die Kritik?

Teilweise. Ich finde, Fotres schiesst übers Ziel hinaus. Der Kriterienkatalog ist viel zu umfangreich und zu fein verästelt. Er suggeriert damit teilweise eine Pseudogenauigkeit. Diese Schwäche spüren vor allem die Anwender. Gut finde ich hingegen den systematischen Ansatz, der Fotres zugrunde liegt. Damit lässt sich zuverlässig feststellen, ob ein Therapiefortschritt tatsächlich stattfindet und ob das Risiko, das von einem Täter ausgeht, tatsächlich sinkt.

Inwiefern hat Urbanioks Arbeit die Fachwelt verändert?

Er hat Sorgfalt und Transparenz in die Täterbeurteilung gebracht. Der Therapeut ist nicht mehr mit sich allein bei der Beurteilung, sondern muss einen umfangreichen Kriterienkatalog abarbeiten. Das ist zwar mühsam, aber wichtig. Vor allem arbeiten die Therapeuten und der Justizvollzug nun mit dem gleichen Kriterienkatalog. Das ist enorm wichtig.

Was bleibt offen?

Die ersten Resultate von Urbanioks Arbeit sind überzeugend. Ob sie langfristig und nachhaltig Bestand haben, muss sich aber erst noch in der Zukunft zeigen.

*Monika Egli-Alge leitet das Institut Forio mit Zweigstellen in Zürich, Zug und Frauenfeld. Das unabhängige Institut befasst sich seit 2003 mit forensisch-psychologischen und psychiatrischen Fragen.