Spiel des Lebens
Wie einst Pelé: Samir Kozarac erinnert sich an ein denkwürdiges Cupmatch

In der Challenge-League-Saison 2005/06 überzeugten wir mit dem FC Winterthur nicht. Im Cup hingegen sorgten wir für Furore. Wir warfen zuerst GC und danach Luzern raus.

Raphael Biermayr (Aufzeichnung)
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Samir Kozarac im Dietiker Niederfeld mit der Abbildung von jubelnden Winterthurern nach dem Sieg im Cup-Viertelfinal im Februar 2006.

Samir Kozarac im Dietiker Niederfeld mit der Abbildung von jubelnden Winterthurern nach dem Sieg im Cup-Viertelfinal im Februar 2006.

bier

Im Viertelfinal trafen wir auf Servette, das nach der Saison zuvor in die 1. Liga zwangsabgestiegen war. Die Vorbereitung auf diese Partie war sehr speziell. Weil wir wegen irgendeiner Grippe nicht in die Türkei ins Trainingslager fliegen konnten, flogen wir kurzfristig nach Malta. Das hatte zur Folge, dass wir Zeit verloren und deshalb vom Trainingslager direkt nach Genf zum Spiel flogen.

Die Durchführung der Partie war unsicher, weil der Platz gefroren war im Stade de Genève – die Rasenheizung zum Laufen zu bringen war dem finanziell angeschlagenen Verein zu teuer. Der Gästesektor war schon gefüllt, als wir zum Einwärmen aus der Kabine kamen. Aus Winterthur kamen viele hundert Zuschauer mit einem Extrazug. Die machten einen Lärm, dass man dachte, es wären 30 000 Leute da.

Ein Cupspiel ist immer schwierig, weil du dir genau überlegen musst, wie viel du riskieren willst. Ich führte die Mannschaft als Captain aufs Feld, weil Umberto Romano gesperrt war. Mit Trainer Mathias Walther war abgemacht, dass ich mich so gut wie nie in den Angriff einschalte, sondern vor der Abwehr Bälle verteile. Nach 90 Minuten stand es 0:0. In der Verlängerung spielte ein Servette-Verteidiger einen Pass ins Mittelfeld, ich antizipierte die Situation und lief zwischen zwei Spielern hindurch mit dem Ball am Fuss. Ein dritter kam dazu, da dachte ich: Jetzt ist Schluss. Ich wollte Pascal Renfer anspielen, da grätschte ein Verteidiger dazwischen und spielte mir den Ball zurück in den Lauf. Ich setzte mich gegen einen weiteren Verteidiger durch und traf in die entfernte Ecke. Da brachen alle Dämme – es war fantastisch. Nach dem Spiel kam unser Brasilianer Magnum Paulino auf mich zu und sagte: «Du bist der Einzige neben Pelé, der mit dem Gegner einen Doppelpass spielt.»

Heimreise im Extrazug

Servette machte Druck, wir erzielten Gott sei Dank das 2:0. Danach sah Servettes Bratic die rote Karte, die Leute drehten durch und stürmten den Platz. Die Genfer konnten wahrscheinlich aus Kostengründen nur fünf statt hundert Securities anstellen. Wir hatten Angst, dass das Spiel abgebrochen wird. Es beruhigte sich schliesslich, am Ende stand es 3:1. In der Kabine schlugen wir über die Stränge. Die Rückfahrt traten wir nicht im Car an, sondern im Extrazug mit den Fans. Da ging die Post ab. Am Bahnhof gab es einen kleinen Empfang, Präsident Hannes Keller war überglücklich. Ich wusste: Das ist der Höhepunkt mit Winterthur. Im Halbfinal verloren wir auf der Schützenmatte gegen Sion mit 0:1.

Nach der Saison konnte ich nach St. Gallen in die Super League wechseln. Das Tor gegen Servette hatte dabei geholfen. Jahre später in Deutschland spielte ich gegen Bayern und Dortmund Freundschaftsspiele. Mit Elversberg warfen wir den Bundesligaklub Hannover aus dem DFB-Pokal. Das waren zwar spezielle Matches, aber mit allem Drumherum ragt das Spiel mit Winterthur heraus.

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