Zürich

Wie eine Jagdhündin nach Wildunfällen verletzte Tiere über mehrere Kilometer aufspürt

Die Hannoversche Schweisshündin Pamina mit ihrem Hundeführer Walter Müllhaupt.

Die Hannoversche Schweisshündin Pamina mit ihrem Hundeführer Walter Müllhaupt.

Dank Paminas guter Nase können angefahrene Rehe erlöst werden. Mittlerweile hat Pamina bereits alle für sie relevanten Jagdprüfungen absolviert und wird in den Gemeinden Küsnacht und Erlenbach regelmässig bei der sogenannten Nachsuche eingesetzt.

Zielstrebig läuft Pamina durch den Küsnachter Wald, die Nase dicht am Boden, die Hunderute wedelt dabei hin und wieder ganz leicht. Die Hannoversche Schweisshündin schlägt bei der Fährte, der sie folgt, ein strammes Tempo an und lässt sich dabei weder vom dichten Brombeergestrüpp noch von einem plötzlichen 90-Grad-Winkel der Spur aus dem Konzept bringen. Im Abstand weniger Meter folgt ihr Walter Müllhaupt, der darauf achtet, dass sich die lange, orange Fährtenleine nicht zwischen den Baumstämmen verheddert.

Der Erlenbacher ist der Besitzer von Pamina dell’Artemide Serena, wie seine Jagdhündin mit vollem Namen heisst. Zweieinhalb Jahre ist die Hündin alt. Auf der Fährte ist sie allerdings bereits ein alter Hase, wird sie dafür doch schon trainiert, seit sie ein Welpe ist. Und Müllhaupt weiss, was er tut: Seit mehr als 40 Jahren bildet er Jagdhunde aus. Zudem ist der 73-Jährige Präsident der Arbeitsgemeinschaft für das Jagdhundewesen.

Mittlerweile hat Pamina bereits alle für sie relevanten Jagdprüfungen absolviert und wird in den Gemeinden Küsnacht und Erlenbach regelmässig bei der sogenannten Nachsuche eingesetzt. So heisst die Suche nach einem Wildtier, das bei einem Verkehrsunfall angefahren oder bei der Jagd angeschossen wird und danach verletzt ins Unterholz flüchtet.

Üben mit Gamsfuss

Bei der Spur, der sie an diesem Morgen folgt, handelt es sich allerdings nicht um diejenige eines Rehs. Vielmehr hat Müllhaupt zwei Stunden zuvor eine Übungsfährte mit einem sogenannten Fährtenschuh gelegt.

Diesen Füssling aus Metall legt der Fährtenleger an und befestigt daran den Fuss eines Rehs oder einer Gämse, in der Jägersprache Schale genannt. «Man muss sich da keine Illusion machen, es ist eine Mischung aus menschlichen und Wildgerüchen», sagt Müllhaupt. Der Wechsel von der künstlichen Übungsfährte auf eine reine Wildspur im Ernstfall stellt für die Hündin indes kein Problem dar. «Pamina hat einen unbändigen Fährtenwillen, sie will unbedingt los, wenn sie die Fährte riecht», beschreibt der Hundeführer seinen Vierbeiner. Selbst eine Fährte, bei der es, nachdem sie gelegt wurde, geschneit hat, hat Pamina schon gemeistert.

Bevor es mit der Hündin auf die Fährte geht, führt Müllhaupt beim Termin mit der Journalistin eine Vorsuche durch. Er lässt Pamina an einer Stelle suchen, wo es nichts zu finden gibt. Gewissenhaft, fast schon systematisch dreht die mittelgrosse Hündin mit den Hängeohren ihre Kreise, schnuppert dabei jeden Fleck ab und lässt sich auch nicht vom Pressefotografen, der direkt vor ihrer Nase steht, ablenken. Als sie schliesslich auch am Waldrand nichts gefunden hat, bleibt sie stehen und fixiert den Hundeführer mit ihren grossen braunen Augen. Hier ist nichts, soll der Blick der Hündin sagen. Überhaupt läuft bei Walter Müllhaupt und seiner Hündin vieles über eine nonverbale Kommunikation wie Blicke und Körpersprache. «Man muss seinen Hund lesen können», sagt er denn auch. «Ich sehe zum Beispiel genau, wann Pamina auf der Fährte ist und wann sie diese verloren hat.»

Die Hundenase lässt sich nicht so leicht täuschen

Die Bedeutung dieser Vorsuche erläutert Müllhaupt an einem Beispiel aus der Praxis. Vielfach seien Autofahrer, die Wild angefahren hätten, schockiert und machten falsche Angaben darüber, wo das verletzte Wild in den Wald geflüchtet sei. Müllhaupt erinnert sich an einen Wildunfall mit einem Rehbock, der sich kürzlich ereignet hat. Anstatt wie vom Automobilisten angegeben in den Wald sei Pamina auf die nahe Wiese gelaufen. Doch im Gegensatz zu ungeübten Menschenaugen, die sich täuschen können, ist die Hundenase unbestechlich. «Der Rehbock ist plötzlich aus dem hohen Gras aufgesprungen», schildert Müllhaupt die Situation. Pamina konnte dem Tier kilometerweit bis ins Küsnachter Tobel folgen, wo es vom Jäger schliesslich erschossen wurde. Besagter Rehbock hatte beim Zusammenprall mit dem Auto eine Verletzung an der Schulter sowie einen Leberriss erlitten. Ohne den Erlösungsschuss wäre er langsam und elend zugrunde gegangen.

Es gibt aber auch Tiere, die nur Prellungen erleiden und nach einem Verkehrsunfall weitgehend unbeschadet weiterleben. «Bei einer Nachsuche während einer Jagd sieht man, ob ein Tier getroffen worden ist», erklärt Müllhaupt. Bei einem Verkehrsunfall wisse man es hingegen nicht so genau. Wenn Pamina eine Fährte nicht aufnimmt, ist dies ein Zeichen dafür, dass ein Tier trotz einer Kollision unverletzt oder nur leicht verletzt ist. Mit dem Kommando «such Verwundt» hat Müllhaupt sie auf Fährten verletzter Tiere abgerichtet. «Wenn ein unverwundetes Reh eine schon gelegte Fährte kreuzt, reagiert sie deswegen gar nicht.»

Auch wenn ein Tier nicht verletzt worden sein sollte: Dass man einen Wildunfall unverzüglich bei der Polizei meldet, ist vorgeschrieben. «Das Verlassen des Unfallortes ist pflichtwidriges Verhalten bei einem Unfall und Vereitelung einer Blutprobe», erklärt Müllhaupt, der Jurist ist. Ein Wildunfall an sich sei hingegen kein Tatbestand. «Das kann jedem passieren.»

Der Jäger rückt erst bei Tageslicht aus

Wenn ein Tier angefahren wird, informiert die Jagdgesellschaft Küsnacht-Erlenbach Walter Müllhaupt noch in der Nacht. Dieser rückt allerdings erst am nächsten Morgen, wenn es hell ist, mit Pamina zur Unfallstelle aus. Weswegen diese Verzögerung? «In der Nacht sieht man das Tier schlicht nicht, auch nicht mit einer Lampe», gibt Müllhaupt zu bedenken. Ausserdem sei es verantwortungslos, im Dunkeln zu schiessen. «Wenn das Tier frisch verletzt ist, hat es am meisten Adrenalin und flüchtet dadurch umso schneller vor einem Hund, der die Fährte aufgenommen hat», erklärt er. So werde das Auffinden des verletzten Tieres erschwert oder gar verunmöglicht.

Pamina hat inzwischen das Ende der Übungsfährte, sozusagen das Ziel, erreicht. «Brava, bravissima», lobt Müllhaupt seine Hündin, die aus einer italienischen Zucht stammt. «In der Praxis wird sie durch das Auffinden des Tieres belohnt», sagt Müllhaupt. Auf der Übungsfährte ist es ein Gamsfuss, der am Ziel liegt: Die Hündin trägt die Beute stolz im Fang. Doch auch die Freude über ein Würstchen ist gross. «Das ist für sie etwas ganz Besonderes, das gibt es nur auf der Fährte», sagt Müllhaupt und streckt seiner sichtlich begeisterten Hündin flugs das begehrte Würstchen hin.

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