ETH-Forschung
Wie eine antike Substanz die Baubranche modernisieren soll

Forscher der ETH Zürich werben für das Baumaterial Lehm, weil es nicht nur Feuchtigkeit reguliert und Wärme speichert, sondern für die Hausbewohner auch gesund ist.

Lina Giusto
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Im Stadtspital Triemli in Zürich:

Im Stadtspital Triemli in Zürich:

Hochbaudepartement der Stadt Zürich

Der Lehmbau gehört zu den ältesten Bautechniken der Welt. Nun wollen Forschende der ETH Zürich das antike, aber im Schweizer Mittelland weitverbreitete Bodenmaterial als Bausubstanz wieder salonfähig machen. Gestern eröffnete an der ETH die von der Professur für nachhaltiges Bauen und der Interessengemeinschaft (IG) Lehm organisierte einwöchige Ausstellung «Think Earth!», die Lehm als Baustoff und damit verbundene Bautechniken näher vorstellt.

Die Forschenden werben dafür, dass das grossflächig im Boden des Schweizer Mittellandes vorkommende braune Gold künftig bei Aushuben auf Baustellen nicht mehr einfach lastwagenweise abtransportiert wird, sondern als Verputz oder bei der Konstruktion von Wänden in Gebäuden zum Einsatz kommt. Würde der Aushub – meist bestehend aus Tonnen von Sand, Kies und lehmiger Erde – als Baumaterial eingesetzt, könnten Lieferketten von herkömmlichen Bausubstanzen verkürzt, Sand- und Kiesressourcen geschont sowie Energie und CO2 gespart werden, sind die ETH-Forscher überzeugt.

Gesundes Raumklima ist zentral

Der IG Lehm Fachverband aus Zürich geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet das Erdmaterial als «den reinsten in der Natur vorkommenden Baustoff». Lehm werde oft als Heilmittel im Öko- und Biobau bezeichnet. Laut dem Fachverband hat Lehm als Bausubstanz einen Einfluss auf die Gesundheit der Bewohner beziehungsweise Nutzer von Gebäuden.

Zudem können Lehmverputze die Raumluftfeuchtigkeit regulieren, den Schall dämmen, die Wärme speichern und Gerüche absorbieren. Auch kann nicht mehr benötigter Lehm wieder dem Boden zurückgeführt werden, da er keine Schadstoffe enthält und wasserlöslich ist. Dennoch kann das Erdmaterial laut IG Lehm für tragende und nichttragende Wände sowie mehrgeschossige Gebäude verwendet werden.

Dass Lehm dennoch seltener als Beton zum Einsatz kommt, erklärt Matthias Köbel, Leiter der Abteilung für Building Energy Materials and Components bei der Empa in Dübendorf damit, dass gebrannter Lehm in Form von Backsteinen mechanisch weniger belastbar ist wie Beton. «Für den Innenbereich gerade bei Sanierungen ist Lehm als Verputz und zur Dämmung aber ein interessanter Baustoff», so Köbel.

Der wohl bekannteste Bau auf Stadtzürcher Boden, bei dem Lehm grossflächig zum Einsatz kam, ist das neue Bettenhaus des Stadtspitals Triemli. Die Architekten Martin Rauch und Roger Boltshauser erklärten gegenüber dem Fachmagazin Tec21, dass die insgesamt 5000 m2 Lehmdecken in den Krankenzimmern dazu beitragen, das Klima zu regulieren, und damit einen positiven Einfluss auf die Kosten der Belüftungsanlagen hätten.

Franziska Martin, Sprecherin des Amts für Hochbauten der Stadt Zürich, bestätigt den gesundheitlichen Aspekt: «Die Lehmdecken in den Patientenzimmern leisten einen wichtigen Beitrag zum gesunden Raumklima.» Sie hätten die Funktion, «Feuchtigkeitsspitzen» – die beim Duschen kurzfristig in den Zimmern entstehen können – auszugleichen. Über den Kostenunterschied von Lehm- und Betondecken dagegen kann das Amt für Hochbauten keine allgemeine Aussage treffen, da viele Faktoren die Erstellungskosten beeinflussen würden. «Im spezifischen Fall des Triemli ist die Lehmdecke – mit eingelegten, dünnen, wasserführenden Rohren – kostengünstiger als technische Lösungen mit vergleichbaren Funktionalitäten», so Martin.

Neben dem Triemli hat die Stadt auch das Gerätehäuschen der Sportanlage Sihlhölzli sowie die Veranda des Kindergartens Allenmoos aus Lehm bauen lassen. Weitere Lehmbauten sind laut Martin jedoch zurzeit nicht geplant: «Die Stadt Zürich macht bei ihren Gebäuden keine expliziten Materialvorschriften, es wird hingegen definiert, welche ökologischen Qualitäten ein Material erfüllen muss.» Mit ökologischen Bautechniken befassen sich auch die Forscher der ETH. Derzeit tüfteln sie an einer flüssigen Lehmform, die sich wie Beton in Schalen giessen lässt.