Jan Wurzbacher und Christoph Gebald haben sich viel vorgenommen: Mit ihrer Firma Climeworks möchten sie bis 2025 ein Prozent der weltweiten CO2-Emissionen aus der Atmosphäre filtern. Und nicht nur das: Die beiden 33- und 34-jährigen Zürcher ETH-Absolventen möchten damit auch noch Geld verdienen.

Gestern weihten sie in Hinwil den Prototyp ein. Die insgesamt 16 würfelförmigen Filter auf dem Dach der Kehrichtverbrennungsanlage Zürcher Oberland (Kezo) bilden die erste Anlage weltweit, welche CO2 aus der Luft filtert und danach an einen kommerziellen Anbieter verkauft. Das CO2 wird zum 400 Meter entfernten Gewächshaus der Gebrüder Meier geleitet.

«Ein historischer Moment»

Dass es sich hierbei nicht um das Projekt von weltfremden Idealisten handelt, zeigten die renommierten Gäste, welche das Projekt als Meilenstein der Klimatechnologie huldigten. Unter anderen waren ETH-Präsident Lino Guzzella, der Berner Klimaforscher Thomas Stocker wie auch der amerikanische Forscher und frühere Mitarbeiter der US-Regierung Julio Friedmann gekommen.

Guzzella sagte, dass er überzeugt sei, bei einem «historischen Moment» dabei zu sein. Das Projekt sei ein «fantastisches Beispiel», dass die Schweiz und insbesondere die ETH Dinge erforsche, die relevant seien. «Nur mit Technik und Naturwissenschaft können wir die Zukunft bewältigen», sagte er.

Ähnlich begeistert sprach Thomas Stocker, Professor für Klima- und Umweltphysik an der Universität Bern, über das Vorhaben der jungen Zürcher. Es sei «ein ganz wichtiger Meilenstein» für die Klimatechnologie. Stocker, Mitautor der berühmten IPCC-Berichte zum Klimawandel, wies auf die wissenschaftlich erhärteten Fakten zur Klimaerwärmung hin und darauf, dass sich die Welt mit dem Pariser Klimaabkommen «ein extrem ehrgeiziges Ziel gesetzt» habe. «Um es zu erreichen, braucht es extrem ehrgeizige Projekte wie dieses», sagte er.

«Negative Emissionen»

Neben der Politik, welche sich mit den Klimaverträgen auf die Reduktion von CO2-Emissionen verpflichtet hat, ist zum Erreichen der Klimaziele auch eine Reduktion von CO2 mittels sogenannter «negativer Emissionen» notwendig.

Sie können im Prinzip auf zwei Arten erreicht werden: indem Bäume gepflanzt werden oder indem das CO2 aus der Luft gesaugt wird – wie es Climeworks und eine Handvoll weiterer Unternehmen weltweit versuchen. Sollte Climeworks sein Ziel erreichen und bis 2025 tatsächlich ein Prozent der weltweiten Emissionen aus der Luft absorbieren, wäre das zehnmal mehr CO2, als die Schweiz heute emittiert.

Geld auch vom Bund

US-Forscher Julio Friedmann, als Promoter von Technologien zur Reduktion von CO2 bekannt, sagte gestern: «Es ist Zeit, das Feld den Wissenschaftlern und Technologen zu überlassen.» Das neue Modell zum Erreichen der CO2-Ziele heisse: «Suck it up» («Saug es auf»). Man konnte diese Aussage als Reaktion auf die gestrigen Gerüchte verstehen, wonach US-Präsident Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen möchte. Expliziter wollte sich Friedmann gestern allerdings nicht zu Trump und dessen Plänen äussern.

Schliesslich gehörte auch der Bund zu den Gratulanten erster Stunde; in der Person von Yasmine Calisesi vom Bundesamt für Energie. Das Energieamt unterstützte den Bau des Prototyps finanziell. Calisesi sagte: «Als ich vor 20 Jahren meine Dissertation schrieb, fand ich es unfassbar, dass der Mensch so etwas Unendliches wie das Klima beeinflussen kann. Heute finde ich es unfassbar, dass dies auch rückgängig gemacht werden kann. Dazu braucht es Mut und eine Portion Frechheit.»

Beides wird den jungen Zürchern offenbar zugetraut. Fraglich ist indes noch, inwiefern das Ganze auch wirtschaftlich funktioniert. Einerseits wird relativ viel Energie benötigt, um die Anlage zu betreiben. Darum kann Climeworks das CO2 noch nicht zu marktüblichen Preisen anbieten: Mit 600 Franken ist die Tonne zwar günstiger als bei bislang vergleichbaren Projekten, aber immer noch deutlich teurer als aus anderer Quelle (200 bis 300 Franken pro Tonne). «Wir planen aber, in den nächsten Jahren um den Faktor drei oder vier günstiger zu werden», sagte Jan Wurzbacher vor den Medien. Neben Gewächshäusern kommen als Kunden vor allem Getränke- und Lebensmittelhersteller infrage. Zudem erhofft man sich, dass das CO2 dereinst zur Herstellung von Treibstoffen genutzt werden kann.

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