Frau Hillmann, wollen Sie nun allen Kühen die Glocken wegnehmen?

Edna Hillmann: Nein, das möchte ich nicht. Und es liegt mir auch fern, die Alpauf- und abzüge in Frage zu stellen. Aber man kann sich vielleicht überlegen, wann Glocken nötig sind. Auf einer Alp ist es durchaus sinnvoll, den Kühen Glocken umzuhängen, weil sie so leichter zu finden sind. 

Ihre Studie hat ergeben, dass die Glocken den Kühen schaden. Inwiefern?

In einem Versuch haben wir drei Tage lang Kühen Glocken mit und ohne Klöppel umgelegt und ihr Verhalten aufgezeichnet. Da haben wir festgestellt, dass sie weniger oft aufstehen und sich hinlegen. Das könnte damit zu tun haben, dass das Aufstehen und Abliegen besonders laut ist. Die Fressdauer und die Wiederkaudauer sind verkürzt. Das ergab der Versuch während dreier Tage — da trägt die Kuh noch keinen Schaden davon. Wenn das langfristig so sein sollte, dann schadet das der Kuh. 

Was genau bedeutet das?

Fressen ist bei Kühen immer mit Bewegung verbunden: Wenn Kühe auf der Weide fressen, dann laufen sie und bewegen den Kopf hin und her. Wiederkauen machen sie meistens im Liegen. Die Glocke ist auch dabei laut. Ausserdem haben die Kühe das Gewicht der Glocke am Nacken. Das Fressen und Wiederkauen war von der Glocke beeinträchtigt. Noch nicht ganz sicher ist, ob vom Gewicht oder von der Lautstärke. Klar ist aber, dass Kühe mit Glocke weniger fressen.

Wie werten Sie die Ergebnisse?

Es gibt Richtwerte, die bezeichnen, was ideal ist: Zum Beispiel sollten Kühe zehn Stunden pro Tag liegen. Das war mit Glocke ein bis zwei Stunden kürzer — das ist viel. Wenn Kühe nicht liegen, dann fressen sie, im Liegen kauen sie wieder. Das ist wünschenswert, weil sie dann am meisten Milch produzieren. Und zudem ist Wiederkauen ein Zeichen von Entspannung.

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen den Glocken und der Milchproduktion?

Das wissen wir nicht genau. Die Kühe in unserem Versuch waren kurz vor der Abkalbung und wurden nicht mehr gemolken. Ich würde noch so gern einen Versuch machen, bei dem man das gezielt anschaut. Das würde allerdings bedeuten, dass man auf demselben Betrieb Kälber mit oder ohne Glocken getrennt voneinander aber unter gleichen Bedingungen aufziehen müsste. Wenn die Kühe drei bis fünf Jahre alt sind, müsste man die Milchleistung anschauen. Erst dann kann man sagen, wie der Effekt der Glocke ist. Doch so ein Forschungsprojekt ist wohl Fantasie. Das finanziert niemand.

Wie wirkt sich die Glocke auf das Gehör der Kühe aus?

Die Kühe sind nicht taub. Sie hören Geräusche, aber sie reagieren später — das kann bedeuten, dass sie durch die Glocken schwerhörig geworden sind oder dass sie sich an den Lärm gewöhnt haben. Um das genaue Hörvermögen zu messen, bräuchte es aber die geeigneten Messgeräte. Bisher gibt es die meines Wissens nicht.

Kühe hören offenbar sehr gut. Ist das Kuhgehör mit dem menschlichen Ohr zu vergleichen?

Es gibt einige wenige Studien, die belegen, dass Rinder sogar noch etwas besser hören als Menschen. Für sie sind die Glocken zum Teil so laut, wie wenn wir einen Presslufthammer neben dem Ohr hätten. Glocken und auch Treicheln kommen auf gut 90 bis 100 Dezibel. 95 Dezibel ist etwa Discolautstärke.

Sind Glocken für Kühe nun also Tierquälerei?

Ich wehre mich immer gegen den Begriff «Quälerei», weil da für mein Gefühl eine Absicht dahinter steckt. Kein Landwirt, der Kühen eine Glocke umhängt, möchte die Tiere quälen. Tierquälerei sind Glocken also nicht. Das heisst aber auch nicht, dass unsere Forschung sagt, Glocken seien gut für die Kühe. Sie sind auf jeden Fall kritisch. Deshalb muss man überlegen, ob man vielleicht auf ein GPS-System umsteigen könnte, wenn es zum Beispiel darum geht, Kühe auf der Alp wiederzufinden.