Es riecht nach altem Papier und Staub, als wir die Kellertreppen des Schweizerischen Sozialarchivs nahe beim Bahnhof Stadelhofen in Zürich hinabsteigen. Zielsicher kurbelt Erich Keller zwei Archivregale auseinander. Zum Vorschein kommt die laut Keller grösste Rolling-Stones-Sammlung der Schweiz: Schallplatten, Bücher, Heftchen, Plakate, Flyer – alles, dessen ein Stones-Fan habhaft werden konnte, sammelte der «Stonologe» Felix Aeppli und übergab es dem Sozialarchiv. Ein paar Meter weiter hängen liebevoll von Hand verzierte Rocker-Jeansjacken an einer Garderobenstange vor Archivschachteln. Auch sie zählen zu den Archivbeständen der Populärmusik, die das Sozialarchiv derzeit aufbaut. Eine vom Historiker Erich Keller gestaltete Veranstaltungsreihe widmet sich den neuen Schätzen.

«Popkultur ist in der Schweiz noch kaum erforscht», sagt Keller. Dabei prägte sie seit den 1950er-Jahren, als Musik mit Vinylplatten massenweise reproduzierbar wurde, ganze Generationen in ihrem Lebensstil. Sie veränderte Rollenbilder und trug zum sozialen Wandel, manchmal gar zur Rebellion bei: «In den 1950er-Jahren wurden Frauen plötzlich aktiv auf der Tanzfläche», nennt Keller ein Beispiel. Und weiter: «Die 1968er-Bewegung ist ohne Rockmusik nicht denkbar, ebenso wenig die 1980er-Jugendunruhen ohne Punk.»

Der 47-jährige Historiker zögert, ehe er fortfährt: «Dann kamen die 1990er-Jahre, und Techno bewegt seither viele Menschen. Ich weiss allerdings noch nicht so recht, wie ich das einordnen soll.» Als in Zürich 1992 die erste Street Parade stattfand, die sich als politische Kundgebung deklarierte, seien er und manche seiner Kollegen aus der damals besetzten Wohlgroth-Fabrik kopfschüttelnd dagestanden.

Keller wuchs in Herisau auf. Ein Arbeiterkind. Als Jugendlicher wurde er zunächst zum Hardrock-, dann zum Heavy-Metal-Fan. Er liess sich die Haare wachsen, stellte Autoritäten infrage, schmiss die Lehre hin. Eine «Initialzündung» sei für ihn und viele andere Leute das erste Metallica-Konzert in der Schweiz gewesen, 1984 im Zürcher Volkshaus. Die heute weltbekannte US-Band spielte damals noch als Vorgruppe von Venom. «Und plötzlich war die Musik so schnell und hart wie nie zuvor», erinnert sich Keller. «Das macht etwas mit einem.»

Mit dem jugendlichen Erich Keller machte es, dass er sich von der Musik, die sein älterer Bruder hörte, emanzipierte. Neue Bands wie Celtic Frost, die im Ausland Kultstatus erlangten, entstanden in der Schweiz. Auch Keller gründete eine Hardcore-Band namens Fear of God, die das Schneller, Härter, Lauter auf die Spitze trieb. Heavy Metal, Speed Metal und Hardcore sei für die Jugend vom Land und in der Agglomeration das gewesen, was Punk für junge Städter war: Soundtrack des Aufbegehrens, des Anders-Seins. Gleichzeitig habe einem die Musik auch das Gefühl gegeben, Teil einer internationalen Gemeinschaft zu sein – jenseits der Ballenberg-Schweiz.

Private Schätze bergen

Zurück ins Jahr 2016, zurück ins Sozialarchiv: Aus dem jungen Hardcore-Sänger aus Herisau ist ein promovierter Historiker geworden, mit Forschungsstelle an der Uni Zürich. Dort arbeitet er derzeit an einem Buch über die Rolle des 1991 in Zürich verstorbenen Buchhändlers Theo Pinkus als wichtige Figur in einem Netzwerk der europäischen Linken. Daneben hat er letztes Jahr die Online-Plattform swissmusicarchives.ch mitgegründet. Zusammen mit dem Sozialarchiv soll sie dazu beitragen, dass die Geschichte der Popmusik in der Schweiz vermehrt erforscht werden kann.

«Viele Leute wissen gar nicht, was sie daheim für Schätze haben», sagt Keller, der erst kürzlich die Singles-Sammlung seiner Mutter dem Archiv hinzufügte. Die nun startende Veranstaltungsreihe des Sozialarchivs solle zum einen ein Bewusstsein dafür schaffen, solche Schätze der historischen Forschung zur Verfügung zu stellen. Zum anderen sei sie auch als Aufruf an Historiker gedacht, die Materie der Popmusik zu erforschen. «Vielleicht waren wir die letzte Generation, die von klar abgegrenzten Musikszenen geprägt wurde», sagt Keller. «Heute, da mit Youtube jede Art von Populärmusik sofort abrufbar ist, hat sich das alles vermischt.» Doch nostalgische Wehmut sei fehl am Platz: «Die nachfolgenden Generationen werden das Ihre daraus machen», ist Keller überzeugt.