Im Kanton Zürich macht das Pendeln mit dem Auto keinen Sinn. Zumindest für jene, denen die Zeit wichtig ist. Das zeigen neue Daten des Kantons Zürich, welche die «Schweiz am Sonntag» ausgewertet hat.

Im sogenannten «Reisezeitenmonitoring» erfasst der Kanton die Durchschnittsgeschwindigkeiten auf 50 Pendlerstrecken zu verschiedenen Tageszeiten. Die Resultate sind eindeutig: Nur in wenigen Fällen ist die Fahrt mit dem Auto schneller. So dauerte eine Fahrt zwischen dem Hirzel und dem Bürkliplatz im Jahr 2015 in der morgendlichen Spitzenzeit zwischen 7 und 8 Uhr mit dem Auto durchschnittlich 27 Minuten und mit dem öV 41 Minuten. Diese Zeiten können dank einem System ermittelt werden, welches aus 62 fest installierten Detektoren entlang wichtiger Strassen besteht. Diese erfassen vorbeifahrende Geräte mit aktivierter Bluetooth-Funktion. Das können Laptops, Freisprechanlagen oder Smartphones sein. Einzelne Fahrzeuge können identifiziert werden, weil jedes Bluetooth-Gerät eine einmalige Adresse, eine sogenannte MAC-ID, mitsendet. Die Daten werden zur Auswertung anonymisiert.

Die Strecke vom Hirzel in die Limmatstadt ist eine Ausnahme: Wer mit dem Auto von Schlieren an den Escher-Wyss-Platz fährt, schleicht morgens beispielsweise mit durchschnittlich 25 Kilometern pro Stunde durch die Stadt. Auch zwischen Wallisellen und Oerlikon oder Dietikon und dem Escher-Wyss-Platz bewegt sich die Geschwindigkeit in dieser Grössenordnung (s. Grafik). Zwischen Dielsdorf und Oerlikon ist der Zug mehr als doppelt so schnell wie das Auto.

Besonders prekär ist die Situation immer dann, wenn der Weg in die Stadt Zürich führt. «Das Verkehrssystem der Stadt Zürich läuft schon seit Jahren am Kapazitätsmaximum», sagt Martin Guggi von der Dienstabteilung Verkehr (DAV). Angesichts der massiven Zeitverluste und der auf den öV- und Langsamverkehr ausgerichteten Verkehrspolitik der Stadt könnte man annehmen, dass der Autoverkehr abnimmt – umso mehr, als sich die Stadt in ihrem Programm «Stadtverkehr 2025» dieses Ziel gegeben hat. Bis 2025 soll der Anteil des Autoverkehrs um zehn Prozentpunkte auf 20 Prozent sinken. Der Auftrag kommt vom Volk, welches 2011 die Städteinitiative annahm. Ohne Reduktion des Autoverkehrs dürfte das Vorhaben kaum zu erreichen sein.

Doch die Stadt kommt nicht voran. Kein Wort verliert das Departement von FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger über den «motorisierten Individualverkehr», als es diese Woche eine Medienmitteilung zum aktuellen Stand des Programms verschickt. Die Indikatoren zeigten in die richtige Richtung, heisst es lediglich: Der öV, der Fuss- und der Veloverkehr hätten erneut zugenommen.

Die Autos bleiben in der Stadt

Das Ausschweigen über den Autoverkehr hat seine Gründe: Seit 2012 sinkt seine Menge in der Stadt nicht mehr. Das zeigt der aktuellste Zwischenbericht des Programms. An den Städtern liegt das keineswegs: Die Motorisierungsquote in der Stadt Zürich sinkt kontinuierlich, die Nutzungshäufigkeit des Autos in der Stadtbevölkerung ebenso. Nur ein Viertel der Stadtbevölkerung nutzt regelmässig das Auto, die allermeisten Wege legen die Stadtzürcher mit dem öffentlichen Verkehr zurück.

Dass der Autoverkehr trotz zunehmender Beliebtheit des öV und starken Wachstumsraten beim Velo nicht zurückgeht, ist demnach auf externe Faktoren zurückzuführen. Die Stadt Zürich veröffentlicht die Daten ihrer Auto-Zählstellen nicht. Doch eine Auswertung von Daten des Kantons und des Bundesamts für Strassen (Astra) legt eine mögliche Erklärung frei: der Transitverkehr durch die Stadt. Als 2009 die Westumfahrung eröffnet wurde, nahm dieser zunächst rasant ab – schliesslich ist die Umfahrung der Stadt Zürich auf der neuen Autobahn schneller und bequemer. Nun könnte er wieder zunehmen. Denn auf der Westumfahrung und dem Nordring werden die Zeitverluste immer grösser. «Ausweichbewegungen in die Stadt Zürich stellen wir insbesondere dann fest, wenn auf einer Umfahrungsstrecke wie dem Nordring eine Störung auftritt», sagt Guggi. Und dort staut es immer häufiger: An etwa 9 Stunden pro Tag und Richtung stockt der Verkehr dort durchschnittlich – alleine zwischen 2012 und 2014 stieg diese Zahl um knapp 15 Prozent. Das könnte Autofahrer dazu verleiten, wieder häufiger den Weg durch die Stadt zu wählen. Dazu passt, dass letztes Jahr am Stadteingang in der Brunau mehr Autos gezählt wurden als 2014, während auf der Nordumfahrung das Gegenteil der Fall war. Das zeigen neue Zahlen des Astra. Durchschnittlich 110 000 Autos registrierte die Zählstelle auf der A1 in Seebach täglich – ein Minus von fast einem Prozent. Auch in Opfikon nahm die Fahrzeugmenge ab. Eine erstaunliche Entwicklung, wuchs doch die Verkehrsmenge auf allen Autobahnen der Schweiz mit über 4 Prozent mehr zurückgelegten Kilometern gewaltig. Durch den Bareggtunnel fuhren zwei Prozent mehr Autos, auf der A1 bei Wallisellen – dem mit durchschnittlich 145 000 Autos täglich meistbefahrenen Abschnitt – oder auf der Umfahrung Winterthur wurden deutlich mehr Autos gezählt.

Bund: «Keine schlaue Idee»

Ob der Transitverkehr durch die Stadt tatsächlich zugenommen hat, bleibt unklar. Die Zählstellen der Stadt lieferten keine genügende Basis für solche statistische Auswertungen, heisst es bei der DAV. Auch stelle sich das Verkehrssystem der Stadt Zürich mit den zahlreichen Grossbaustellen in den vergangenen und kommenden Jahren jährlich anders dar. Die Zahlen seien deshalb nicht miteinander vergleichbar.

Auch das Astra hält sich zurück. Veränderungen bei den Zählstellen im Zehntelprozentbereich seien nicht erklärbar, sagt Sprecher Thomas Rohrbach. In einer Spitzenstunde seien dies weniger als 50 Autos. Bei den kürzlich begonnenen Bauarbeiten zum Ausbau des Nordrings auf sechs Spuren achte man nun darauf, dass in den Spitzenstunden kein Spurabbau stattfinde. Sowieso sei das Ausweichen auf das untergeordnete Netz keine schlaue Idee: «Strassen in den Agglomerationen können solche Verkehrsmengen schlicht nicht bewältigen», sagt Rohrbach. Und ein Ausbau der städtischen Strassen steht nicht zur Debatte: Das «Stadtverkehr»-Programm sieht vor, die Kapazität für die Autofahrer nicht zu erhöhen. Zumindest dieses Ziel wird sicher erreicht.