Lebensmittel
Wie Denner von Altstetten aus die Schweiz revolutionierte

Vor 50 Jahren eröffnete Denner seinen ersten Discount-Laden und verkaufte Lebensmittel zu Tiefstpreisen. Möglich war dies unter anderem, weil der Händler auf eine schöne Präsentation der Ware verzichtete.

Lina Giusto
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Am 24. Oktober 1967 eröffnete Denner seinen ersten Discount-Laden.
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Das Novum im Schweizer Detailhandel sorgte für einen grossen Ansturm.
Securitas beim Laden-Eingang und Schnelltippkurse für die Kassiererinnen waren bei den Vorbereitungen nicht wegzudenken.
Laut Zeitzeugen hat der damalige Verwaltungsratspräsident Karl Schweri selber in einer Nacht- und Nebelaktion die Denner-Filiale zum Discounter umgebaut.
Die Einrichtung war einfach: Die Lebensmittel wurden gleich kartonweise in die Regale gestellt.
Zudem konnten sich die Kunden selber bedienen und die Artikel einzeln kaufen.
Denner revolutioniert von Altstetten aus mit seiner Discount-Kette die Schweiz
Weil die Preisregulierung für Lebensmittel 1967 aufgehoben wurde, konnte Schweri seine Lebensmittel zu Tiefstpreisen anbieten.
In der Tagesschau berichtete man vom ersten Superdiscounter der Schweiz mit den Worten: "Kleinste Marge für den Detailhändler, grosser Rabatt für den Kunden."
Eine Menschenschlange vor der Denner-Filiale auf dem Lindenplatz in Zürich-Altstetten.

Am 24. Oktober 1967 eröffnete Denner seinen ersten Discount-Laden.

zvg

Goldene und weisse Luftballons schmücken den Eingang des Denner-Express-Ladens beim Lindenplatz in Zürich Altstetten. Der Duft grillierter Bratwurst liegt in der Luft, hin und wieder rattert ein Tombola-Rad. Was sich gestern im Zürcher Aussenquartier abspielte, wirkte vordergründig unspektakulär. Die Festlichkeit soll aber an jenen Tag erinnern, als an diesem Ort ein Stück Wirtschaftsgeschichte geschrieben wurde.

«Superdiscount heisst: Kleinste Marge für den Detailhändler, grosser Rabatt für den Kunden.»

Sendung «Antenne» vom 24. Oktober 1967

Auf den Tag genau gestern vor 50 Jahren eröffnete der erste «Superdiscount-Laden» der Schweiz seine Türen. Auch in der Sendung «Antenne» des Schweizerischen Fernsehens wurde über die Eröffnung berichtet. Der Berichterstatter beschreibt die Innovation im Detailhandel mit den Worten: «Superdiscount heisst: Kleinste Marge für den Detailhändler, grosser Rabatt für den Kunden.»

Eine der damaligen Kassiererinnen, Judith Wilhelm, heute knapp 70 Jahre alt, erinnert sich an den Tumult, der sich am Eröffnungstag auf dem Lindenplatz abspielte: «Die Leute kamen von überall her. Wir waren den ganzen Tag nur am tippen. Es wurde sogar Personal eingesetzt, um die Einkäufe der Kunden einzupacken. Ein Türsteher koordinierte den Einlass in den Laden.»

Judith Wilhelm Sie sass 1967 an der Kasse als der erste Discounter seine Türen öffnete.

Judith Wilhelm Sie sass 1967 an der Kasse als der erste Discounter seine Türen öffnete.

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Was Denner unter dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten Karl Schweri in einer Nacht- und Nebelaktion auf die Beine stellte, wird nicht umsonst als Pioniertat bezeichnet. So wurde zwischen dem 23. und 24. Oktober der Denner-Supermarkt in Altstetten zu einem Discount-Laden umgebaut, und fortan wurden Lebensmittel zu Tiefstpreisen verkauft.

Dies war möglich, weil Schweri auf die Präsentation der Ware verzichtete. «Karl Schweri selber hat Konfitüren und Dosen gleich kartonweise in den Laden gestellt», überliefert Thomas Kaderli, Mediensprecher von Denner, die Geschichte. Kassiererin Wilhelm nickt zustimmend. Bis zu diesem Zeitpunkt waren grosse Rabatte lediglich den Grossisten, die Lebensmittel kartonweise einkauften, vorbehalten. Gegenüber dem Schweizer Fernsehen erklärte Schweri das Konzept folgendermassen: «Ein Superdiscount hat in der Schweiz nur dann Erfolg, wenn man den Konsumenten die Möglichkeit gibt, einzelne Artikel zu kaufen.»

Wenn man den Karton in den Laden stelle und der Kunde sich selber bedienen könne, sorge dies nicht für mehr Arbeit. Neben der Selbstbedienung, ein Prinzip das Migros 1948 lancierte, verschlankte Schweri zudem die Lebensmittel-Palette auf 1000 der am stärksten nachgefragten Artikel. Zudem verzichtete der Discount-Laden auf das Angebot verderblicher Lebensmittel wie Gemüse, Fleisch und Backwaren.

Denner-Gründer Karl Schweri (1917-2001)
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Am 31. März 2017 wäre Karl Schweri 100 Jahre alt geworden. Im Bild: Am 9. August 1973 eröffnet Karl Schweri (rechts) mit volkstümlichen Klängen in Mendrisio den 100. Denner-Superdiscount.
Schweri übernahm 1951 die Denner-Ladenkette. 1967 eröffnete Schweri in Zürich den ersten Lebensmittel-Discountladen der Schweiz. Das Bild stammt von 1967.
1967 eröffnete Schweri in Zürich den ersten Lebensmittel-Discountladen der Schweiz. Das Bild stammt vom 29. Januar 1970. Denner eröffnete damals in Genf seine 50. Filiale, die erste in der Westschweiz überhaupt.
Karl (links) mit seinem Bruder Walter um 1933.
Karl Schweri kämpfte gegen Kartelle und Monopole. Dank ihm zerbrach etwa das Bierkartell. Denner-Gründer Karl Schweri, aufgenommen im September 1979.
Mit einem dichten Laden-Netz machte Schweri Denner zum führenden Discounter der Schweiz. Im Bild: Karl Schweri (rechts), Verwaltungsratspräsident der Denner AG, und Rechtsberater A. Galliker (links) informieren am 25. März 1987 an einer Pressekonferenz über ihre Usego-Tremerco-Aktienmehrheit.
Karl Schweri machte auch mit seinen Volksinitiativen Schlagzeilen. Er lancierte insgesamt zehn eidgenössische Volksinitiativen und Referenden. Im Bild: Karl Schweri am 25. März 1987 an einer Pressekonferenz in seiner Funktion als Verwaltungsratspräsident der Denner AG. Er bestätigt, dass er 52 Prozent aller Usego-Tremerco-Aktien kontrolliert.
Karl Schweri galt als scheuer Mensch und drückte sich vor öffentlichen Auftritten. Im Bild: Denner-Gründer Karl Schweri, aufgenommen 1967.
Nicolas Schweri, Sohn des Denner-Patrons Karl Schweri, war mehrere Jahre lang Vizepräsident des Denner-Verwaltungsrates. Er war eines von vier Kindern von Karl Schweri und seiner Frau Antoinette Schweri-Conrad (1923-2013). Das Bild zeigt Nicolas Schweri im Jahr 1990.
Ende 2000 übergab Schweri überraschend seinem damals 29-jährigen Enkel Philippe Gaydoul die Leitung des Denner-Konzerns. Seine Mutter Denise Gaydoul ist eines der vier Kinder von Karl Schweri. Das Bild zeigt Philippe Gaydoul in einer Dennerfiliale, aufgenommen im August 1998.
Philippe Gaydoul wurde damit auf Anfang 2001 Verwaltungsratspräsident des Denner-Konzerns.
Gayoul verkauft 2007 die Denner-Mehrheit (70 Prozent) an die Migros. Er bleibt aber bis 2009 Chef des Detailhandelsunternehmens, übernimmt aber das Präsidium des Verwaltungsrates.
Im März 2012 verlässt Gayoul den Discounter endgültig: Er tritt als Denner-Verwaltungsratspräsident zurück.
Auf eine gewisse Weise schliesst sich der Kreis mit Gaydouls Austritt bei Denner. Denn Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler (1888-1962) war das Vorbild seines Grossvaters Karl Schweri. In seinem Büro hing jahrelang ein Bild von Duttweiler.
«Der Unerbittliche», NZZ Libro Wirtschaftspublizist Karl Lüönd hat rechtzeitig zu Karl Schweris rundem Geburtstag eine Biografie veröffentlicht. Er beschreibt ihn als Visionär und Störenfried der Kartellwirtschaft. Für das Buch hat Denner erstmals die Archive geöffnet. Mehr zum Buch hier.

Denner-Gründer Karl Schweri (1917-2001)

Keystone/Str

Dass Schweri in der Lage war, zwei Drittel der damals üblichen Detailhandelsmarge von 33 Prozent als Preisnachlass an seine Kunden weiterzugeben, hing damit zusammen, dass 1967 die gebundenen Verkaufspreise für Lebens- und Genussmittel aufgehoben wurden.

Schweris eigentliche Pioniertat bestand damit weniger in der Eröffnung eines Discount-Ladens, sondern eher darin, dass nach langwierigen Auseinandersetzungen mit der Markenartikelindustrie und deren Verband Promarca das Preisbindungskartell fällt. Von da an konnte Denner seine Lebensmittel mit einem tiefen Gewinn von 1,5 Prozent Gewinn verkaufen und Lebensmittel zu Preisen anbieten, die damals noch nicht für möglich gehalten wurden. Entsprechend gross war der Ansturm bei der Eröffnung der Filiale.

Damit die Kassiererinnen gewappnet waren, wurden sie in den Tagen zuvor noch im Schnelltippen geschult. So auch Wilhelm: «Der Kurs im Vorfeld war eine gute Idee. Schweri wusste, was er tat.» Der Andrang vor 50 Jahren sei deutlich grösser gewesen als heute. Trotzdem sei es schön, wieder hier zu sein, so Wilhelm. An diesem Ort, an dem landesweit erstmals Lebensmittel zu Tiefstpreisen verkauft wurden und gestern die Bratwurst 50 Rappen kostete.