Winterthur
Wie aus zwei Fremden "ziemlich beste Freunde" werden

Das Casinotheater eröffnet die Saison mit der Bühnenfassung der Komödie «Ziemlich beste Freunde». Ein Stück mit einer Botschaft: Zuneigung ist wichtiger als Mitleid.

Christian Felix
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Nach anfänglichen Schwierigkeiten verstehen sich Philippe (Hans-Peter Müller-Drossaart, links) und sein tollpatschiger Pfleger Driss (Daniel Schröder) ziemlich gut.
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Driss bringt Philippe sogar dazu, eine Zigarette zu rauchen.
Kopie von Theater Ziemlich Beste Freunde
Driss muss dem gelähmten Philippe die Schuhe anziehen.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten verstehen sich Philippe (Hans-Peter Müller-Drossaart, links) und sein tollpatschiger Pfleger Driss (Daniel Schröder) ziemlich gut.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Driss unterstützt Philippe in sämtlichen Lebenslagen.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.
Der Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" als Theater.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten verstehen sich Philippe (Hans-Peter Müller-Drossaart, links) und sein tollpatschiger Pfleger Driss (Daniel Schröder) ziemlich gut.

Caro Gammenthaler, Casinotheater Winterthur

Sechs abgebrühte Jungs in schwarzen Anzügen hängen auf der Bühnenkante ab. Es sind angehende Schauspieler des Theaters Hora, einer professionellen Truppe mit geistig Behinderten. Vorderhand kommen die Sechs aber noch nicht zum Einsatz. Stattdessen befragt die Haushälterin Magalie (Ulrike Beerbaum) einen Pfleger (Jonas Gruber). Er soll Philippe (Dietiker Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart) betreuen. Seit dem Unfall mit einem Paragleiter ist Philippe vom Halswirbel an abwärts gelähmt.

Er ist ein reicher Schnösel mit Adelstitel, verwöhnt und als Patient unausstehlich. Derweil prahlt der Pfleger mit seinen Titeln. Jonas Gruber spielt überzeugend einen ganz schmierigen Typen. Bei Philippe ist es Hass auf den ersten Blick. Das sieht man nur allzu deutlich im Gesicht des Gelähmten. Dann plötzlich wirbelt Driss (Daniel Schröder) herein, frisch aus dem Knast entlassen. Er will bitteschön eine Bestätigung für das Arbeitsamt, dafür, dass er sich beworben hat. Kaum da, macht er sich auf billige Art an Magalie heran. Philippe zeigt Neugierde auf diesen Typen – und engagiert ihn als Pfleger.

Ungeschickt und taktlos

Damit ist die Grundsituation dieser Komödie etabliert. Nun entfaltet die Aufführung im Casinotheater ihre Stärken. Philippe lenkt mit seiner Mimik und seinen Äusserungen das Spiel auf der Bühne, Müller-Drossaart ist dafür eine Traumbesetzung. Das verlangt von seinem Gegenpart eine schauspielerische Spitzenleistung, und die gelingt Schröder wunderbar, obwohl er seine Rolle erst zwei Wochen vor der Premiere übernommen hat (siehe Kasten).

Premiere mit Promis

Einer der beiden auf den Plakaten zu sehenden Hauptdarsteller, Komi Togbonou, stand nicht auf der Bühne. Das war das Hauptthema am Premieren­apéro. Offenbar konnte er sich aus familiären Gründen nicht auf die Produktion konzentrieren und wurde kurzfristig durch ­Daniel Schröder ersetzt.

Driss hat keinen Schimmer von Krankenpflege und stellt sich ungeschickt an. Das wirkt natürlich mitunter komisch. Weniger lustig ist seine Taktlosigkeit. Er macht sich darüber lustig, was man ohne Arme alles nicht tun kann. Bis Philippe hyperventiliert. Da ist Driss völlig hilflos, umarmt Philippe, beruhigt ihn, legt seinen Kopf auf seine Schulter. Dieser Pfleger verzichtet auf vermeintlich tröstenden Worte. Dafür zeigt er im richtigen Moment echte Zuwendung.

Driss und Philippe werden schliesslich «ziemlich beste Freunde». Diese Freundschaft hält auch, als Philippes Bruder (nochmals Jonas Gruber) den Gelähmten vor Driss warnt: «Solche Typen kennen kein Mitleid.» Philippe schreit daraufhin die Wahrheit heraus: Er verabscheut nichts mehr als das Mitleid! Am Ende schafft Driss ein fast biblisches Wunder.

Er vermittelt Philippe bildlich gesprochen eine einfache Botschaft: Steh auf und geh! Und siehe, Philippe nimmt sein Leben wieder in die Hand. Er bewegt sich, geistig und emotional. Driss, zwingt ihn, seine Brieffreundin anzurufen, und Philippe wagt es darauf, ein Treffen mit ihr zu vereinbaren. Im Traum kann Philippe sogar wieder gehen. Und nun kommen die feschen Jungs vom Anfang zum Einsatz. In der Traumszene verschmelzen sie mit Philippe zu einer tanzenden, robbenden Figur. Das Mienenspiel von Müller-Drossaart steigert sich zu ergreifender Intensität. Das ist Theater der Spitzenklasse.

Casinotheater, bis 21.10.