Zürich
Werke der Unheilbaren: Arbeiten aus der einstigen Irrenanstalt Rheinau

«Das sind Werke unseres Stars.» Professor Flurin Condrau, Leiter des Medizinhistorischen Instituts und des zugehörigen Museums, weist auf eine Wand mit grossformatigen Stickereien hin.

Alfred Borter
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Werke der Unheilbaren: Arbeiten von Insassen der einstigen Irrenanstalt Rheinau
10 Bilder
Skizzenmappe einer Insassin
Detaillierte Arbeiten zeichnen das Werk vieler Insassen aus
Stickerei eines Insassen des ehemaligen Irrenhauses Rheinau
Die Notizen und Zeichnungen der Insassen der ehemaligen Irrenanstalt Rheinau
Kraftvolle Zeichnungen der Insassen des ehemaligen Irrenhauses Rheinau
Im Medizinhistorischen Institut in Zürich kann man die Werke bestaunen
Auch gegen Professor Flurin Condrau darf ermittelt werden.
Stickerei, zu betrachten im Medizinhistorischen Museum Zürich
Stickerei einer der Künstler des Irrenhauses Rheinau

Werke der Unheilbaren: Arbeiten von Insassen der einstigen Irrenanstalt Rheinau

AZ

Hier findet sich etwa ein Bild von Jeanne Natalie Wintsch, welche 1922 als unheilbar von der Heil- und Pflegeanstalt Burghölzli in die Irrenanstalt Rheinau gebracht worden war, wo bis zu 1200 Patientinnen und Patienten untergebracht waren. In die verschiedenen Gebäudeteile ist etwa die Seele hineingestickt, welche über einem Feuer schwebt, am Ende steht das Kreuzzeichen für den Tod. Überall im Bild finden sich verschlüsselte Botschaften, wie Condrau erklärt. Man kann die Stickerei tatsächlich lange anschauen und findet immer wieder eine Kleinigkeit, die einem bedeutungsvoll erscheinen mag.

Wintsch starb nicht, wie die meisten anderen Patientinnen und Patienten, in der Rheinau, sie wurde 1925 als geheilt entlassen und starb 1944. Und heute sind mehrere ihrer Arbeiten an der Biennale in Venedig ausgestellt. «Damit erübrigt sich wohl die Diskussion darüber, ob Werke von psychisch kranken Menschen als Kunst anzusehen sind oder nicht», gibt Condrau zu verstehen.

Nicht einfach nur ein Zeitvertreib

Für Condrau ist klar, dass die Werke von Jeanne Wintsch und anderen Insassen des 1867 in eine Pflegeanstalt umgewandelten Klosters Rheinau nicht einfach dem Zeitvertreib dienten, sondern dass sie mindestens für die Patientinnen und Patienten wertvoll waren.

Als die Inselklinik im Jahr 2000 geschlossen wurde, fanden sich 825 Patientenarbeiten, die aus welchen Gründen auch immer nicht fortgeworfen worden waren. Eine Auswahl davon ist nun, kuratiert von Katrin Luchsinger und Jacqueline Farni, im Medizinhistorischen Museum der Universität Zürich zu sehen. «Die ausgestellten Werke vermitteln eine besondere Kraft», stellt Condrau fest.

Nicht allein die Werke von Jeanne Wintsch vermögen zu verblüffen, sondern beispielsweise auch die kalligrafisch anmutenden Schriftwerke von Hermann M. Er spüre den Wind in den Schriftzeichen, soll er gesagt haben. Und mit Sprachwitz erfand er in einem Gedicht Worte wie «Rosenstrumpf» und «dornencknie» – sie haben der Ausstellung den Namen gegeben.

Hans Z. hat eine geschnitzte Tierwelt gestaltet, in der auch Zwerge ihren Platz haben. Jakob Friedrich W. malte und beschrieb Ballerinen, und Lisette H. stellte aus Füllmaterial, das sonst für das Stopfen von Matratzen verwendet wurde, Accessoires her, etwa einen Hut oder eine Handtasche. Zum Stricken dieser Gegenstände verwendete sie Zündhölzer – Stricknadeln waren wohl verboten, die Patientinnen hätten sich damit ja Verletzungen zufügen können.

«Bekannt beste Qualität»

Besondere Schmuckstücke sind die «Erfindungen» von Heinrich B., etwa eine elektrisch betriebene Barriere, und zwar bevor die Bundesbahnen anfingen, unfallträchtige Bahnübergänge mit elektrischen Schranken zu sichern. Heinrich B. benutzte für seine Konstruktionszeichnungen Kartons, in denen die Stahlspäne geliefert wurden, welche zum Putzen der Böden dienten. Dass dort der Slogan «Bekannt beste Qualität» aufgedruckt war, kam ihm zustatten, war er doch davon überzeugt, dass auch seine Erfindungen dieses Prädikat verdienten.

«Es war sein Pech, dass er in der Klinik interniert war», meint dazu Condrau. Offenbar war die Anstaltsleitung genügend tolerant, dass man die Frauen und Männer, die sich auf künstlerische Art betätigten, gewähren liess. Wie Condrau erklärt, wurden die Werke in den seltensten Fällen von einem Psychiater für die Krankengeschichte respektive zur Therapie beigezogen. «Heute ist das natürlich anders.» Da setzt man zum Beispiel die Kunsttherapie ganz gezielt ein, um der Krankheit eines Patienten auf den Grund zu kommen und um nach Möglichkeiten einer Heilung zu suchen. «Solche Arbeiten werden heute als Teil eines Dialogs angesehen.»

«Mich als Medizinhistoriker aber interessiert brennend, wie sich die Patienten damals ausdrückten, welche Art von Sprache sie benützten, um das, was sie umtrieb, zum Ausdruck zu bringen», erwähnt Condrau. Ein Forschungsschwerpunkt an seinem Institut liege darin, vermehrt die Patientensicht zum Ausdruck zu bringen.