In einer Primarschule in Zürich ist das Problem so gross, dass sich die Schulleitung gezwungen fühlt, zu handeln. Sämtliche Eltern haben letzte Woche darum Post bekommen.

Im Brief mit dem Betreff «Betreuung erkrankter Kinder» schreibt die Schulleitung sie sei nicht in der Lage, sich um kranke Kinder zu kümmern, solche stellten den Schulbetrieb vor kaum lösbare Probleme.

Deshalb gelte: «Eltern sind verpflichtet, während der Unterrichts- und Betreuungszeit lückenlos erreichbar und verfügbar zu sein.»

Wer nicht im Stande sei, sein Kind jederzeit abzuholen oder es zu Hause zu behalten, müsse eine andere, geeignete Person angeben.

«Dieser Brief ist ein Hilfeschrei», sagt Jürg Brühlmann, Geschäftsführer des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Er kennt die wachsende Problematik rund um kranke Schulkinder und nennt die Gründe: 

  • Nebst den alleinerziehenden Eltern nimmt die Zahl der Paare zu, bei denen beide voll arbeiten. Arbeit hat heute einen grösseren Stellenwert, die Entwicklung wird weiter in diese Richtung gehen.
  • Eltern im eher niedrigen Lohnsegment sind aus finanziellen Gründen gezwungen, je 100 Prozent zu arbeiten (oder beinahe). 
  • In gut verdienenden Familien arbeiten mehr und mehr beide Elternteile, weil immer weniger Paare nach dem alten Rollenbild mit der Frau Zuhause und dem Mann bei der Arbeit leben. 

Das führt zu verschiedenem Verhalten: 

  • Eltern im Niederlohn-Bereich trauen sich nicht frei zu nehmen, um ihr an Grippe erkranktes Kind zu betreuen, weil sie Angst haben, die Stelle zu verlieren. Dies, obwohl sie dazu ausdrücklich das Recht hätten. 
  • Die reicheren Eltern hingegen können Kinder, die während dem Unterricht erkranken, nicht sofort abholen, weil sie Sitzungen nicht verschieben können oder allenfalls beruflich im Ausland sind. 

Das immer noch weit verbreitete Bild vom Mama-Taxi, das immer und überall für die Kinder bereitsteht, gibt es laut Brühlmann schon länger nicht mehr.

Wo die Eltern fehlen, muss die Schule einspringen. Oder müsste. Denn mit dem aktuellen Personalbestand und den zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten können an Schulen beinahe unmöglich kranke Kinder separat gepflegt werden. Sitzen kranke Kinder in der Klasse, stecken sie die anderen rasch an.

Deshalb ist es laut Bernard Gertsch, Präsident Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz(VSLCH), umso wichtiger, dass es möglichst nicht dazu kommt.

Die Eltern sollen nie kranke Kinder in den Unterricht schicken und sie sofort abholen, wenn sie während der Schule erkranken.

Eltern dazu zu bringen, sei jedoch nicht einfach und nur über Gespräche oder eben Briefe möglich. Viele Eltern würden es bei den Kindern handhaben wie bei sich selber: «sie warten zu lange, bevor sie zu Hause bleiben und gehen zu früh wieder zur Arbeit.» 

«Andere Länder machen es uns vor»

Wer also ist für die kranken Kinder zuständig? Beide Seiten und doch niemand, findet Brühlmann. Es sei bei den jetzigen Strukturen ein für Eltern und Schulen nicht lösbares Problem.

Allerdings kennt Brühlmann die Lösung. «Andere Länder machen es uns vor», sagt er. Und zwar mit Tagesschulen. An Tagesschulen kümmert sich Pflegepersonal neben anderen Aufgaben um kranke oder verletzte Kinder.

Solche Gesundheitsdienste müssten von Gemeinden, insbesondere an Schulen mit Tagesstrukturen, eingeführt werden, sagt Brühlmann. Und ergänzt: «Das können die Schulen nicht alleine lösen, da ist die Politik gefordert.»  

Im Kanton Zürich laufen Versuche mit Tagesschulen. Bis 2025 sollen solche flächendeckend eingeführt werden.