Die Einstellung Migranten gegenüber hat sich in den letzten zehn Jahren in der Schweiz fundamental verändert. Die unter 36-jährigen Schweizer Städterinnen und Städter galten einst als weltoffen und damit Zuwanderern gegenüber positiv eingestellt. Das hatte sich bei Abstimmungen stets zugunsten von Zuwanderung, Bürgerrechten oder Asyl ausgewirkt. Seit die Personenfreizügigkeit mit der EU in den Nullerjahren sukzessive erweitert wurde, haben sich Einstellungen und Werte aber verändert - sie sind restriktiver geworden. Die Zuwanderung wurde für die Schweizer Wohnbevölkerung spürbar und zum grossen Diskussionsthema. Bemerkenswert ist deshalb, dass selbst in der links-regierten Stadt Zürich junge Schweizer restriktiver geworden sind. Das zeigt eine Studie der Forschungsstelle Sotomo, die im Auftrag der Sadt Zürich erstellt und an der Migrationskonferenz am Donnerstagnachmittag im Kunsthaus vorgestellt wurde.

Konkurrenzkampf

Politologe Michael Hermann, der die Anaylse aufgrund der VOX-Daten (also der Umfragen im Nachgang zu Abstimmungen) erstellt hat, begründet diese Veränderung mit dem Konkurrenzkampf, dem sich die jungen Menschen ausgesetzt sehen und mit der Gentrifizierung. Sie haben sich zudem im Arbeitsmarkt noch nicht durchgesetzt und auch die Wohnungssuche ist aufgrund der Zuwanderung schwieriger geworden. Entsprechend negativer wird diese beurteilt, was sich im Abstimmungsverhalten ausdrückt. Hermann verweist auf Annahme der Minarett-, der Ausschaffungs- aber auch der Masseneinwanderungs-Initiative. Im Unterschied zu den Jahren vor 2000 sind heute vor allem die 36- bis 65-jährigen Schweizer Stadterinnen und Städter ausländerfreundlich. Zudem: Die Jahrgänge 1956 bis 1970 – quasi die einst «Bewegten» und in den 1970ern sozialisiert – haben gemäss Hermann ihr migrationsfreundliches Profil verloren.

Agglomeration wird immer bürgerlicher

Trotz dieses veränderten Verhaltens seien Schweizer Grossstädte wie Zürich, Basel und Bern Ausländern gegenüber noch immer mehrheitlich positiv eingestellt. Deren Agglomerationen nähern sich gemäss Hermann in ihrem Werteprofil aber zusehends dem konservativen ländlichen Raum an. Die Agglomeration wird immer bürgerlicher, dort sollen Wohn- und Lebensideale verwirklicht werden. Grossstädte wie Zürich ziehen Personen mit «postmateriellen und kosmopolitischen Werthaltungen» an.

Über alle Generationen hinweg gesehen lässt sich sagen: Das Thema Einbürgerung weicht vom allgemeinen Trend der Annäherung der Werthaltungen aller Altersgruppen ab: Der Generationengraben von einst ist bestehen geblieben. Ältere Menschen verlangten noch immer höhere Zutrittshürden zum Bürgerrecht als die Jüngeren. Bei der Asylthematik hätten sich die Haltungen von Alt und Jung am stärksten angeglichen. Bei der Steuerung zur quantitativen Zuwanderung sei sie nie sehr stark ausgeprägt gewesen.

Galt einst «offene Jugend, skeptisches Alter» so kann heute gemäss Hermann gesagt werden: «Defensive Jugend, offene Mitte, skeptisches Alter.»

Mauchs Willkommenskultur

Skeptisches Alter? Genau um diese Frage drehte sich die von der Integrationsförderung und der Asylorganisation Zürich organisierte Zürcher Migrationskonferenz. Im Vordergund stand die Frage, wie Seniorinnen und Senioren mit gesellschaftlicher Vielfalt umgehen. Für Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch ist dies eine der zentralen Fragen. Zürich wolle seine Willkommenskultur aufrechterhalten, auch in Zeiten grosser Flüchtlingsströme. Der Stadtrat prüfe derzeit, wie er in dieser Situation «seine Verantwortung noch besser und stärker wahrnehmen kann», er wolle demnächst orientieren. Es sei dem Stadtrat wichtig, dass die auf der Willkommenskultur aufbauende Integrationsarbeit von der Bevölkerung mitgetragen werde. Dies aber auch im Wissen, dass das nicht durchgängig der Fall ist. Es gelte gerade die Seniorinnen und Senioren abzuholen, die gemeinhin als weniger offen Fremden gegenüber gelten. Doch nicht nur sie: Mauch macht «relativ breite Bevölkerungskreise», die durch gesellschaftliche Veränderungen verunsichert sind.

Für Hans Rudolf Schelling vom Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich ist klar: Es gibt keine Regel, wie ältere Menschen mit Veränderungen umgehen. Das bleibe zeitlebens eine sehr individuelle Geschichte. Das Alter mache sogar verschiedener, weil die unterschiedlichen Lebenserfahrungen einen Einfluss auf den Umgang mit Veränderungen haben.

Abfall entsorgen und Grüezi sagen

Anhand von Interviews mit älteren Menschen aus Zürich Nord zeigte der freischaffende Politologe Walter Schenkel auf, dass ältere Menschen ein Zusammenleben mit Fremden durchaus akzeptieren, aber klare Erwartungen haben. Auf einen Nenner gebracht fordern sie: «Abfall entsorgen und Grüezi sagen». Den Wandel nehmen die älteren Menschen vor allem über die baulichen Veränderungen und den Bevölkerungsmix im Quartier wahr. Sie sehen Hautfarbe und Kopftuch, hören fremde Sprachen. Das Zusammenleben der älteren einheimischen und zugezogenen Bevölkerung sei eher von einem Nebeneinander als von einem Miteinander geprägt, Ausnahmen sind Nachbarschaftskontakte. Dies oft, weil ältere Menschen in ihrer eigenen sozialen Welt leben und damit genug beschäftigt sind. Ausländer werden akzeptiert, sobald diese Deutsch sprechen können.

Mein Wollishofen gibts nicht mehr

Es war an der 75-jährigen Zürcher Journalistin Klara Obermüller, als Vertreterin der älteren Generation einen Blick auf die Veränderungen zu werfen, die ihre Generation miterlebt hat. Ihr Zürich der Kindheit war Wollishofen. Obermüller erzählte eindrücklich, wie sich das Quartier, das sie als Stadt empfand, gewandelt hat. Wie der Bäcker, der Metzger, das Strumpfgeschäft schlossen, während neue hinzukamen. Eine Stadt sei ein lebender Organismus, Veränderungen Teil des Lebens. Woran es liege, dass manche Menschen – nicht nur ältere – Angst vor allem Unbekannten und Fremden hätten, während sich andere offen zeigten und entspannt blieben, darauf habe sie keine Antwort finden können. Sie habe ihre eigene ausgeprägte Neugier dem Unbekannten gegenüber jedenfalls bis ins Alter bewahrt. Obermüller kommt zum Schluss: «Nein, das ist nicht mehr mein, das ist ein anderes Wollishofen – nicht schlechter als meins, sondern einfach nur anders.»