Coronavirus
«Wer denkt, jetzt sei alles wieder gut, irrt sich»: Kitas kommen nicht zur Ruhe

Das Warten der Kindertagesstätten hat ein Ende: Die Corona-Entschädigungen vom Staat sind ausbezahlt. Doch die Kinderkrippen und Horte befinden sich weiterhin im Krisenmodus.

Anna Six
Merken
Drucken
Teilen
Erkältungssaison und Personalengpässe wegen Corona: Manche Kindertagesstätten laufen derzeit am Anschlag.

Erkältungssaison und Personalengpässe wegen Corona: Manche Kindertagesstätten laufen derzeit am Anschlag.

Michael Trost

Die Coronakrise hat den Alltag in den Zürcher Kinderkrippen, Hortgruppen und Tagesfamilien verändert. Wo Kleine und Grosse sich sonst sehr nahe kommen, muss jetzt auf Abstand geachtet werden. Das Personal trägt Masken – und sorgt sich, dass die Kinder darunter leiden könnten. Der Kontakt mit den Eltern ist aufs Minimum beschränkt.

Eine gute Nachricht gibt es für die Branche immerhin. Der Kanton Zürich hat bis Anfang Dezember 27,4 Millionen Franken an die Betreuungsinstitutionen ausgezahlt. Das Prinzip dieser Entschädigung ist folgendes: Eltern sollen nicht für Krippentage bezahlen müssen, an denen sie ihr Kind zwischen Mitte März und Mitte Juni wegen Corona freiwillig zu Hause behielten. Bereits eingezahlte Beiträge erstattet ihnen die Kita zurück. Andere Betriebe wiederum stellten Elternbeiträge in dieser Zeit gar nicht mehr in Rechnung. Der Ertragsausfall wird nun entschädigt.

«Die Kitas sind extrem unter Druck»

Davor herrschten monatelang Ungewissheit und finanzielle Nöte: Im Frühjahr blieben die Kinder aus, während die Kitas trotzdem geöffnet bleiben mussten und die vollen Kosten anfielen. Angst bezüglich Corona prägte die Arbeit. Im Sommer folgte ein administrativer Grossaufwand, um gegenüber den Behörden die Ausfalltage nachzuweisen.

«Doch wer denkt, jetzt sei alles wieder gut, irrt sich», sagt Estelle Thomet, Leiterin Region Zürich beim Verband Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse). Der Winter sei als Erkältungssaison sowieso streng für die Kitas. Nun komme hinzu, dass in der zweiten Coronawelle wegen Quarantänemassnahmen immer wieder Mitarbeitende ausfielen. «Die Kitas sind extrem unter Druck, um den Betreuungsschlüssel einzuhalten.» Gemeint ist, wie viele Fachpersonen für eine bestimmte Anzahl Kinder nötig sind.

«Es geht um ein Engagement für Familien und Kinder»

«Manch eine Kita bibbert derzeit jeden Tag, ob sie es schafft, den Betrieb aufrechtzuerhalten.» Überdies gibt es laut Thomet immer noch vereinzelt Diskussionen bezüglich Elternbeiträge, obschon rechtlich klar sei, dass diese geschuldet blieben. «Einige Eltern haben wegen Corona Angst, ihr Kind in die Kita zu schicken, und natürlich sind auch zahlreiche Familien von Quarantänemassnahmen betroffen.»

Was die Kibesuisse-Vertreterin vermisst, ist proaktive Hilfe für die Kitas, für schulergänzende Betreuung und Tagesfamilien durch die staatlichen Strukturen im Kanton Zürich – etwa durch rasches Eingreifen, wenn wegen Personalausfälle eine Teilschliessung droht. Von aussen erhalte man den Eindruck, dass die Betreuungsstätten in dieser zweiten Welle sich selbst überlassen würden, sagt Thomet. Dabei habe sich in der Coronazeit gezeigt, wie wichtig sie für das Funktionieren des wirtschaftlichen Systems seien. «Ich erwarte, dass ein derart relevantes Angebot besser unterstützt wird. Letztlich geht es um ein Engagement für Familien und Kinder – und damit für die ganze Gesellschaft.»

Die Stadt Zürich gewährt Ausnahmen

Beim Sozialdepartement der Stadt Zürich lässt man den Vorwurf, untätig zu sein, nicht gelten. «Die Krippenaufsicht ist sich bewusst, dass die aktuelle Lage eine grosse Herausforderung für die Kitabetriebe darstellt», schreibt die Medienstelle.

Grundsätzlich müsse eine Kita die gesetzlichen Vorgaben wie etwa den Betreuungsschlüssel jederzeit einhalten. Sei dies aber wegen coronabedingter Personalausfälle nicht mehr vollumfänglich möglich, schaue man dies mit der betroffenen Kita individuell an. «In solchen Fällen erachtet es die Krippenaufsicht als vertretbar, die gesetzlichen Mindestvorgaben für eine kurze Zeit weniger streng auszulegen, und gewährt Ausnahmen.» Vorausgesetzt, dass die Kinder trotzdem gut betreut und die Eltern über den Zustand informiert seien.