Coronavirus
Wenn Teenager ihre Jugend nicht ausleben können: «Viele ziehen sich zurück»

Keine Partys, keine Konzerte, keine Stadionbesuche, keine lockeren Treffen mit Freunden: Was heisst es für Teenager, wenn sie ihre Jugend nicht ausleben können? Ein Jugend- und ein Fanarbeiter geben Antworten.

Interview: Heinz Zürcher
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«Für Jugendliche ist es etwas vom Schlimmsten, wenn die sozialen Kontakte fehlen», sagt Fanarbeiter Lukas Meier.

«Für Jugendliche ist es etwas vom Schlimmsten, wenn die sozialen Kontakte fehlen», sagt Fanarbeiter Lukas Meier.

Keystone

Herr Vecko, Sie arbeiten für die Okaj Zürich, die kantonale Kinder- und Jugendförderung. Was beschäftigt die Jugendlichen derzeit am meisten?

Christoph Vecko: Dass sie sich ausserhalb der Schule und Familie nicht frei treffen können – oder nur mit erheblichen Einschränkungen. Für ihre Entwicklung ist es enorm wichtig, sich mit Gleichaltrigen austauschen zu können. Ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl zu erleben und sich gleichzeitig von Erwachsenen abzugrenzen. Auch Konzerte, Partys und Sport im Verein fallen ja weg, kurz, das Ausleben der Jugendphase ist aktuell sehr schwierig. Belastend kann aber auch die Situation zu Hause sein.

Inwiefern?

Vecko: Sind Eltern die ganze Zeit im Homeoffice oder haben sie berufliche und private Zukunftsängste, kann dies zu familiären Spannungen führen, die an den Jugendlichen nicht spurlos vorbeigehen. Aus diesem Grund ist die Beziehung zwischen Jugendarbeitenden und Jugendlichen so wichtig. Jugendliche brauchen Vertrauenspersonen ausserhalb von Familie und Schule.

Zur Person Christoph Vecko ist Sozialpädagoge und Projektleiter bei der Okaj Zürich. Er ist im stetigen Austausch mit den Fachpersonen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Kanton Zürich und seit Jahren Stadiongänger. Die Okaj Zürich ist der kantonale Dachverband der offenen, verbandlichen und kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit und vom Kanton Zürich mit der kantonalen Kinder- und Jugendförderung beauftragt.

Zur Person Christoph Vecko ist Sozialpädagoge und Projektleiter bei der Okaj Zürich. Er ist im stetigen Austausch mit den Fachpersonen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Kanton Zürich und seit Jahren Stadiongänger. Die Okaj Zürich ist der kantonale Dachverband der offenen, verbandlichen und kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit und vom Kanton Zürich mit der kantonalen Kinder- und Jugendförderung beauftragt.

zvg

Welche Spuren hinterlässt die Pandemie bei den Jungen?

Vecko: Fachpersonen der Jugendarbeit beobachten bei Jugendlichen eine Tendenz zu vermehrtem Konsum von Tabak, Cannabis, Alkohol oder anderen Substanzen. Verschiedene Hilfs- und Beratungsangebote melden eine erhöhte Kontaktaufnahme von Jugendlichen. Es gibt aber auch positive Auswirkungen – Jugendliche zeigen sich in grossen Teilen solidarisch. Sie tragen die Massnahmen mit und engagieren sich beispielsweise rund um die Initiative Jugend hilft.

Herr Meier, Sie sind Projektleiter bei Fanarbeit Schweiz. Was heisst es für junge Fussballfans, nicht mehr ins Stadion zu dürfen?

Lukas Meier: Für Jugendliche und junge Erwachsene ist es eine sehr einschneidende Erfahrung. Für sie ist es etwas vom Schlimmsten, wenn die sozialen Kontakte und das gewohnte Umfeld fehlen. Nicht nur, aber besonders an Spieltagen. Das Stadion ist auch ein Teil Freiraum, den sie kreativ mit ihrer Fankultur mitgestalten. Und das können sie aktuell nicht mehr ausleben. Viele ziehen sich ins Private zurück.

Zur Person Lukas Meier ist Stellenleiter bei Fanarbeit Bern und Projektleiter bei Fanarbeit Schweiz, der nationalen Fachstelle für Fanthemen und einem vom Bund anerkannten Dachverband der Sozioprofessionellen Fanarbeit. Fanarbeit Schweiz setzt sich für eine bunte und lebendige Fankultur ein und für eine objektive Sichtweise auf die Fankultur, die Fans nicht ausschliesslich unter Sicherheitsaspekten und Risikofaktoren einstuft.

Zur Person Lukas Meier ist Stellenleiter bei Fanarbeit Bern und Projektleiter bei Fanarbeit Schweiz, der nationalen Fachstelle für Fanthemen und einem vom Bund anerkannten Dachverband der Sozioprofessionellen Fanarbeit. Fanarbeit Schweiz setzt sich für eine bunte und lebendige Fankultur ein und für eine objektive Sichtweise auf die Fankultur, die Fans nicht ausschliesslich unter Sicherheitsaspekten und Risikofaktoren einstuft.

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Was fehlt den jungen Fans besonders?

Meier: Ins Stadion gehen, die Mannschaft unterstützen und viele Freunde treffen. Gemeinsam Lieder singen. Jubeln, schreien, sich umarmen und Emotionen erleben und rauslassen. Auch die Reisen zu den Auswärtsspielen fallen weg. Das sind grossartige und interessante Erlebnisse, genauso wie die kreative Betätigung beim Erstellen gemeinsamer Choreos oder dem Einstudieren neuer Lieder. Die Fankultur ist umfassender und bedeutender als der sicht- und hörbare Support während 90 Minuten.

Dafür gibt es nun weniger Polizeieinsätze.

Meier: Ohne Zuschauer braucht es aktuell keine Buvette, keinen Fanshop und auch keine Polizei. Aber das ist nichts Fussball- spezifisches, sondern Corona geschuldet. Überall sehen wir, dass es weniger Personal und Aufwände gibt. Es wäre aber fatal, wenn wir die einschränkenden Massnahmen wie zum Beispiel das Verbot von Auswärtsfans länger als nötig aufrechterhalten würden. Es geht neben dem Bewahren der tollen Atmosphäre und Fankultur spezifisch auch um den Schutz einer Jugendkultur.

Wird ein Matchbesuch bald schon wie in den USA verlaufen, wo Fans erst nach der Aufforderung des Stadionsprechers mit ihren Schaumstofffingern winken und Maskottchen in die Hände klatschen?

Meier: Wild war es vielleicht in den 1980er- und 1990er-Jahren. Aber so laut, kreativ und bunt wie heute war es wahrscheinlich noch nie. Gerade jetzt sieht man während der Geisterspiele, wie wichtig Zuschauer sind und wie gross der Anteil der aktiven Fankurven am Erlebnis Fussballmatch ist. Ohne sie fehlt das Feuer, die Leidenschaft, die Seele. Schwer zu sagen, ob die allgemeine Entwicklung der Kommerzialisierung, wie sie in den USA bereits sehr ausgeprägt ist, auch hier durch die aktuelle Situation einen weiteren Schub erhält. Aber ich denke, wir sind schon noch weit davon entfernt. Unsere Fanszenen reagieren jedenfalls, wie sich schon mehrmals zeigte, allergisch auf solche Inszenierungen.

Kann es nicht sein, dass die Klubs viele ihrer jungen Fans verlieren, weil diese nun nach alternativen Freizeitbeschäftigungen suchen?

Meier: Es gibt sicher solche, die sich von ihrem Klub entlieben und abwenden. Aber man darf nicht vergessen: Für viele ist ihr Klub ein massiver An- ker im Leben, den sie nicht so schnell loslassen werden. Entscheidend wird sein, wie lange die Verbote und Einschränkungen anhalten.

Wird das Fan-Sein nun häufiger auf Onlineforen ausgelebt?

Meier: Das gibt es vielleicht zum Teil. Aber das ersetzt niemals das Zusammenkommen vor Ort und die aktive Beteiligung.

Auch nicht für Jugendliche, die sich heute vielleicht selbstverständlicher in virtuellen Welten bewegen als ältere Generationen?

Meier: Viele junge Fans sehen das Digitale durchaus kritisch. Sie können auch mit virtuellen Formaten wie E-Sports nichts anfangen. Auch wenn sie zu Hause selber gamen, sind das Ausleben der Fankultur, der Support, das Basteln einer Choreo oder das Singen von Liedern das pure Gegenteil zu den Aktivitäten im virtuellen Raum. Vecko: Während des Lockdowns im Frühling, als die Schülerinnen und Schüler im Homeschooling unterrichtet wurden, hat man bei den Jugendlichen eine digitale Müdigkeit beobachtet. Trotzdem, es ist wichtig, dass heute und in Zukunft neben der Offenen Kinder- und Jugendarbeit auch auf digitale Jugendarbeit gesetzt und diese gestärkt wird.

Was heisst das für die Fan- und Jugendarbeit?

Meier: Es ist momentan sehr schwierig, die Kontakte und die Vertrauensbasis aufrechtzuerhalten. Denn die jungen Fans melden sich selten bei uns, wir müssen sie aktiv kontaktieren. Doch der Austausch und die Kontakte entstehen meistens im Stadion oder auf den Reisen zu den Auswärtsspielen.

Vecko: Es ist essenziell, die Jugendlichen draussen an ihren Orten aufzusuchen und ihnen Räume anzubieten, um so mit ihnen in Kontakt und für sie ansprechbar zu bleiben. Diese offene Jugendarbeit einzustellen oder einzusparen wäre fatal. Nur wenn man Jugendliche persönlich kennen lernt, kann man Vertrauen aufbauen, Kontakte pflegen und dann auch einmal telefonisch oder digital beraten.

Können Abstands- und Hygieneregeln in den Treffs eingehalten werden?

Vecko: Für Treffs gibt es Rahmenschutzkonzepte, die den aktuellen Massnahmen angepasst werden. Es ist beeindruckend, wie gut sich die Jugendlichen trotz dieser schwierigen Situation auch ausserhalb der Treffs an die Schutzmassnahmen halten. Sie zeigen ein hohes Mass an Solidarität. Und ich finde, das darf man etwas häufiger würdigen.