Zürich
Wenn Schmutzfinken sich in Parks versäubern

Selbst auf dem Platzspitz mit Gratis-WC muss das Zürich Reinigungspersonal öfters hinter Leuten her putzen. Sie tut dies ganz generell, um den Park sicher und sauber zu halten.

Marius Huber
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Die Idylle trügt. Sobst im Platzspitz, wo es ein Gratis-WC hat, verrichten die Leute ihre Notdurft im Freien.

Die Idylle trügt. Sobst im Platzspitz, wo es ein Gratis-WC hat, verrichten die Leute ihre Notdurft im Freien.

Keystone

Zürichs berühmtester Obdachloser schien keine Geheimnisse zu haben. «Mis Dach isch dr Himmel vo Züri», sang er mit klaffender Zahnlücke, und er verriet auch gleich, wo er sein Bett hatte, seine Sitzbank und seinen Schrank: am Bellevue, an der Schipfe und am Central nämlich. Das war vor über 50 Jahren, als der Bündner Kabarettist Zarli Carigiet mit dieser Rolle im Musical «Mini chlii Stadt» die Herzen der Zürcher eroberte. Wahrscheinlich auch deshalb, weil sein romantisierter Clochard über die anstössigste aller Fragen keine Zeile verlor: Wo hat einer, der die Stadt als sein Haus betrachtet, eigentlich sein WC?
Was keiner so genau wissen will, erfährt unfreiwillig, wer zur falschen Zeit am falschen Ort vorbeikommt. Zum Beispiel auf dem Platzspitz hinter dem Landesmuseum. Hier kann es passieren, dass zwischen erhabenen Platanen und grünen Wiesen der Blick plötzlich an einer Szene hängen bleibt, die man so allenfalls in einem Entwicklungsland erwartet hätte: ein verwahrloster Mann mit heruntergelassenen Hosen, der gerade unter heiterhellem Himmel seine Notdurft verrichtet.
Starke Nerven sind gefragt
Ein Lied davon singen können die Angestellten der Stadt, die in den Pärken zum Rechten sehen. Zum Beispiel die Leute von der Stadtreinigung. Vor allem im Sommer, wenn sich das Leben an der frischen Luft abspielt, seien sie auf ihren Touren mit diesem Phänomen konfrontiert, heisst es auf Anfrage. Das sei vermutlich eine Folge der so genannten 24-Stunden-Gesellschaft. Die unappetitlichen Hinterlassenschaften fänden sich allerdings eher in den Büschen als auf den Wegen - und damit im Hoheitsgebiet von Grün Stadt Zürich. Auch die dortigen Angestellten brauchen bei der Arbeit bisweilen «starke Nerven», ist zu erfahren. Im Platzspitz hatten sie sogar mal das Pech, sich mit den Werken eines unbekannten Künstlers auseinandersetzen zu müssen, der Skulpturen aus Hundekot formte.
Was die menschlichen Exkremente angeht, ist die Situation insofern besonders schwer nachvollziehbar, als sich mitten im Park eine öffentliche Toilette befindet, die gratis und rund um die Uhr zugänglich ist - im Gegensatz zu den Luxus-WCs im nahen Hauptbahnhof. Die Erklärung von Christian Fischer, dem Leiter der Zürcher Sicherheits- und Präventionseinheit SIP: Manche der Randständigen, die sich dort aufhielten, legten bisweilen eine «gewisse Hemmungslosigkeit» an den Tag. Es sei aber eher die Ausnahme, dass einer sein Geschäft lieber im Park verrichte als auf einer richtigen Toilette. Wenn es die SIP mit notorischen Ignoranten oder offensichtlich verwirrten Leuten zu tun bekäme, würde sie die Polizei oder die Sanität zuziehen, je nachdem.
Urs Brunner, der für die öffentlichen Züri-WCs verantwortlich ist, hat in den vergangenen Jahren eine Tendenz ausgemacht, die ihm zu denken gibt: «Der Bevölkerungsdruck auf die Stadt nimmt stetig zu, und gleichzeitig nehmen die Hemmungen ab.» Trotzdem glaubt auch er, dass es nur ein paar wenige sind, die sich derart um Hygiene und Anstand foutieren, dass sie ihre Notdurft im Freien verrichteten. Weil diese Leute aber mobil seien, zögen sie Orte in der ganzen Stadt in Mitleidenschaft. Zum Beispiel das Triemli, die Fritschiwiese, den Bucheggplatz und das Arboretum am See, aber auch öffentliche Pissoirs und sogar die Rathauswache im Herzen der Altstadt.
Urinieren explizit verboten
Am Platzspitz habe sich das Problem vor ein paar Jahren akzentuiert. Seither patrouilliere die Polizei dort wieder häufiger. Sie tut dies ganz generell, um den Park sicher und sauber zu halten. Gegen Leute, die sich dort erleichtern, können die Beamten mit Verweis auf die städtische Polizeiverordnung vorgehen. Darin heisst es unmissverständlich, dass öffentliches Eigentum nicht verunreinigt werden dürfe - explizit verboten ist das Urinieren.
Ein extrem schwieriger Ort
Diese Vorschrift wird an der Tramhaltestelle Stauffacher konsequent missachtet. Sie ist laut Urs Brunner von Züri-WC ein «extrem schwieriger Ort». Auch dort halten sich Randständige auf, im Gegensatz zum Platzspitz hat es aber nicht einmal eine kostenlose Toilette.
Die Folge: Der Innenhof hinter dem McDonald's dient auch bei Tageslicht immer wieder mal als Pissoir, und des Nachts beobachten Anwohner die Randständigen dabei, wie sie sich unüberhörbar auf ein Mäuerchen vor der Kirche St. Jakob erleichtern - auf dasselbe Mäuerchen übrigens, auf dem tagsüber die Angestellten aus den umliegenden Büros ihre Sandwiches essen. Immerhin ist am Stauffacher Besserung in Sicht: Ab Mitte 2015 steht dort ein grosser Umbau an, in dessen Zug es auch ein Gratis-WC gibt.
Überhaupt muss man der Stadt Zürich bescheinigen: Seit sie vor rund 150 Jahren den Bau einer modernen Kanalisation anpackte, gelingt es ihr in der Regel ganz gut, die schmutzigen Hinterlassenschaften ihrer Einwohner aus deren Bewusstsein zu verdrängen. Eine Errungenschaft, die umso erstaunlicher ist, als sich viele anständige Bürger anfänglich gegen die Neuerung sträubten. Sie waren es gewohnt, ihre Fäkalien als Düngemittel zu verwenden oder zu verkaufen und wollten sie deshalb partout nicht hergeben. So renitent - das ist ein Fortschritt - sind heute nicht mal mehr die ärgsten Schmutzfinken vom Platzspitz.