Farbenfroh, modern, einladend: Das Alterszentrum Grampen in Bülach kann für Personen im fortgeschrittenen Alter ein durchaus attraktiver Ort sein, um den Lebensabend zu verbringen. Das finden offenbar auch jene 400 Personen, welche sich bis heute auf einer Warteliste haben eintragen lassen, um irgendwann einmal ein freies Zimmer oder eine Wohnung zugeteilt zu erhalten. Doch es stellt sich die bange Frage, wie viele von ihnen diesen Tag überhaupt noch erleben werden. Denn einzelne Personen warten bereits seit acht Jahren auf den Übertritt ins Alterszentrum Grampen. «Das ist mein täglicher Frust», räumt Zentrumsleiter Christoph Elmer unumwunden ein. In Notfällen finde sich jedoch immer irgendwie eine Lösung. «Manchmal muss man dann halt auf die Nachbargemeinden ausweichen.»

Doch Bülach ist kein Einzelfall. Lange Wartezeiten gibt es auch in vielen anderen Zürcher Gemeinden und Städten. Schon seit längerem prekär ist die Situation beispielsweise in der Stadt Zürich, vor allem in Zürich-Nord. «Wer in Zürich-Nord wohnt und dort einen Platz in einem Alterszentrum möchte, kann mehrere Jahre warten», sagt Nicole Disler vom Stadtzürcher Gesundheits- und Umweltdepartement.

Es gibt immer eine Lösung

Konkret: Nach Angaben der Altersheimleitung Herzogenmühle in Zürich Schwamendingen sind auf der aktuellen Warteliste gegenwärtig weit über 200 Personen eingetragen, die teilweise schon seit sechs Jahren auf einen Platz im Zentrum warten. «Wenn man flexibel ist und nicht nur in ein bestimmtes Haus ziehen will, ist es einfacher», meint Disler. «Bei dringendem Bedarf gibt es allerdings immer einen Platz sowie die Möglichkeit, später ins gewünschte Haus umziehen zu können.» Man dürfe auch nicht immer Missmanagement oder eine Fehlplanung hinter einem Mangel an freien Plätzen in Zürcher Alterszentren vermuten. «Das zeigt sich zum Beispiel auch gerade beim Neubau des Alterszentrums Trotte in Wipkingen, der seit längerer Zeit durch Rekurse blockiert ist», sagt Disler. Und: «Gute Lösungen brauchen Zeit und sind nicht billig.»

Auch punkto Dringlichkeit versucht Disler, den Mangel an Heimplätzen etwas zu relativieren. «Fast 80 Prozent der über 80-Jährigen in der Stadt Zürich leben selbstständig in der eigenen Wohnung.» Das sei heute möglich durch altersgerechte Wohnungen und Unterstützungsangebote der Spitex.

Gisela Kessler-Berther, Direktorin des Alterszentrums Platten in Meilen, stellt die Bedeutung der Wartelisten grundsätzlich infrage. Und dies, obschon manche betagten Personen auch in Meilen lange Zeit auf einen freien Platz im Heim warten müssen. Denn: «Die meisten Personen, denen wir mitteilen können, dass nun ein Platz frei geworden sei, teilen uns mit, dass es für sie für einen Umzug noch zu früh sei.» Die Regel sei zudem, «dass die Leute heute direkt vom Spital zu uns ins Alterszentrum kommen», stellt Kessler-Berther fest.

Ohnehin sind viele Heimleiter heute der Überzeugung, dass die klassische Form des Altersheims letztlich ein Auslaufmodell ist. Claudio Zogg, Geschäftsleiter des Heimverbandes Curaviva Zürich, teilt diese Einschätzung: «Die Alters- und Pflegeheime im Kanton Zürich mutieren immer mehr zu reinen Pflegeheimen.» Und: «Wir stellen fest, dass die Zahl derjenigen alten Menschen, die nach einem Spitalaufenthalt direkt in ein Alters- und Pflegeheim eintreten, in den letzten Jahren massiv zugenommen hat.»

Alternative Wohnformen

Diese Entwicklung werde durch die Tatsache begünstigt, «dass immer mehr Menschen immer gesünder älter werden und immer länger in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben wollen», sagt Zogg. «Sie kommen deshalb oft erst in hohem Alter und nur, wenn sie starke Beeinträchtigungen haben, erstmals mit einer altersgerechten Institution in Berührung.» Es brauche deshalb künftig nicht nur mehr Pflegeplätze, sondern auch mehr die Selbstständigkeit fördernde Wohnformen, «wie Alterswohnungen oder betreutes Wohnen mit Dienstleistungen».