Leerstehende Industriehallen haben ihren eigenen Charme. Bei Guido Schilling und Darko Soolfrank scheinen sie Goldgräberstimmung auszulösen: «Als wir damals nach Baden kamen, sah es ähnlich aus wie hier», sagt Schilling bei der gestrigen Medienorientierung in der ABB-Halle 622 nahe beim Bahnhof Zürich Oerlikon. Die Halle ist riesig. Tageslicht fällt durch die Dachfenster. Das Areal ist umzäunt, galt in früheren Jahrzehnten als Teil einer «verbotenen Stadt». Nun wollen Schilling und Soolfrank die Halle 622 als Ersatz für die Maag-Eventhalle beim Bahnhof Hardbrücke nutzen. «Eine fantastische Perspektive», schwärmt Schilling.

Voraussetzung ist, dass das Stadtzürcher Stimmvolk am 5. Juni den 240-Millionen-Kredit für die Renovation von Tonhalle und Kongresshaus bewilligt. Dann erlebt Zürich eine Rochade der Kulturhäuser: Dass die Tonhalle während der dreijährigen Umbauzeit ab 2017 in die Maaghalle ziehen soll, war bereits bekannt. Dass die Anlässe, die dann in der Maaghalle keinen Platz mehr haben, im Oerliker Industrieareal stattfinden sollen, ist der neuste Streich von Schilling und Soolfrank.

Die beiden Gründer und Inhaber der Maag Music & Arts AG sind Meister der Zwischennutzung. Angefangen haben sie damit 1995 in Baden. Damals nutzten sie eine ABB-Industriehalle, um das Musical «Space Dream» aufzuführen. Es lief dort während fünf Jahren. Kurz darauf folgte der zweite Streich: Soolfrank und Schilling machten 2002 aus einer alten Industriehalle beim Bahnhof Hardbrücke die Maag-Eventhalle. Auch hier sorgten vor allem Musicals wie «Ewigi Liebi» für Publikumserfolge im vormals von der Öffentlichkeit abgeschotteten Industriegebiet.

Zur Maag-Eventhalle kamen später noch der Club Härterei und ein Bistro hinzu.

Zudem lancierten Soolfrank und Schilling mit Partnern in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem Geroldareal das Trendlokal «Frau Gerolds Garten». Weitere Zwischennutzungsprojekte, die sie in die Wege leiteten, betrafen Wankdorf City in Bern (2012 bis 2014) sowie die Halle 53 in Winterthur (2014).

Ersatz auch fürs Kongresshaus

Die Halle 622 in Zürich Nord soll ab Anfang 2017 nicht nur Ersatz für die Maag-Eventhalle sein, sondern auch für das Kongresshaus, das während der geplanten Renovation für drei Jahre schliesst. Soolfrank und Schilling wollen damit nebst Konzerten und Musicals, bei denen sie als Veranstalter mitwirken, auch Messen, Ausstellungen und Firmenanlässe in die Oerliker ABB-Halle locken. Sie fasst bis zu 3500 Besucherinnen und Besucher und kann für Grossanlässe durch eine angrenzende weitere Industriehalle vergrössert werden.

«Hier könnte etwas in Gang kommen wie in Zürich West vor 20 Jahren», sagt Norbert Müller, Stabschef des Zürcher Stadtrats. Anders als der Gegend um die Hardbrücke, die seit den späten 1990er-Jahren vom Industrie- zum Trendquartier mutierte, haftet dem gleichzeitig auf Industriebrachen entstandenen Neu-Oerlikon noch immer das Image einer Schlafstadt an. «Was hier draussen fehlt, ist Stadtleben», so Müller. Punkto Kultur und Ausgangsmöglichkeiten habe Neu-Oerlikon Nachholbedarf. Dies würde sich ändern, wenn die Rochade der Kulturhäuser mit einem Volks-Ja am 5. Juni zustande käme.

Vertrag auf fünf Jahre befristet

Den entsprechenden Mietvertrag mit ABB haben Soolfrank und Schilling bereits unterschrieben. Das Mietverhältnis ist auf fünf Jahre befristet. Der Vertrag enthält aber für ABB eine Ausstiegsklausel nach vier Jahren; dies für den Fall, dass die Pläne für eine Überbauung des Areals, zu dem die Halle 622 gehört, schon dann umsetzungsreif sind, wie von ABB-Immobilienchef Axel Lehmann zu erfahren war.

Für die Zwischennutzung wird die Halle nach Plänen des Architekturbüros Spillmann Echsle umgebaut. Sie rüsteten 2001 bereits die Maaghalle für kulturelle Zwecke um. Ähnlich wie für die Zwischennutzung der Maaghalle durch das Tonhalle-Orchester geplant, soll auch in die Halle 622 eine Box eingebaut werden, um Akustik und Lärmisolation zu verbessern. Zudem sind Lüftung und Fluchtwege auszubauen. Der Umbau kostet laut Architekt Harald Echsle rund sechs Millionen Franken.