Es ist in universitären Kreisen ein offenes Geheimnis, dass es Professoren gibt, die für eigene Forschungsbeiträge auf die Arbeit ihrer Assistenten zurückgreifen – ohne diese als Quelle zu zitieren. Aber obschon dieser Missstand vielerorts bekannt ist: Offen darüber reden will niemand.

Namen werden höchstens hinter vorgehaltener Hand genannt. Dies bestätigt ein Assistent der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich. Namentlich erwähnt werden möchte auch er nicht. Er habe schon öfter gehört, dass Professoren fremde Forschungsergebnisse – etwa noch unveröffentlichte Doktoratsthesen – unter eigenem Namen publiziert hätten.

Auch in Zürich seien ihm schon solche Vorkommnisse zu Ohren gekommen. Angaben zu konkreten Fällen kann oder will er nicht machen. «Das spielt sich alles sehr subtil ab, offiziell bekannt wird so etwas kaum je.»

Wer hat die Idee gehabt?

Nicht immer müsse böser Wille die treibende Kraft sein, sagt er. Gerade bei einer Doktorarbeit spielt der Austausch zwischen Doktorand und Professor eine zentrale Rolle. Wer von beiden in einem Gespräch die zündende Idee effektiv gehabt hat, ist im Nachhinein oft schwer zu rekonstruieren.

Und noch schwerer zu belegen. «Je stärker sich die Forschungsgebiete von Doktorand und Betreuer überschneiden, desto heikler wird es», erklärt der Assistent.

Dass eine Doktoratsthese vom Professor geklaut wird, ist aber nur eine Form der Ausnutzung, wie sie manche Doktoranden erleben. Ein anderer, ehemaliger Assistent berichtet von einem Professor an der Philosophischen Fakultät in Zürich, der verlangte, als Mitautor in der Arbeit seines Doktoranden aufgeführt zu werden, obwohl er daran kaum beteiligt war.

Ebenso haben Assistenten auch schon halb fertige Aufsätze ihrer Professoren vollenden müssen – ohne als Verfasser genannt zu werden. Zwar gehört es offiziell zum Profil eines Assistenten, dass er seinen Professor in der Forschung unterstützt. Wie weit er dem Betreuer seine Arbeitskraft jedoch anonym zur Verfügung stellen muss, ist zumindest an der Uni Zürich kaum geregelt.

Dienstleistung ist «normal»

Das sagt auch Julian Führer. Er ist Präsident der Vauz, der Vereinigung der Assistierenden an der Uni Zürich, und selber Assistent am Historischen Seminar. «Eine gewisse Dienstleistung dem Betreuer gegenüber wird oft als normal angesehen», sagt er. Zeitlich sei der Aufwand zur Unterstützung des Professors zwar auf ein 20-Prozent-Pensum festgelegt.

Regeln über das qualitative Ausmass der Leistung aber gibt es nicht. Anders gelagert ist das Problem im mathematisch-naturwissenschaftlichen und medizinischen Bereich. Dort werden Arbeiten meist in Gruppen verfasst, wobei alle Mitglieder als Autoren aufgeführt werden. «Konfliktpotenzial gibt es hier, wenn die Forschung einzelner plötzlich als Teamleistung präsentiert wird», sagt Führer.

Die «Ehrenautorschaft»

Ebenfalls üblich in den Naturwissenschaften ist die so genannte «Ehrenautorschaft»: Der Betreuer wird automatisch als Autor genannt, auch wenn er nichts beiträgt. An der ETH gilt das seit kurzem als «wissenschaftliches Fehlverhalten».

Dass Doktoranden wissenschaftliche Übergriffe eines Professors offenlegen, ist selten. Beim kantonalen Ombudsmann Thomas Faesi, der dafür zuständig wäre, ist kein Fall aktenkundig.

Auch Führer kann sich an keine «Eskalation» erinnern. Er spricht aber von einem «erheblichen Graubereich». Denn: Der Betreuer einer Doktorarbeit ist meist auch der direkte Vorgesetzte des Assistenten sowie der Begutachter der Dissertation. Ein Doktorand ist also in dreifacher Weise abhängig von seinem Doktorvater. «Bei einer so engen Zusammenarbeit ist man dem zuständigen Professor ausgeliefert», sagt Führer. Es sei sehr heikel, gegen ihn vorzugehen. Der Betreuer kann sich zum Beispiel mit einer schlechten Note revanchieren. «Das kann das Aus einer wissenschaftlichen Karriere bedeuten.»