Dolder
Wenn der Eisflüsterer seine Arbeit wieder aufnimmt

Auf der Kunsteisbahn Dolder beginnt die neue Saison. Eismeister Fritz Pfister ist bereits seit 41 Jahren mit dabei.

Sarah Jäggi
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«Wind fürchten wir wie den Teufel»

«Wind fürchten wir wie den Teufel»

Limmattaler Zeitung

Die «Seegfrörni», die in Zürich Tausende zu Eisläufern gemacht hatte, lag ein Jahr zurück, als die Dolder Kunsteisbahn auf dem Zürichberg 1930 eröffnet wurde. Hochmodern für damalige Verhältnisse und einmalig für die Schweiz konnte das Eis maschinell hergestellt werden. Mit einer Fläche von 6000Quadratmetern ist sie bis heute die grösste offene Kunsteisbahn Europas.

Auch wenn die Zeiten, als hier – wie 1939 – eine Eishockey-Weltmeisterschaft stattfand, längst vorbei sind, so ist die Eisbahn, idyllisch über der Stadt am Wald gelegen, bis heute für Generationen von Kindern der Ort, an dem sie erstmals auf Schlittschuhen stehen. Viele träumen hier von der Karriere als Eisprinzessin oder arbeiten an einer solchen, wie Denise Bielmann, die hier gross geworden ist.

Kreidemehl und Wasser

Halb so alt wie die Eisbahn ist Fritz Pfister in seiner Funktion als Eismeister. Er ist für die Technik und das Eis – ein Gemisch aus Kreidemehl und Wasser – verantwortlich. Ein schwerer Motorradunfall hat ihn 1968 ins Spital und um seinen Beruf als Maurer gebracht. 1969 trat er eine Stelle an, die ihn seither sommers zum Bademeister im Dolder Freibad und winters zum Eismeister auf der Eisbahn, die unmittelbar daran grenzt, macht.

Pfister kam mit der Absicht, ein Jahr zu bleiben – doch «irgendwie passte es mir, was wollte ich also wechseln?» – und so ist er noch immer da, wochentags von sieben bis halb fünf, in der delikaten Phase des «Aneisens», wenn die erste Eisschicht gelegt wird, auch mal nachts. Über Mittag erreichen ihn seine sieben Arbeitskollegen auf zwei Mobiltelefonen und nachts die verschiedenen Alarme, die auf der Anlage installiert sind.

Das Eisfeld glänzt in der Herbstsonne. Pfister und seine Leute sind bereit. Kurzärmlig macht sich einer auf dem Tribünendach zu schaffen. Vor dem Restaurant werden Holzstühle aufgestellt, einzig die Liegestühle, die man auf die Jubiläumssaison hin angeschafft hat, fehlen noch.

Auf dem Rundgang wird bald klar: Eismeister Pfister ist kein Mann der grossen Worte, macht keine Philosophie aus seinem Job. Vieles ist rasch erklärt: Die Eisbahn funktioniert wie ein grosser Kühlschrank. Gutes Eis ist Eis, das nicht zu weich und nicht zu hart ist. Gut ist die Saison, wenn an möglichst vielen Tagen die Aussentemperatur so tief ist, dass der Kühlschrank ausgeschaltet und die Kunsteisbahn zur «Natureisbahn» wird. Letztes Jahr war dies ausserordentlich häufig – an 18Tagen – der Fall. Langeweile kennt Pfister nicht, denn «kein Tag ist wie der andere: Einmal versinkst du, ‹gopferteckel›, im Schnee, dann wieder ist es ‹gottsjämmerlich› heiss und wir schmelzen schier.»

Prominente zu Besuch

Unvergessene sind für Pfister die Besuche von prominenten Gästen, die sich aufs Glatteis wagen, Hillary Clinton zum Beispiel, als sie noch First Lady war. Und das Publikum? Wie hat es sich verändert in all den Jahren? Im Vergleich zur Zeit der «Rocker und Halbstarken, die in meinen Anfängen hier ihr Unwesen getrieben haben», sei es ruhig geworden und er wisse nicht mehr, wann er letztmals 20 bis 30Störenfriede vom Areal verwiesen habe – etwas, was in den 70er-Jahren an der Tagesordnung war.

Der Einzige, der ihm hin und wieder das Leben schwer macht, ist der Wind. «Den fürchten wir wie den Teufel.» Gegen zu hohe Temperaturen kommt man an, indem man das Eisfeld stärker kühlt. Weht der Wind aber von der Seite, verweht er den so genannten «Eissee», die kalte Luftschicht über dem Eis. «Das ist bitter, da können wir nur mit ansehen, wie das Eis vor unseren Augen schmilzt.»