Seelsorge

Wenn das Kopftuch Heimat vermittelt – konvertierte Seelsorgerin begleitet Familien am Kinderspital Zürich

Manuela Türkel-Melillo ist mit 18 Jahren zum Islam konvertiert. Heute gibt sie Religionsunterricht und liess sich mit einem Praktikum am Kinderspital zur Seelsorgerin ausbilden.

Manuela Türkel-Melillo ist muslimische Seelsorgerin. Im Kinderspital Zürich besucht sie muslimische Patientinnen und Patienten und ihre Familien und steht ihnen für Anliegen zu Hand.

Sie ist sich gewohnt, im Alltag ab und zu auf Ablehnung zu stossen. Doch hier, im Eingangsbereich des Kinderspitals Zürich, fällt die kleine Frau mit dem mattblauen Kopftuch und der hellen Tunika überhaupt nicht auf. Mehrere Frauen mit Kopftüchern stossen Kinderwagen in Richtung Lift, während Manuela Türkel-Melillo auf einer Bank wartet.

Heute ist sie nur für das Interview mit dieser Zeitung gekommen. Bis Ende April war sie regelmässig im Kinderspital und hat als Seelsorge-Praktikantin muslimische Patientinnen und Patienten und deren Familien besucht. Es sei leicht gewesen, ins Gespräch zu kommen, sagt Türkel-Melillo: «Sobald die Familien das Kopftuch gesehen haben, spürten sie ein Stück Heimat.» Vor allem zu den Müttern habe sie so schnell einen Draht gehabt.

Die 35-Jährige versucht zu spüren, was die Familien brauchen. Meist seien das praktische Dinge. Es gehe um menschliche Bedürfnisse, wie die Betreuung kleiner Kinder, die zu Hause bleiben, oder die Müdigkeit der Mutter. Andere waren mit den Umständen nicht zufrieden. «Die Religion steht nicht im Vordergrund.» Dennoch habe sie manchmal mit den Familien gebetet.

Manuela Türkel-Melillo sitzt am Tisch in der Spital-Cafeteria und erzählt mit ruhiger und fester Stimme. Sie ist Italienerin und in der Schweiz aufgewachsen. Mit 18 Jahren ist sie nach der Hochzeit mit ihrem Mann aus eigener Überzeugung zum Islam konvertiert. Aus Interesse an ihrer neuen Religion hat sie sich zur Religionspädagogin ausbilden lassen. Seit 2007 unterrichtet sie Kinder und Jugendliche in der Moschee in Wohlen. Im Aargau wohnt sie auch mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern. 

Seit dem Ende ihres Praktikums im Kinderspital ist sie nun ausgebildete muslimische Seelsorgerin – eine von elf, die die neue Ausbildung absolviert haben, die der Kanton Zürich 2017 lanciert hat. Es ist bereits der zweite Versuch, die Ausbildung von muslimischen Seelsorgern zu professionalisieren. 2015 geriet ein erstes Pilotprojekt, das über den Lotteriefonds mit einer halben Million finanziert wurde, in Schieflage. Eine Teilnehmerin hatte Verbindungen zum fundamentalistischen Islamischen Zentralrat der Schweiz. Sie wurde verdächtigt, extremistisches Gedankengut zu propagieren.

An diesem allerersten Kurs hatte auch Manuela Türkel-Melillo teilgenommen. Dieser sei allerdings eher eine Art Workshop gewesen, sagt sie. Bei der neuen Ausbildung sei von Anfang an klar gewesen – jetzt gilt es ernst. Schon durch die mehrstufige Sicherheitsüberprüfung der Bewerber, die neu eingeführt wurde. «Ich finde das richtig», sagt sie. Das Wichtigste sei die Sicherheit – gerade auch bei Kindern.»

Ein offenes Weltbild ist für die Seelsorgerin wichtig

Im achttägigen Theorieteil der Ausbildung habe sie gelernt, sich professionell und offen immer neu auf die Situation einzulassen. Empathie und Respekt seien Grundsätze des Islam, sagt Türkel-Melillo. «Als Seelsorger gehen wir jedoch als Mensch zum Menschen, nicht als Muslim zum Muslim.» Ein offenes Weltbild sei wichtig, da man bei der Seelsorge auf säkulare, gläubige oder liberale Muslime stosse. Beim Praktikum im Spital haben ihr auch ihre Sprachkenntnisse geholfen. Neben Italienisch und Deutsch spricht sie auch Türkisch. «Dadurch haben sich lange und intensive Gespräche ergeben, die auf Deutsch nicht möglich gewesen wären.»

Schwierig wurde es für sie mit einer Mutter, die vor der Frage nach Leben oder Tod stand. Sollten die Eltern ihrem Kind noch eine weitere Operation zumuten oder es sterben lassen? «Da bin ich an meine Grenzen gestossen und fühlte mich überfordert», sagt Manuela Türkel-Melillo. Darauf hat ihr Mentor, der reformierte Seelsorger im Kinderspital, ihr Tipps gegeben für das nächste Gespräch mit der Mutter: «Die Entscheidung kann ich ihr nicht abnehmen, aber ihr dabei helfen, ihre Gefühle zu sortieren – und sie seelisch entlasten.» Belastete sie selber etwas während des Praktikums, konnte sie das mit den anderen Kursteilnehmern und in der Supervision mit Simon Peng-Keller, dem Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich, besprechen.

Seit dem Abschluss der Ausbildung wartet Manuela Türkel-Melillo auf ihren ersten Einsatz. Im Gegensatz zum Praktikum steht sie nun nur noch auf Abruf bereit. Für die aufsuchende Seelsorge müssten die Spitäler ihre Patientenlisten herausgeben – und das geht nicht, solange die Muslime keine öffentlich-rechtlich anerkannte Glaubensgemeinschaft sind. Für das Kispi sei eine aufsuchende Seelsorge noch nicht notwendig, sagt Pflegedirektorin Bettina Kuster auf Anfrage. Man sei aber froh um die Telefonnummer der muslimischen Seelsorge, die die Triage macht und je nach Sprache und Herkunftsregion der Patienten passende Seelsorgende vermittelt. Drei Frauen haben im Rahmen der Ausbildung ein Praktikum am Kispi absolviert. Nun wolle man sehen, wie sich das entwickle.

Sie sei gewachsen an den Herausforderungen im Spital, sagt Manuela Türkel-Melillo in der Cafeteria. Kleine Kinder voller Schläuche, eine grosse Narbe nach einer Herzoperation oder ein 14-jähriger Krebspatient, der palliativ betreut wird, seien nicht jedermanns Sache. Ihr liege es aber, anderen Gutes zu tun. Früher wollte sie Krankenschwester werden. Als Seelsorgerin könne sie den Menschen in Notsituationen etwas Hoffnung geben. Und ihre Religion sei dabei eine Brücke, eine Gemeinsamkeit, die Vertrauen schaffe.

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