Zürich

Wenn das fachliche Wissen überfordert: mit einem Coach zum Arzttermin

Arztbesuche sind häufig Ausnahmesituationen. Umso mehr, wenn es um schwerwiegende Probleme geht.

Arztbesuche sind häufig Ausnahmesituationen. Umso mehr, wenn es um schwerwiegende Probleme geht.

Patienten, die überfordert sind, können sich neu von der Akademie Menschenmedizin beim Arztbesuch unterstützen lassen.

Tilda Infanger* sitzt zusammen mit ihren Eltern im Behandlungszimmer ihres Onkologen. Die junge Frau hat eben erfahren, dass die starken Kopfschmerzen, die sie seit ein paar Wochen immer wieder plagen, von einem Hirntumor herrühren. Ihre Mutter schluchzt ohne Unterlass. Der Vater stellt eine Frage nach der anderen. Tilda Infanger wird es beinahe schwarz vor den Augen. Sie sieht zwar, wie sich der Mund des Arztes bewegt, die Worte kommen aber nicht bei ihr an.

Erst im Nachhinein wird der Patientin bewusst, dass sie während des Arzttermins nicht aufmerksam sein konnte. Die Fragen, die sie gehabt hätte, konnte sie überhaupt nicht stellen. Zudem war es sehr belastend, dass ihre Eltern zugegen waren. Das ging Tilda Infanger zu nahe. Im Nachhinein hätte sie lieber eine neutrale Begleitperson dabei gehabt, die sie unterstützt hätte.

Solche und ähnliche Schilderungen hat Annina Hess-Cabalzar im Rahmen des Café Med (siehe Zweittext) immer wieder vernommen. Zudem gab es Anfragen von Patienten. Das hat die Präsidentin der Akademie Menschenmedizin (AMM) und ihr Team dazu bewogen, auf den 1. September ein neues Angebot unter dem Titel «Wir begleiten Sie zum Arzttermin» zu lancieren.

Überfordert vom Arztbesuch

Das Angebot richtet sich an Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen – sei es nun Nervosität oder Überforderung mit Fachchinesisch – das Gefühl haben, sie hätten beim Arztbesuch die entscheidenden Informationen nicht verstanden.
Sie können sich einmalig und kostenlos von Fachpersonen der AMM zu einer Konsultation oder Untersuchung begleiten lassen. Wiederholte Begleitungen sind aus Ressource-Gründen nicht möglich. Als Begleiter stehen momentan acht Personen zur Verfügung. Es handelt sich um Fachpersonen aus der Pflege, Ärztinnen, Psychologen und Sozialarbeiter.

So funktioniert das Angebot

Wer das Angebot in Anspruch nehmen will, muss online auf www.menschenmedizin.ch ein Anmeldeformular ausfüllen. Nötig ist ausserdem eine sogenannte Auskunftsvollmacht. Auch dieses Formular findet man auf der genannten Website. Die voraussichtliche Begleitperson nimmt dann mit der Patientin oder dem Patienten für ein Vorgespräch telefonisch Kontakt auf. Die möglichen Fragestellungen werden erörtert und die Patienten formulieren ihre Erwartungen. Sie geben auch an, ob die Begleitperson in der Konsultation nur zuhören oder aktiv nachfragen soll.

Die Patientinnen und Patienten sind angehalten, ihre Ärztin oder ihren Arzt vorgängig zu informieren, dass eine Begleitperson anwesend sein wird. Unmittelbar im Anschluss an den begleiteten Arzttermin findet ein Nachgespräch statt. Hier werden weitere Fragen geklärt und beantwortet. Ziel ist es, dass der Patient nun über einen soliden Überblick seiner medizinischen Situation verfügt. Er soll die Optionen kennen und sich entscheiden können.
Hess-Cabalzar betont, dass die Begleitpersonen keine Fachberatung durchführen. «Dafür ist das Café Med der richtige Ort», sagt die Präsidentin der AMM. Besteht die Gefahr, dass Ärztinnen und Ärzte sich durch die Begleitung angegriffen oder infrage gestellt fühlen? «Wir erwarten, dass es nicht zu Konflikten kommt. Die Ärzte werden unsere Dienstleistung vielmehr als Unterstützung begreifen», sagt Hess-Cabalzar.

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