Der Sechseläuten-Umzug hat eine lange Tradition. Eine fast so lange Tradition hat die Tatsache, dass die Gesellschaft zu Fraumünster nicht mitmarschieren darf. 1988 wurde die Frauenzunft, wie sie oft genannt wird, gegründet. Und Jahr für Jahr verweigern die von Männern beherrschten 26 im Zentralkomitee der Zürcher Zünfte organisierten Vereine den Frauen die offizielle Teilnahme.

Das hält die Damen der Fraumünster-Gesellschaft freilich nicht ab, trotzdem auf der Umzugsroute zu defilieren. Die Stadt lässt sie genauso gewähren wie ihre männlichen Kollegen. Gemäss momentan geltendem Kompromiss marschieren die Frauen vor dem offiziellen Umzug, quasi als Vorhut, müssen dafür jedoch eine Bewilligung einholen.

Heraldische Nichtdiskriminierung

Doch entlang der Marschroute an der Limmat wehten bislang nur die Flaggen der 26 Männerzünfte. Das störte den grünliberalen Gemeinderat Samuel Dubno. Er reichte im Oktober 2011 ein Postulat ein, das die Änderung des städtischen Beflaggungsreglements fordert: Die Flagge der Fraumünster-Gesellschaft soll künftig genauso wie die 26 bisherigen an den Stangen wehen.

Gestern nun kam das Traktandum im Stadtparlament an die Reihe. Dubno argumentierte, das Ziel seines Vorstosses sei nicht, die Zünfte dazu zu zwingen, die Frauen aufzunehmen. Aus städtischer Sicht gehe es jedoch darum, dass sie nicht diskriminiert werden dürften. Dass die Frauenzunft keine eigentliche Zunft sei, liess Dubno nicht gelten: «Auch die Constaffel ist keine Zunft, sondern eine Gesellschaft», so der Grünliberale.

Es gebe keine Diskriminierung, entgegnete Thomas Monn (SVP): «Die Frauen sind heute schon bestens integriert», so Monn. Zum Beispiel dürften sie an Banketten mitessen. Hans Urs von Matt (SP) gab zu bedenken, dass die Zünfte sich schon früher verändert hätten. Mit den beiden Eingemeindungsrunden seien in Zürich auch die Quartierzünfte entstanden. Das Zen- tralkomitee habe diese neuen Zünfte schliesslich auch bei sich aufgenommen. Im Namen seiner Fraktion plädierte er für ein Ja: «Das ist ein sehr sympathischer Wink mit der Fahnenstange», sagte von Matt.

Selbst Zünfter dafür

Ruth Ackermann (CVP) regte eine Textänderung an: Sie wollte die Zahl 27 streichen, was nichts daran ändern würde, dass die Flagge der Frauenzunft hängen würde. Für Aufregung während der Debatte sorgte kurz die Nachricht, dass der neuste Papst gewählt sei.

Zunftmitglied Roger Tognella drückte Sympathie für den Vorstoss aus. «Uns ist eigentlich egal, ob die Fahne hängt oder nicht. Ich selber werde Ja stimmen.» Für Lacher sorgte Dubnos Nachtrag zum Thema Bewilligungspflicht für den Frauenumzug: «Damit ist der Sechseläuten-Umzug die eine grosse Nachdemo der Frauenzunft.» Tosenden Applaus hingegen erntete Hedy Schlatter (SVP) mit ihrem Aufruf an die eigene Partei: «Ich bitte die SVP um Stimmfreigabe.»

Mit 84 Ja zu 31 Nein stimmte der Rat letztlich dem Postulat zu, inklusive Streichung der Zahl 27. Allerdings musste auch die SVP-Frau Schlatter Nein stimmen, ihre Fraktion verweigerte ihr die Stimmfreigabe.

Ob die Flagge beim diesjährigen Zunftumzug bereits hängen wird, ist ungewiss. Um das Beflaggungsreglement zu ändern, ist ein Stadtratsbeschluss nötig. Doch da dieser rein formeller Natur ist, könnte Hochbauvorsteher André Odermatt dem Beschluss vorgreifen und die Flagge einfach anbringen lassen.