Alte Menschen, die an chronischen Krankheiten oder einer beginnenden Demenz leiden, sollen künftig vermehrt zu Hause gepflegt werden. Deshalb testet die Spitex Zürich Sihl den Einsatz von sogenannten Advanced Practice Nurses (APN). Es handelt sich dabei um Pflegefachpersonen, die einen Masterabschluss haben und spezifisch für die Pflege alter Menschen geschult wurden. Das Projekt «Case» soll die Aufgaben- und Verantwortungsbereiche der Pflegeexpertinnen und -experten gegenüber Patienten und Ärzten bestimmen. Damit ist die Spitex Zürich Sihl die erste Pflegeorganisation im Kanton Zürich und der Deutschschweiz, die diese Form der Langzeitpflege zu Hause entwickelt.

Der Unterschied zum gängigen Spitex-Modell liegt in der Dienstleistung, wie Peter Eckert, Leiter Fach- und Pflegeentwicklung und Geschäftsleitungsmitglied der Spitex Zürich Sihl, sagt.
So würden die Pflegeexpertinnen und -experten auch den medizinischen Bedarf der Patienten einschätzen, was über die klassische Pflege hinausgehe: «Dadurch sind sie in der Lage Versorgungslücken zu erkennen und die Kunden und ihre Angehörigen gezielter im Umgang mit chronischen Erkrankungen zu unterstützen. Zum anderen übernehmen sie im Auftrag der Hausärzte erweiterte Tätigkeiten in der Diagnostik und der Therapie», sagt Eckert.

Enger Kontakt zu Ärzten

Beim nun laufenden Test liegt der Fokus auf chronischen Krankheiten und Demenzerkrankungen. Bereits heute leben 150 000 Menschen in der Schweiz mit einer Form von Demenz. Davon sind auch rund 450 000 Angehörige mitbetroffen. Gemäss Angaben der Alzheimer-Vereinigung Schweiz wird sich die Zahl der Demenzkranken bis 2040 verdoppeln.
Ein typischer Einsatz einer APN könnte demnach folgendermassen aussehen: Sie besucht eine über 80-jährige Person mit mehreren chronischen Erkrankungen, die nach einem Spitalaufenthalt wieder nach Hause entlassen wird.

Dabei soll die APN den gesundheitlichen und sozialen Zustand erfassen und bei Bedarf körperliche Untersuchungen durchführen. Auch die aktuelle Medikation mit dem Patienten zu besprechen, gehört zur Aufgabe des Pflegefachpersonals. In Rücksprache mit Patient und behandelndem Arzt werden Ziele und Massnahmen für die Pflege zu Hause besprochen.

Partner des Pilotprojektes «Case» ist die Medix-Praxisgruppe. Die nun in Zürich ab Juli 2018 bis Ende 2019 zum Einsatz kommenden vier APN-Experten entwickeln ihre Kompetenzen in der körperlichen Untersuchung von alten Menschen und bei der Diagnostik unter der Aufsicht einer Hausärztin. «Dazu nehmen sie regelmässig an Sprechstunden in der Hausarztpraxis teil», sagt Eckert. Damit schaffe man das notwendige Vertrauen zwischen Patienten, Pflegefachpersonal und Ärzten. Die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich unterstützt die Spitex Zürich Sihl bei der wissenschaftlichen Auswertung des Versuchs, der bis Ende 2019 läuft.

Sicherer und selbstständiger

Erste Gehversuche aber gab es bereits in Winterthur, wo die Wirkung der APN-Rolle im häuslichen Umfeld getestet wurde. So belegt die SpitexplusStudie des Pflegeinstituts der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), dass 82 Prozent der über 80-jährigen Bevölkerung von Winterthur im eigenen Haus oder der eigenen Wohnung leben. 461 Personen im Alter von 81 und 89 Jahren wurden während neun Monaten von APN-Pflegeexperten betreut. Dies umfasste vier Hausbesuche, drei Telefongespräche und Beratungen im Umfang von insgesamt vier Stunden.

Die Untersuchungsresultate zeigen, dass sich die Beteiligten zu Hause sicherer und selbstständiger fühlten durch das Angebot. Auch litten sie in der Testphase weniger häufig an akuten Gesundheitsproblemen und es kam entsprechend zu weniger Spitaleinweisungen. Insgesamt verzeichneten die Versuchsteilnehmer weniger Stürze im Wohnbereich. Dies dank empfohlenen Massnahmen für die Einrichtung durch die APN-Experten. Mit diesem Angebot kommt die Spitex dem Bedarf an ambulanten Versorgungsmodellen nach, welche die Gesundheitsdirektion per Januar 2018 im Rahmen der Umsetzung des Grundsatzes «Ambulant vor stationär» beschlossen hat.